Weiningen

Stricknadeln, Abtropfsiebe und Co. werden bei Tamara Hauser zu Kunst

Künstlerin Tamara Hauser.

Künstlerin Tamara Hauser.

Tamara Hauser darf an einer Ausstellung in Rapperswil als Einzige ihr Werk im eigenen Raum zeigen.

Geduldig und konzentriert steckt Tamara Hauser eine farbige Stricknadel in ein durchsichtiges Plastikröhrchen. Dann greift sie zur nächsten Stricknadel und tut dasselbe nochmals, mit der gleichen Wachsamkeit und Sorgfalt. Sie befestigt die zusammengesetzten Elemente mit kleinen Magneten zu einem Ganzen – oder doch nur zu einem kleinen Teil eines grossen Ganzen? Denn Hauser ist gerade dabei, ihre Installation mit dem Namen «Durchlauferhitzungsmaschine» aufzubauen, die sich über eine Fläche von rund 60 Quadratmetern ausbreitet.

Im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil-Jona ist die Weiningerin von insgesamt 33 Ausstellern an der «Grossen Regionalen» die Einzige, die einen separaten Raum für ihr Werk zur Verfügung hat. Die restlichen Werke der anderen Künstler stehen zusammen auf der offenen Ausstellungsfläche von über 1600 Quadratmetern.

Die Weininger Künstlerin Tamara Hauser ist mit ihrem Werk «Durchlauferhitzungsmaschine» als einzige Einzelausstellerin an der «Grossen Regionalen» in Rapperswil zu sehen.

Die Weininger Künstlerin Tamara Hauser ist mit ihrem Werk «Durchlauferhitzungsmaschine» als einzige Einzelausstellerin an der «Grossen Regionalen» in Rapperswil zu sehen.

Alltagsgegenstände werden Kunst

Die zarten Elemente von Hausers Kunstwerk hängen von der Decke und erinnern an Sonnensysteme oder Windspiele. Am Boden und am Heizkörper sind zwei umgekehrte Abtropfsiebe befestigt. Zu entdecken gibt es nebst zahlreichen unterschiedlichen Materialien auch weitere Küchen- und Haushaltsutensilien, die zu ihrem Kunstwerk gehören.

Die Idee dahinter: Stricknadeln, Abtropfsiebe und Co. sollen zweckentfremdet werden und den Betrachter in eine fremde, bunte Welt entführen. Darüber hinaus soll ihre «Durchlauferhitzungsmaschine» Fragen zu den Möglichkeiten der Medizin und des menschlichen Körpers aufwerfen. Hauser überlässt den Besuchern der Ausstellung aber auch gerne ihren Freiraum für eigene Interpretationen.

Die 28-Jährige wurde aus einem ganz bestimmten Grund aus den über 25 Bewerbern für die Einzelpräsentation im sogenannten «Seitenwagen» des Kunstzeughauses ausgewählt. «Wir waren der Meinung, dass diese fragile Arbeit ihren eigenen Raum braucht», sagt Kurator Peter Stohler. Hausers bisherige Werke, die sie in einem Portfolio als Bewerbung geschickt hatte, hätten die Jury auf ganzer Linie überzeugt und ihre Neugier geweckt. Die Weiningerin habe als junge Künstlerin bereits ihre eigene Bildsprache entwickelt und diese perfektioniert, so der Kurator.

Die Künstlerin in Aktion.

Die Künstlerin in Aktion.

Mehr als nur ein Hobby

Hauser selbst ist sich hingegen nicht sicher, ob sie wirklich «Künstlerin» genannt werden will. Denn dieser Begriff sei zu sehr an fixe Vorstellungen gebunden, welche der heutigen Lebensrealität eines Künstlers nicht mehr entsprechen würden. Zudem kann sie sich mit Stereotypen der «Unorganisierten» und «Verstreuten» gar nicht identifizieren: Hauser ist Studentin, unterrichtet eine Sek-Klasse in Handarbeit und Zeichnen, arbeitet nebenbei in einer Parfümerie, designt und näht für ihr eigenes Kleiderlabel – all das ist mit einem grossen Organisationsaufwand verbunden.

Dennoch sei die Kunst für sie keineswegs nur ein Hobby. Im Gegenteil: Irgendwann erhofft sie sich dafür Auszeichnungen wie auch einen zusätzlichen Verdienst zu ihrer Lehrtätigkeit. Im Moment geniesst sie aber erst mal den Erfolg der Einzelpräsentation. Denn Hauser hat auch schon weniger erfolgreiche Zeiten erlebt, die ihr noch in bester Erinnerung sind. Sie spricht von Phasen, in denen sie an ihrem Tun als Kunstschaffende zweifelte. «Manchmal hat man das Gefühl, nichts wert zu sein, der Gesellschaft nicht zu dienen», sagt Hauser nachdenklich. «Solche Gedanken führen zu Blockaden.»

Die Idee für ihr raumfüllendes Werk kam Tamara in einem Brockenhaus. Die bunten Stricknadeln, die sie dort angelacht haben, sollen zusammen mit anderen Alltagsutensilien in eine fremde Welt entführen.

Die Idee für ihr raumfüllendes Werk kam Tamara in einem Brockenhaus. Die bunten Stricknadeln, die sie dort angelacht haben, sollen zusammen mit anderen Alltagsutensilien in eine fremde Welt entführen.

Inspiration im Brockenhaus

In solchen Momenten besucht Hauser gerne Brockenhäuser, um sich etwas abzulenken. Dort kam ihr auch die Idee für ihre «Durchlauferhitzungsmaschine»: Eines Tages stiess sie beim Stöbern auf farbige Stricknadeln, die sie zu ihrem aktuellen Werk inspirierten und ihr letztlich die Chance für die Einzelausstellung brachten. «Als ich erfahren habe, dass ich für den Seitenwagen ausgewählt wurde, bin ich vor Freude in der Wohnung herumgehüpft», erinnert sie sich.

Die Durchlauferhitzungsmaschine ist eine Zusammenfassung eines grösseren Werks, mit dem sie lange beschäftigt war, nämlich der «Futterwechseleinrichtung – Variationen und Etüden». Diese habe bei Ausstellungen immer wieder zu sehr persönlichen, mit der eigenen Biografie verbundenen Rückmeldungen der Betrachter gesorgt, was Hauser besonders freute. Es habe ihr gezeigt, dass sich die ganze Mühe lohne. Nun ist sie gespannt auf die neuen Reaktionen der Ausstellungsbesucher. «Danach ist aber Schluss mit Stricknadeln», sagt Hauser mit einem Lächeln, bevor sie sich wieder konzentriert ans Zusammenfügen der fragilen Elemente ihres Kunstwerks macht.

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