Jürg Brändli umschreibt es so: «Wir machen Ferien mit unseren Bewohnern.» Er ist Präsident der Stiftung für Privatbetreuungs- und Pflegedienste, die das Alters- und Pflegeheim Neuwies betreibt. Mit «Ferien» ist ein temporärer Umzug der 23 Bewohner von Uster nach Wetzikon ins Hotel Drei Linden gemeint. Drei bis sechs Monate können sie dort eine «andere Umgebung geniessen», wie Stiftungsrätin Silvia Marti es formuliert, bevor es zum neuen Standort geht: in die bis dahin fertiggestellte Überbauung Lichthof neben dem Einkaufszentrum Uster West.

Dass das Altersheim überhaupt den Standort wechselt, war nie geplant und hat mit einem skandalträchtigen Fall zu tun, der vor vier Jahren von der «NZZ» publik gemacht wurde: Der damalige dreiköpfige Stiftungsrat hatte mit verschiedenen Offshore-Firmen, unter anderem im mittelamerikanischen Belize, Management-Verträge für das Alters- und Pflegeheim Neuwies abgeschlossen. Beträchtliche Summen flossen von der Stiftung in diese Firma. Der damalige Heimleiter Horst Ubrich etwa erhielt monatlich gemäss «NZZ» eine Vergütung zwischen 26 000 und 35 000 Franken, dazu Sonderboni bis zu 70 000 Franken.

Das ist viel, wenn man bedenkt, dass es sich bei der Organisationsform um eine Stiftung handelt, die ihre Erträge zur Erfüllung des Stiftungszwecks einzusetzen hat.
Dieser Meinung war auch die kantonale Stiftungsaufsicht, die den Stiftungsrat im Juli 2010 absetzte.

Als neuen, vorerst alleinigen Stiftungsrat setzte die Aufsicht Jürg Brändli ein, der ihr bereits als Berater für andere Stiftungen bekannt war.

Brändli kündigte alle Management-Verträge, auch den von Heimleiter Ubrich. Dieser wollte das Heim, «sein Baby», wie er gegenüber der «NZZ» sagte, jedoch nicht loslassen und kaufte zusammen mit seiner Frau Beate Schmitt die Liegenschaft an der Neuwiesenstrasse in Uster.

Zum grossen Bedauern Brändlis: «Wir hätten das Mietobjekt auch gerne gekauft.» Wieso Ubrich, der ehemalige Heimleiter, und nicht die Stiftung zum Zug kam, hat Stiftungsrätin Silvia Marti bei der Besitzerin in Erfahrung gebracht: «Sie sagte, dass sie Brändli im Gegensatz zu Ubrich nicht kennt.» Nach dem Kauf kam die «Retourkutsche», so Brändli: Ubrich kündigte der Stiftung den Mietvertrag auf Ende März 2013.

Sie hätte also zweieinhalb Jahre Zeit gehabt, um eine neue Liegenschaft zu finden – viel zu wenig Zeit, wie Brändli sagt. Er konnte beim Mietgericht Uster eine Fristerstreckung bis Ende September dieses Jahres erwirken.


Die Suche nach einer neuen Liegenschaft wurde für den Stiftungsrat zum Wettlauf gegen die Zeit. Er prüfte verschiedene Optionen, die dann aber alle nicht realisierbar waren. Dann kam der Lichtblick – das Projekt «Lichthof»: «Wir hörten, dass das Gebiet Strick zwischen Oberland- und Winterthurerstrasse in Uster überbaut werden sollte», erzählt Brändli. Er wandte sich an den zuständigen Immobilienentwickler und bekam schnell die Zusage.

«Vermutlich, weil wir als Pflegeheim mit 52 Plätzen zusammen mit dem neuen Coop Anchor-Mieter sein können.» Dass das neue Heim in Zukunft mehr als doppelt so viele Plätze bieten wird, mache langfristig aus betriebswirtschaftlicher Sicht mehr Sinn.

Der Zeitplan war immer noch knapp. Damit zumindest einer der zwei Stöcke, in den die 23 Heimbewohner einziehen sollen, rechtzeitig per Oktober 2015 fertig werden konnte, durfte sich der Bau nicht verzögern. «Wir haben uns bemüht, einen Rekurs durch eine klare Kommunikation zu verhindern», sagt Brändli. Die Taktik ging auf. Alles lief perfekt – bis das Wetter den Bauherren einen Strich durch die Rechnung machte. «Der letzte nasse Sommer und der extrem kalte Winter waren nicht ideal.»

Im Mai wusste der Stiftungsrat dann definitiv: Der Lichthof ist nicht rechtzeitig bezugsbereit. Eine Übergangslösung musste her. Der Stiftungsrat zog Container-Lösungen und auch ein leer stehendes Heim am Bodensee in Betracht, verwarf die Ideen dann jedoch wieder.

Dann kam Silvia Marti in ihrer Heimatgemeinde Wetzikon auf die Lösung: das Hotel Drei Linden. «Ich wusste, dass es 2016 zugeht und wurde relativ schnell mit dem Besitzer und dem Pächter einig.» Alles passte: Das Hotel verfügt über genau so viele Zimmer, wie das Altersheim benötigt, und durch das Benutzen der Hotelküche kann die tägliche Verpflegung aufrechterhalten werden. Sogar der Mahlzeitendienst, den über 8000 Personen in Uster jährlich nutzen, kann weiterbetrieben werden.

Ein externes Unternehmen kümmert sich um den Umzug, der minuziös geplant wurde: Es musste geklärt werden, was mitgenommen, was entsorgt und was zwischengelagert werde, so Brändli. Erschwerend kam dazu, dass nicht klar geregelt war, ob das Inventar zur Liegenschaft oder zur Stiftung gehört – und unter den gegebenen Umständen sei eine normale Kommunikation mit dem Eigentümer nicht mehr möglich, erklärt Marti. «Neuer Standort, neue Einrichtung», habe man sich deshalb gesagt.

Für die Umtriebe lässt der Stiftungsrat Bewohnern und Mitarbeitern eine Entschädigung zukommen. Wie viel, will Brändli nicht sagen, es sei eine angemessene Summe. Sein Ziel ist, die Heimbewohner so wenig wie möglich durch den Umzug zu belasten.

Im Gegenteil, so Silvia Marti, sie sollen den Ortswechsel als positiv empfinden: «Auch wenn es nur Wetzikon ist, ist es doch eine neue Umgebung, das kann spannend sein.» Dementsprechend wird der Umzugstag inszeniert. Kommenden Dienstag reisen die Senioren mit Ross und Wagen nach Wetzikon.

Bei der Jucker-Farm gibt es einen Halt für ein Mittagessen, bevor es zum «Drei Linden» geht. Dort warten fertig eingerichtete Hotelzimmer mit neuen Pflegebetten und Fotos von Angehörigen auf die Heimbewohner.

Das Gebäude an der Neuwiesenstrasse wird nicht lange leer stehen, wenn es nach den Besitzern Horst Ubrich und Beate Schmitt geht: «Die Liegenschaft soll ab Oktober einer neuen Betreiberin vermietet werden, die ein Pflegezentrum, das heisst ein Pflegeheim mit ambulanter Pflege und Betreuung zu Hause, betreiben will», schreiben die beiden per E-Mail. Ob dies tatsächlich der Fall sein wird, ist noch unklar, denn die erforderlichen Bewilligungen sind noch nicht erteilt.