Stilikone

Selfie-Termin mit einem lebenden Toten

Er nennt sich «Zombie-Boy» und sieht mit seinen Tattoos aus wie ein Skelett. Heute macht das kanadische Model Rick Genest in Winterthur Halt, um sich mit Fans zu fotografieren.

Es wäre ein PR-Termin, wie es viele gibt, wäre da nicht der unkonventionelle Gast: Das Tätowierstudio Giahi am HB hat für heute Nachmittag das kanadische Model Rick Genest gebucht, besser bekannt unter dem Namen «Zombie Boy».

Sein Markenzeichen: ein Ganzkörpertattoo, das ihn wie ein Skelett aussehen lässt, manche sagen auch «wie eine verwesende Leiche». Während zwei Stunden steht der 30-Jährige für Selfies mit Fans parat – Totentanzfotos für die Generation Facebook sozusagen.

Eine Blitzkarriere

Nicht minder interessant als das Erscheinungsbild des Kanadiers ist seine Lebensgeschichte. Genest wuchs in Montreal auf und verkehrte in der dortigen Punkrock- und Hausbesetzerszene. Freunde gaben ihm den Spitznahmen «Zombie». Noch heute hält er daran fest und verwehrt sich gegen die Bezeichnung «Skull-Boy» (Totenschädeljunge).

Mit 15 Jahren wurde bei Genest ein Gehirntumor diagnostiziert und erfolgreich entfernt – ein Schlüsselerlebnis, das ihn an seine Sterblichkeit mahnte. Wenig später liess er sich das erste Tattoo stechen, und mit 19 entschied er, seinen Körper im Stile eines Skeletts tätowieren zu lassen.

2011 wurde der Stylist der Musikerin Lady Gaga auf den Mann mit dem morbiden Look aufmerksam und engagierte den damals 25-jährigen Kanadier für die Show des Modedesigners Thierry Mugler. Genest hatte zu der Zeit nicht einmal einen festen Wohnsitz, nun wurde er fast über Nacht zu einem international gefragten Model.

Genest war auf dem Cover der japanischen Vogue, trat in Lady Gagas Musikvideo «Born this way» auf und wurde in mehreren Filmen in Nebenrollen besetzt. Auch in der Show Germany’s next Topmodel war er zu sehen.

Und ein Kosmetikkonzern machte ihn sogar zum Gesicht einer Make-up-Kampagne. Ikonisch ist ein Video, in dem er erst wie ein normaler junger Mann aussieht und sich dann abschminkt – bis auf die gemalten Knochen.

Ein Geschäft der Extreme

Heute ist Genest nicht mehr der einzige Exot in der Modewelt. Die Branche setzt vermehrt auf Typen statt Kleiderständer. So schickte ein italienisches Label erstmals ein beinamputiertes Model über einen Laufsteg an der New York Fashion Week.

Und mit Jamie Brewer stand eine Frau mit Downsyndrom als Model im Einsatz. Die Frage ist aufgeworfen, ist das nun Integration oder blosse Effekthascherei?

Für Genest, der mit seinen Modelauftritten gutes Geld verdient, bedeutet die Ausweitung des Spektrums vor allem neue Konkurrenz. Hat der Kanadier womöglich den Zenit überschritten? Im Tätowier-Studio Giahi stellt sich diese Frage nicht.

«Uns geht es nicht um seine Stellung in der Fashion-Szene», sagt Basil Flachsmann, «Artist Manager» von Giahi in Winterthur. «Die Leute, die in der Tattoo-Szene bewegen, finden ihn so oder so interessant.» Flachsmann muss es wissen.

Er war zugegen, als Genest vor vier Jahren schon einmal bei Giahi zu Gast war, im Flagship-Store in Zürich. Der Zombie-Boy legte sich sogar unter die Nadel und liess sich ein Tattoo stechen. Flachsmann erinnert sich: «Er hatte noch etwas Platz, hinten am Bein.

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