Die Augen vieler Tierschützer waren auf die Pferde am Sechseläuten gerichtet, nachdem letztes Jahr eines beim Umritt um den Böögg am plötzlichen Herztod starb. In der Folge taxierte der Präsident des Zürcher Tierschutzbundes, York Ditfurth, das Pferdespektakel damals als Tierquälerei. Er wiederholte den Vorwurf im Vorfeld des diesjährigen Fests.
«Das ist ein sehr gemeiner Anwurf», sagt Anton Fürst, Professor für Pferdemedizin am Zürcher Tierspital und Chefveterinär am Sechseläuten. Ditfurths Aussage zeuge von Inkompetenz. Ins gleiche Horn stösst Markus Dubs, Reiterchef des Zentralkomitees der Zürcher Zünfte, von Beruf Arzt. Im Visier hat der Tierschutzbund vor allem den von Knallern begleiteten Umritt um den brennenden Böögg. Fürst sagt, beim Umritt kämen nur stresserprobte Pferde zum Einsatz. Dubs fügt hinzu, Pferde seien keineswegs so geräuschsensibel, wie man meine. Einmal in der Herde im Trab, wie beim Umritt, gehe das gut.

Vorschriften für Pferd und Reiter

Neue Vorschriften für Pferd und Reiter

Nachdem letztes Jahr beim Ritt um den Böögg ein Pferd tot zusammengebrochen ist, gelten für das diesjährige Sechseläuten strengere Regeln.

Fluchttiere wie Pferde nicht geräuschsensibel? «Das ist schon sehr schönfärberisch», sagt Antoine F. Goetschel, bis 2012 Tieranwalt im Kanton Zürich und heute Präsident der Organisation Global Animal Law. Sie setzt sich weltweit für eine bessere Tierhaltung ein. Den Umritt findet Goetschel «grenzwertig». Pferde seien hier fehl am Platz. Dass diese Tiere geräuschsensibel seien, zeige sich jedem Laien, wenn er zum Beispiel einen Gegenstand im Stall fallen lasse. Bis zu einem gewissen Grad, so räumt er ein, lasse sich Stressfreiheit wohl heranzüchten. Er frage sich aber, ob die Pferde vor dem Umritt medikamentös sediert werden.

Ein Drittel sediert?

Dazu gibt es laut Fürst keine Zahlen. Reiterchef Dubs schätzt, dass von den rund 500 Pferden, die im Einsatz sind, rund ein Drittel sediert werden. Dieses Verhältnis gelte wohl auch beim Umritt. Als Medikament verabreichen die Zünfter laut Fürst und Dubs in der Regel eine Paste, die den Pferden ins Maul gestrichen wird. «Das Mittel ist völlig unbedenklich und wird seit 20 Jahren verwendet», so Fürst. Es wirke angstlösend und dämpfe die Nervosität.
Goetschel findet den Vorwurf der Tierquälerei übertrieben. Von schlimmer Tierquälerei könne jedenfalls nicht die Rede sein, diese Kategorie müsse andern Dingen vorbehalten bleiben. Trotzdem begrüsst er es, dass Ditfurth mit seiner Kritik eine Grundsatzdiskussion angestossen hat. «Die Frage stellt sich tatsächlich, ob Tiere zum menschlichen Vergnügen eingesetzt werden dürfen oder nicht.» Diese Frage stelle sich auf allen Ebenen: beim Essen, beim Sport und bei Anlässen.

Den Zürcher Zünftern attestiert Goetschel, Fortschritte gemacht zu haben. Die Sensibilität dafür, die Pferde nicht zu stark zu strapazieren, sei gewachsen. Früher hätten einige Zünfter nicht einmal reiten können, was die Pferde belastet habe. Dieses Jahr werden erstmals Grundkenntnisse im Reiten verlangt. Zudem begutachten zusätzliche Veterinäre die Pferde vor ihrem Einsatz. Allerdings nur von blossem Auge. Dass Veterinäre nervöse Pferde aussortieren, sei aber kaum je vorgekommen, sagt Fürst. Denn vernünftige Zünfter kämen ihnen jeweils zuvor.

Die Hinrichtung des Bööggs ohne Umritt mit Pferden ist für die meisten Zünfter schlicht undenkbar. Dabei gab es auch das schon: 1965. Weil die Maul- und Klauenseuche tobte, mussten die Zünfter mit Holzpferden vorliebnehmen.