Der Gong erklingt. Und gleich kommt wieder Bewegung auf im Dozentenfoyer, in dem zuvor an 30 Tischen in Zweier- oder Dreiergruppen konzentriert diskutiert worden ist: Im Restaurant zuoberst im Turm der ETH Zürich ist gerade die zweite von insgesamt zwölf Bewerbungsrunden zu Ende gegangen.

Exakt 30 Sekunden haben die Kandidatinnen und Kandidaten nun Zeit, um sich durch das Gewusel zum Tisch ihres nächsten potenziellen Arbeitgebers zu begeben. Dort wird ihnen auch nicht viel mehr Zeit verbleiben, um sich vorzustellen. Bloss sechs Minuten dauert eine Runde jeweils.

Bereits zum sechsten Mal wird dieses «Speed Dating für Jungunternehmen» von Studierendenden der beiden Zürcher Hochschulen organisiert. Der ETH Entrepreneur Club und die UZH Startuppers haben aus einer grossen Zahl von Anmeldungen 30 vielversprechende Firmen ausgewählt. Diese «amazing start-ups», wie sie in einer Broschüre zum Event genannt werden, haben an diesem Abend die Möglichkeit, auf über 100 ausgewählte Studierende aus der gesamten Schweiz zu treffen («outstanding candidates and talents»).

Das Ziel des Abends: Die Jungunternehmer sollen jene Fachleute finden, auf die sie für ihren Start oder das weitere Wachstum angewiesen sind. Und dies erst noch auf einem Weg, der «cool and unique» ist.

Die Welt der Start-ups ist englisch. Schon die Gründerinnen und Gründer der 30 Jungunternehmen hatten ihre Visionen und Ideen zu Beginn des Anlasses auf Englisch präsentiert. Dabei hielten sich die meisten an die knappe zeitliche Vorgabe. Nur bei einigen wenigen musste der Gong, der den Gang des Abends bestimmte, erklingen – die anderen hatten ihren Werbe-Spot vor Ablauf der 30 zur Verfügung stehenden Sekunden beendet. Und bei den späteren Vorstellungsgesprächen lautet die Einstiegsfrage dann meist: «In English or auf Deutsch?»

Unternehmerluft schnuppern

Wiederum ertönt der Gong. Runde drei ist vorüber, gleich beginnt die vierte. Auf dem Weg zum nächsten Tisch schnappt sich einer der Kandidaten ein Glas Wasser ohne Kohlensäure. Nicht, dass ihm am Ende noch die Stimme versage, meint er. Seine Traumfirma sei leider zwar nicht vertreten. «Ich nutze diesen Anlass aber, um etwas Unternehmerluft zu schnuppern – vielleicht fällt mir ja dann noch eine eigene Geschäftsidee ein.»

Während dieser kurzen Pausen blickt sich auch Michel Lalive d’Epinay um; der Anwalt hofft, auf einen Computerspezialisten zu treffen. Der Mitgründer der Plattform «Splendit.ch», die Ausbildungskredite vermittelt und dazu Studenten und private Investoren verbindet, wurde zu spät auf den Anlass aufmerksam gemacht. Einen eigenen Tisch konnte er nicht mehr ergattern, er ist aber als Gast am «Speed Dating» dabei. Seit zwei Jahren seien er und sein Kollege vornehmlich abends und nachts am Entwickeln – nun soll es weiter vorwärtsgehen. Während die Vorstellungsrunden weitergehen und mehrmals der Gong ertönt, kommt auch er mit Interessierten ins Gespräch.

Dass sechs Minuten zu kurz für ein Vorstellungsgespräch seien, glaubt an diesem Abend niemand. «Nach sechs Minuten sind alle meine Fragen beantwortet», sagt etwa Andreas Fluri, der als Mitgründer von «Brotseiten» Pendlern regelmässig Lesestoff bietet. Der kurze Austausch zeige, ob «der Kandidat zu uns und unserer Idee passt.» Dies merkt auch Andreas Guggenbühl schnell. Der Co-Founder des Start-ups «Selfnation», das auf Online-Bestellung Jeans nach Mass herstellt, vergleicht die kurzen Vorstellungsrunden mit einem Date im Privatleben: Entweder funke es oder nicht, sagt Guggenbühl lachend.

In einem Start-up geht es meist auch gar nicht um eine normale Anstellung, halten sowohl Firmengründer als auch Kandidaten fest. «Ich suche keinen Angestellten, der unter mir arbeitet», merkte ein CEO an. «Ich will jemanden treffen, der an meine Idee glaubt und sie mit mir entwickeln will.» Und von Bewerberseite hiess es, dass es nicht «um eine Bindung für immer» gehe. Bei einem Start-up seien Lohn und langfristiger Erfolg oft unsicher, aber man sei mehr als eine blosse blasse Nummer in einem Betrieb und könne sich einbringen und das Unternehmen mitprägen.

Wieder erklingt der Gong; die zwölfte und letzte Runde steht an (und die Afterparty bevor). Die Organisatoren ziehen eine positive erste Bilanz; wie bei den früheren Veranstaltungen hätten viele Kontakte geknüpft werden können, sagt Kristina Kakalacheva, die beim ETH Entrepreneur Club für Marketing und Communications zuständig ist. Deshalb werden weitere «Speed Datings» folgen; und der nächste Event könnte grösser ausfallen, entsprechende Überlegungen stünden im Raum, sagt Kakalacheva. Denn die Nachfrage von Start-up-Firmen und Studierenden nach dieser Dating-Möglichkeit sei gross.