Stadtkloster

Und vor dem neuen Kloster wütet die Stadt

Die Bullingerkirche im Chreis Cheib ist jetzt ein evangelisches Kloster. Den acht Bewohnern soll es einen geschützten Rahmen und eine Wirkstätte für wohltätige Arbeit bieten. Vor Ort zeigt sich: Es ist weit mehr als das.

Noch ist es ruhig am Bullingerplatz im Zürcher Kreis 4. Kurz nach halb sieben Uhr morgens sind am verkehrsberuhigten Strassenkreisel mit dem Brunnen in der Mitte einzig ein Jogger und eine Hundehalterin anzutreffen. Ganz anders sieht es hier jeweils am Abend aus: Der Bullingerplatz wurde in den letzten Jahren zu einem beliebten Treffpunkt der hippen Quartierbewohner. Am Wochenende belagern jeweils ganze Schwärme von ihnen den Brunnenrand und das daneben liegende Kaffee, um vor dem Ausgehen einen zu heben. Doch jetzt, während die Szenis noch schlafen, findet nur einen Steinwurf vom Platz entfernt eine Feier der anderen Art statt.

Als der letzte Glockenschlag des 7-Uhr-Geläuts verstummt, erheben sich in der benachbarten Bullingerkirche 14 Personen gleichzeitig von ihren Holzstühlen. Wie aus einem Mund stimmen sie einen gregorianischen Choral an. «O Gott, komm mir zu Hilfe, Herr, eile mir zu helfen!», schallt es durch den von Backsteinwänden umschlossenen Kirchenraum. Es folgt ein Gottesdienst nach benediktinischem Vorbild samt Fürbitten, einer kurzen Phase der Stille und mehreren gesungenen Psalmen. Für einen Teil der Anwesenden gehören Tagzeitengebete wie eine solche «Laudes» bald schon zum Alltag: Sie bilden die Kerngruppe des neuen evangelischen Stadtklosters, das ein 2015 gegründeter Trägerverein in dieser evangelischen Kirche eingerichtet hat.

Ausschnitte aus der benediktinischen Liturgie.

Ausschnitte aus der benediktinischen Liturgie.

Jene acht Frauen und Männer, die mindestens ein Jahr im Kloster leben und dessen Betrieb mit anderen Vereinsmitgliedern Tag für Tag aufrechterhalten, wurden vergangenen Dienstag im Kreis von rund 40 Vereinsmitgliedern, Freunden und Vertreterinnen eines befreundeten Klosters feierlich in die Klostergemeinschaft aufgenommen. Mit einem Bekenntnis gab die Kerngruppe beim Aufnahmeritual ihrem Glauben an Gott und ihrem Willen Ausdruck, der verbindlichen Gemeinschaft und deren Gästen beizustehen. Im Juni beziehen die modernen «Nonnen» und «Mönche» ihre Zimmer im benachbarten Pfarrhaus.

Obdach für Notleidende

Zweck des Klosters ist es laut Vereinspräsidentin Cornelia Schnabel, angesichts der zunehmenden «Vereinzelung» der Stadtbevölkerung neue Formen von spiritueller Begleitung anzubieten: «Dabei wollen wir ökumenisch offen bleiben, auch wenn in der Kerngruppe derzeit alle reformiert sind.» Geplant sind auch öffentliche Angebote für Meditation und Exerzitien sowie Zimmer für Menschen in Notsituationen oder ein «Kloster auf Zeit» für Aussenstehende.
Viele Vereinsmitglieder heben die wohltätige Arbeit als urchristliche Aufgabe des Klosters hervor. So auch Herbert Pachmann, der als Passivmitglied nur sporadisch mitwirken wird: «Als spirituell getragene Nächstenliebe ist Wohltätigkeit selbstloser als bei Hilfswerken, die als Organisation auch nach wirtschaftlichen Prinzipien funktionieren müssen», sagt er. Das Stadtkloster finanziert sich ausschliesslich aus Mitgliederbeiträgen und Spenden. Wo in der Stadt konkret ein Bedürfnis nach diakonischen Einsätzen besteht, gilt es für die Gemeinschaft aber erst noch herauszufinden.

Was ihre spirituelle Ausrichtung anbelangt, scheint in der Kerngruppe vieles geklärt – für Diskussionen sorgen vor allem weltliche Belange. Beim gemeinsamen Frühstück nach der Laudes erinnern die Gespräche unter den acht Männer und Frauen trotz ihres fortgeschrittenen Alters sehr an eine Studenten-WG. So ist etwa von einem «Ämtliplan» die Rede, der künftig regeln soll, wer in der Liturgie die Rolle des Vorsängers übernimmt, oder wer wann wohltätige Aufgaben zu übernehmen hat. Darüber hinaus muss auch der «Klostergarten» – ein Pflanzblätz im Familiengarten Hard – gepflegt werden.

Er habe vor dem Zusammenleben im Kloster Respekt, sagt Karl Flückiger, Kerngruppenmitglied und Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Industrie. Zwar lässt sich die Gemeinschaft von benediktinischen und anderen bestehenden Klosterregeln inspirieren. Doch nur schon, dass die Kerngruppe ihren Lebensunterhalt weiterhin ausserhalb des Klosters verdient, oder dass darunter zwei Paare sind, ist mit den vor-reformatorischen Vorstellungen Benedikts kaum vereinbar. Das zwingt das Stadtkloster zu einem flexiblen Umgang mit althergebrachten Gemeinschaftsregeln. Einiges wird demokratisch entschieden, vieles schlicht ausdiskutiert. Bei heftigem Streit werde es hilfreich sein, sich an den Rat Jesu – «Segnet Eure Feinde» – zu halten, sagt Flückiger und lacht.

Sie suchen nach eigener Liturgie

Das Stadtkloster muss aber nicht nur seine Gemeinschaftsregeln erst noch definieren. Auch bei der Liturgie, die sich stark an der benediktinischen Tradition orientiert, sucht die Kerngruppe nach eigenen Ausdrucksformen. Dies führte laut Flückiger beispielsweise dazu, dass am Dienstag nur eine Stunde vor dem Beginn des Aufnahmerituals noch über dessen Ausgestaltung diskutiert wurde.

Das Stadtkloster ist keine Zürcher Erfindung. In den letzten Jahren entstanden bereits in Berlin (2007) und Bern (2013) neue Klöster. Urbane gläubige Menschen scheinen diese alte kirchliche Tradition wiederzuentdecken. Die Mitglieder des Trägervereins fänden im Kloster den Rahmen und die Verbindlichkeit einer Gemeinschaft, in der sie ihre Spiritualität im Alltag einüben und vertiefen könnten, sagt Schnabel: «Im städtischen, konsumgetriebenen Kontext stellt dies ausserhalb einer solchen Struktur eine grosse Herausforderung dar.» Dass das Stadtkloster direkt neben einem Platz liegt, der genau diesen Kontext verkörpert, ist für den Trägerverein kein Problem. Mit dieser Spannung werde auch die Kerngruppe leben müssen, sagt Schnabel. Schliesslich sei das Kloster keine Insel, sondern Teil der Stadt.

Als die Klosterbewohner nach dem Frühstück zu ihren Arbeitsstellen aufbrechen, ist der Alltag längst über den Bullingerplatz hereingebrochen. Pendler auf Fahrrädern und Autos kurven um den Platz. Im Kaffee an der Ecke sitzen zwei junge Frauen am Fenster und nippen Kaffee aus handgetöpferten Schalen. Vor dem Eingang steht ein Mann und telefoniert: kariertes Hemd, Kurzhaarschnitt und Vollbart. Vom Kirchturm her schlägt es neun. Der Bärtige hält sich mit dem Finger sein freies Ohr zu und schreit genervt gegen die Glocken an.

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Autor

Florian Niedermann

Florian Niedermann

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