«Was macht der verwirrte junge Herr dort oben, der aus dem Fenster ruft?» fragt der Rap-Poet Kutti MC, auch bekannt als Dichter Jürg Halter, ins Mikrofon und beschreibt damit die Szenerie gleich selber: Der Rap-Poet lehnt aus dem erleuchteten Erkerfenster des «Zentrums Karl der Grosse» im Zürcher Oberdorf, unter ihm recken rund 50 Personen an diesem Abend die Köpfe und lauschen den Worten des Berners. Es ist kurz nach 18 Uhr und die Glocken des Grossmünsters sind eben verklungen. «Liebes Volk» spricht Kutti MC und beginnt seine «Rede zur Lage der Nation». Die Zuhörer lachen.

Passanten schauen verdutzt, viele bleiben stehen. Es ist der Auftakt zu «Karls Winterreden.» Während zweier Monate wenden sich 30 Rednerinnen und Redner von der Kanzel an das Fussvolk auf dem Grossmünsterplatz. Gastgeber und Initiant ist das städtische Debattierhaus «Karl der Grosse.» Im «Karl» finden regelmässig Veranstaltungen zu politischen und gesellschaftlichen Themen statt. «Nun wollten wir mal raus aus den eigenen vier Wänden», sagt Programmleiterin Sabine Gysi. Die Idee der Winterreden sei angelehnt an die «Speakers Corner» in London.

Bekannte Redner

Reden werden bekannte Namen wie «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel oder die SP-Nationalrätin Jacqueline Badran. Das Programm ist breit und vielseitig: Von Politikern über Diplomaten, Biobauern, Künstler und Anwälte bis hin zum Pfarrer des Grossmünsters: Sie alle werden auf der Kanzel sprechen. «Was und wie sie es sagen, dabei sind alle völlig frei», sagt Gysi.

Frisch von der Leber spricht Kutti MC: Er improvisiert alles, erzählt von Glühwein der drinnen lockt, von Herkunft und Demut und Radieschen. Die Zuhörer, dick eingepackt in Mäntel und die Hände in den Taschen, schmunzeln und rufen Themenvorschläge hinauf zur Kanzel, die der Künstler aufgreift und in neue Reime verpackt. «Ich habe schon in Kirchen gepredigt, aber draussen noch nie. Mir gefällt diese Idee von Reden im öffentlichen Raum», sagt der Künstler.

«Ich könnte das nicht», sagt die Zuhörerin Elena di Angona anerkennend. Die Zürcherin im Pensionsalter wurde vom Format überzeugt und sagt: «Ich komme bestimmt wieder.» Caroline Raoult wiederum lief einfach vorbei, sah, wer da von der Kanzel sprach und blieb stehen. «Diesen informellen Rahmen gab es bisher in der Stadt Zürich nicht», lobt sie. «Im Sommer wäre die Idee noch besser», scherzt derweil Zuhörer Simon Honegger im Innern des «Karls» wo er den offerierten Glühwein trinkt, von dem Kutti MC immer gesprochen hat. Auch Halter alias Kutti MC ist mittlerweile drinnen im Warmen und genehmigt sich eine Suppe. Zwei Dinge haben das Fussvolk und die oben auf der Kanzel gemeinsam. Erstens: Ein wenig kalt war beiden. Zweitens: Das Format hat sie überzeugt.