Er ist heruntergekommen, schwer sanierungsbedürftig und höchstens noch 400 000 Franken wert. Trotzdem ist der «Alte Bären» heiss begehrt: Seit einigen Monaten wird um das geschichtsträchtige Gebäude auf dem Kronenareal mitten im historischen Ortskern Dietikons gestritten. Nachdem der Stadtrat im Mai dieses Jahres bekannt gab, den «Alten Bären» verkaufen zu wollen, formierte sich Widerstand. Anfang November dann gab die Mehrheit des Parlaments dem Stadtrat grünes Licht für den Verkauf. Seither läuft eine Volksinitiative, die verhindern will, dass die Stadt das Haus aus den Händen gibt.

Doch eine Meldung auf der Website der Dietiker Firma Ehrat Immobilien AG deutet darauf hin, dass dies schon längst geschehen ist: «Wir konnten den ‹Alten Bären› erwerben und planen sechs Wohnungen», steht dort, neben zwei Skizzen des Gebäudes.

Stadt will morgen informieren

Auffällig ist vor allem, dass die Mitteilung auf September datiert ist. Denn noch im Oktober sagte Stadtpräsident Otto Müller auf Anfrage der Limmattaler Zeitung, es sei ein Interessent vorhanden, der den «Alten Bären» sanieren und dort Wohnungen erstellen wolle. Dies wiederholte der Stadtrat in der Parlamentsdebatte im November. Als ein überparteiliches Komitee aus SP, Grünen, AL und CVP einen Tag später beschloss, eine Volksinitiative zur Rettung des Gebäudes zu lancieren, sagte Müller, der Stadtrat habe dem Verkauf des «Alten Bären» an einen Investor bereits zugestimmt, ein formeller Verkaufsbeschluss sei noch ausstehend.

Auf Anfrage der Limmattaler Zeitung bestätigte Müller gestern noch einmal: «Der formelle Verkaufsbeschluss ist ausstehend.» Zur verwirrenden Meldung der Firma Ehrat wollte er sich nicht äussern. Der Stadtrat werde das weitere Vorgehen bis am Mittwoch mit einer Medienmitteilung bekannt machen.

Irritiert reagierten am Montag Mitglieder des Initiativkomitees. «Sollte es wahr sein, dass der Stadtrat den ‹Alten Bären› schon verkauft hat, wäre das eine massive Irreführung der Bevölkerung», sagte AL-Gemeinderat Ernst Joss. Man gehe jedoch schwer davon aus, dass der Stadtrat so fair sei und mit dem Verkauf noch zuwarte, bis das Stimmvolk entschieden habe. Er habe die Meldung schon vor etwas mehr als einer Woche gesehen, sagt Manuel Peer (SP). «Ich vermute, da hat der Stadtpräsident wieder einmal jemandem etwas versprochen, was er dann nicht halten konnte. Das passiert nicht zum ersten Mal.»

Dass die Verkaufsverhandlungen zumindest schon sehr weit fortgeschritten waren, zeigt sich im Gespräch mit Markus Ehrat, Inhaber der Ehrat Immobilien AG. Als er die Nachricht auf die Website gestellt habe, sei er der Ansicht gewesen, der Kauf des Gebäudes sei definitiv, sagte Ehrat gestern auf Anfrage. Er sei seit einem Jahr im Gespräch mit dem Stadtrat und habe sogar bereits die Planung für das Wohnprojekt gestartet. Diese sei nun aber wieder gestoppt worden. Tatsächlich gekauft habe er den «Alten Bären» noch nicht, so Ehrat: «Ich sollte diese Meldung wohl von der Website nehmen.» Eine halbe Stunde später war der Satz bereits angepasst. «Wir sind in Verhandlung mit der Stadt Dietikon und planen sechs Wohnungen», heisst es nun auf der Website.

Wohin diese Verhandlungen führen werden, steht zurzeit allerdings in den Sternen. Diesen Donnerstag will das Initiativkomitee dem Stadtrat die gesammelten Unterschriften gegen den Verkauf des «Alten Bären» übergeben; es sind mehr als 600 Stück, nötig sind 500. Sagt das Stimmvolk an der Urne ja zur Volksinitiative, wird in der Dietiker Gemeindeordnung festgehalten, dass die Stadt für den Schutz ihres historischen Ortskerns sorgt – auch als Eigentümerin des «Alten Bären». Trotzdem befürchtet das Initiativkomitee, der Stadtrat könnte das Gebäude schon verkaufen, bevor die Initiative zur Abstimmung kommt.

«Das wäre ein absoluter Affront»

Dies wäre jedoch ein «absoluter Affront», sagt Gemeinderat Samuel Spahn (Grüne), der ebenfalls im Komitee ist: «Wenn der Stadtrat den Verkauf nun an der Initiative vorbei durchzieht, erachte ich das als demokratische Unmöglichkeit.» Manuel Peer hingegen sagt, er glaube nicht, dass der Stadtrat das Haus jetzt noch schnell verkaufen werde: «So viel politischen Anstand haben die sieben.»

Dass eine bevorstehende Volksinitiative längst kein Garant dafür ist, dass ein Gebäude nicht verkauft wird, zeigt ein Beispiel aus Schlieren. Dort wollte ein Komitee 2005 den Verkauf des stadteigenen Ferienhauses in Parpan verhindern und sammelte dafür 750 Unterschriften. Das Parlament entschied sich ganz knapp, mit 15 zu 14 Stimmen, für den Verkauf, die Initiative kam nie zur Abstimmung. Auch ein Behördenreferendum half den Gegnern des Verkaufs nichts: Der Stadtrat beauftragte zur Klärung des Streits den Bezirksrat, der entschied, der Verkauf sei rechtsgültig.