«Ist das kein verspäteter Aprilscherz?», fragt Tierparkbesucherin Susanne M. «Ich kann das kaum glauben, das befremdet mich doch sehr.» Kaum glauben kann sie, dass in Zürcher Wildparks jedes Jahr Dutzende von sogenannt «überzähligen» Wildtieren geschlachtet und in den betriebseigenen Restaurants als «Hirschschnitzel» oder «geschmorter Wildschweinbraten» serviert werden.

Doch mancherorts ist dies schon seit vielen Jahren gängige Praxis. So zum Beispiel im Wildpark Langenberg, welcher seit fünf Jahren zusammen mit dem Sihlwald den Wildnispark Zürich bildet. Der Park ist Mitglied von Zooschweiz, der Vereinigung wissenschaftlich geführter Zoos. Zu sehen sind in ihm vorwiegend einheimische Tierarten wie Hirsche, Rehe und Wildschweine.

Zu viele Jungtiere

Und diese scheinen sich im Wildnispark ganz offensichtlich wohlzufühlen. Denn immerhin kommen dort jedes Jahr rund 100 Jungtiere zur Welt. Die Mehrheit von ihnen muss aber aus Platzgründen oder weil die Rangordnung es nicht zulässt, dass mehrere männliche Tiere miteinander leben, den Park verlassen. Wenn die Tiere nicht auswärts platziert werden können, werden sie getötet. Viele von ihnen landen dann auf dem Teller der betriebseigenen Restaurants, wie Martin Kilchenmann, Sprecher der Stiftung Wildnispark Zürich, bestätigt: «Ja, im Restaurant Langenberg und im Restaurant Sihlwald können Gäste Wildtier- und Nutztierfleisch von parkeigenen Tieren konsumieren.» Die Verwertung von Fleisch aus dem Tierpark in den eigenen Restaurants sei «sehr ökologisch» und zeige den Besucherinnen und Besuchern «den natürlichen Kreislauf auf». Laut Kilchenmann ist der Stiftung Wildnispark Zürich wichtig, «dass die Konsumenten den Weg vom Tier zum Stück Fleisch auf dem Teller nachvollziehen können». Besonders viel Werbung scheint man aber für diesen «natürlichen Kreislauf» dann doch nicht machen zu wollen – es bleibt wohl eher ein Geheimtipp.

«Ich bin schockiert»

Denn erst das Kleingedruckte auf der Speisekarte klärt den Besucher über die Herkunft des Fleisches auf: «Unser Hirschfleisch stammt ausschliesslich von Dam-, Rot- oder Sikahirschen aus dem Wildnispark Langenberg.» Allein im Jahr 2012 wurden im Wildnispark 49 Hirsche und 10 Wildschweine geschossen «und für den menschlichen Verzehr verwertet», weiss Kilchenmann.

«Ich bin schockiert», sagt Ruth Widmer, Präsidentin des Tierschutzvereins Horgen und Umgebung, als sie vom Vorgehen im Park in Langnau am Albis erfährt. «Ich habe so etwas nicht für möglich gehalten.» Problematisch empfindet es Widmer vor allem, dass so viele überzählige Jungtiere getötet werden müssen. Doch Kilchenmann entgegnet: «Der Grossteil unserer Gäste zeigt Wohlwollen und Zustimmung für unser Vorgehen.»

Kein Einzelfall

Doch wie auch immer: Die Vorgehensweise im Wildnispark oberhalb des Zürichsees ist kein Einzelfall. Auch in anderen Tierparks landen überzählige Tiere alsbald als «Wildpfeffer» auf dem Teller. So zum Beispiel im Wildpark Bruderhaus in Winterthur. «In den menschlichen Verzehr gelangen pro Jahr zwei bis drei Rothirsche, drei bis vier Damhirsche und zwei bis drei Wildschweine», sagt Beat Kunz, Stadtförster und Geschäftsleiter des Wildparkvereins. Gegessen werde das Wildfleisch «grösstenteils im Restaurant Bruderhaus», welches der Stadt Winterthur gehört.

«Falls die Euthanasierung von Wisenten oder Pferden nötig ist, werden diese als Futter für Wolf oder Luchs aufbereitet.» Für Kunz ist klar, dass zu einer artgerechten Tierhaltung auch die Paarung und die Jungenaufzucht gehört. Aber: «Die Tierbestände in den Gehegen können nicht beliebig anwachsen.»

Ohne Tötungen möglich

Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten weist allerdings darauf hin, «dass viele Zoos und Wildtierparks in Deutschland und Österreich ihre Tierbestände ohne Tötungen managen». Dies geschehe beispielsweise durch eine geschlechtergetrennte Haltung.

Um Nachwuchs zu vermeiden, könnten bei bestimmten Arten aber auch Verhütungsmittel helfen, sagt Vier-Pfoten-Sprecherin Samantha Sbocchi.

Als verwerflich empfindet sie es insbesondere dann, «wenn Wildpärke oder Zoos absichtlich einen Artenüberschuss erzeugen, um die Tiere anschliessend selbst zu schlachten und in ihrem eigenen Restaurant anzubieten oder das Fleisch weiterzuverkaufen».

Juristisch kein Problem

«Rein juristisch betrachtet, ist es nach allgemeiner Rechtsauffassung zulässig, Tierparktiere wie Hirsche oder Schweine zu schlachten und das so gewonnene Fleisch in Restaurants anzubieten», sagt Andreas Rüttimann von der Stiftung für das Tier im Recht. Und was allfällige ethische Bedenken angeht, erklärt der Tierschützer: «Es gibt meiner Meinung nach keinen Grund, weshalb das Schlachten von Tierparktieren in ethischer Hinsicht verwerflicher sein sollte als das Schlachten von Schweinen, Rindern oder anderen sogenannt landwirtschaftlichen Nutztieren.»