Wenn Ursula Weibel vom Balkon ihrer neuen Zwei-Zimmer-Wohnung nach Norden blickt, sieht sie – zwischen zwei Neubauten im streitbaren Grünton hindurch – nach Weiningen.

Dort hat sie 55 Jahre lang gelebt, in einem Haus mit Garten, die meiste Zeit davon mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen. «Das Haus wurde mir irgendwann zu viel», sagt die Rentnerin.

Schweren Herzens entschied sie sich deshalb, sich vom Eigenheim zu trennen, in dem sie nach dem Auszug ihrer Kinder und dem Tod ihres Mannes über Jahre allein gelebt hatte. «Es war ein schwieriger Schritt», sagt Weibel.

Doch es sei wohl der richtige Entscheid gewesen. Zu diesem gehörte auch, dass sich die 88-Jährige im neuen Senevita-Alterszentrum im Dietiker Limmatfeld eine betreute Wohnung mietete.

Altersheim kam nicht infrage

Seit Anfang Dezember, als eine der ersten Bewohnerinnen, lebt Weibel nun dort. Zuoberst, im fünften Stock, wo sie eine ähnliche Weitsicht wie zuvor auf der anderen Seite der Limmat hat. Die Wohnung – ein Ess-Wohnraum, Schlaf- und Badezimmer – ist gemütlich eingerichtet, einige Möbelstücke hat Weibel aus ihrem alten in ihr neues Zuhause mitgenommen.

An den Wänden hängen Bilder ihres Mannes, ihrer Kinder und Enkelkinder, in einer Ecke hat sie sich ein kleines Büro mit Schreibmaschine eingerichtet. «Ich erledige noch vieles selbst, etwa die Steuerrechnung», sagt Weibel, die vor ihrer Pensionierung in der Buchhaltung gearbeitet hat.

Sandra Graf, Geschäftsführerin Senevita Limmatfeld.

Sandra Graf, Geschäftsführerin Senevita Limmatfeld.

Ihre Selbständigkeit und Freiheit sind der rüstigen Seniorin wichtig, weshalb sie das Konzept des betreuten Wohnens im Alterszentrum auch überzeugt. «Das Leben hier ist absolut frei. Man muss sich nur vom Mittagessen abmelden.»

In ein Altersheim zu ziehen, wo der Tagesablauf strenger strukturiert ist, kam für Weibel nicht infrage. «Es wäre unheimlich, wenn ich gar nichts mehr selber machen könnte.» Komme hinzu, dass es in Altersheimen für mehr Geld weniger Zimmer gebe.

In der Miete für ihre Wohnung sind neben Kellerabteil und Nebenkosten auch ein tägliches Mittagessen und eine wöchentliche Reinigung inbegriffen. Etwas, dass die Weiningerin trotz ihrem Drang nach Selbstbestimmung begrüsst.

Das geputzt wird, findet sie «wunderbar». Und Mittagessen möchte sie nicht mehr selber kochen müssen. «Das wäre mir zu aufwendig», sagt Weibel. Lieber verbringt sie Zeit mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern des Alterszentrums, hält mit diesen einen Schwatz oder klopft einen Jass.

Demnächst organisiert sie selber einen Jassnachmittag im Zentrum. Der Kontakt zu anderen Menschen ist mit ein Grund, weshalb sich die Rentnerin für das Alterszentrum entschieden hat. «Meine Kinder leben nicht in der Region und können mich deshalb nicht so oft besuchen», sagt sie.

Ein anderer Grund für den Umzug in die betreute Wohnung im Limmatfeld war für Weibel der hausinterne Pflegedienst, der den den Mietern bei Bedarf rund um die Uhr zur Verfügung steht. Jede der 50 Wohnungen ist mit mehreren Notfallknöpfen ausgestattet, über die das Personal alarmiert werden kann.

«Im Haus in Weiningen musste ich immer das Handy auf mir tragen, um im Notfall jemanden alarmieren zu können.» Falls es irgendwann «im Kopf nicht mehr stimmen» sollte, wie sich Weibel ausdrückt, könne sie von ihrer betreuten Wohnung in eines der Pflegezimmer im Alterszentrum wechseln. Bei dem vifen Eindruck, den Weibel macht, dürfte dies aber noch eine Weile dauern.

Alles in allem hat die Pensionärin an ihrem neuen Zuhause nichts «rumzumäkeln», wie sie sagt. Etwas schade sei einzig, dass es derzeit noch sehr ruhig sei im Zentrum. «Es wohnen noch ziemlich wenig Menschen hier.»

Umzug nimmt Zeit in Anspruch

Tatsächlich sind rund fünf Monate nach der Eröffnung des Zentrums erst sieben der 50 betreuten Wohnungen bewohnt, von den 77 Pflegezimmern sind es deren 14. Das soll sich laut Geschäftsführerin Sandra Graf in den kommenden Monaten jedoch ändern.

Sie rechnet damit, dass sowohl die Wohnungen als auch die Pflegezimmer innerhalb von 1,5 Jahren alle vermietet werden können. «Wir haben eine grosse Nachfrage nach den Wohnungen.

Bis im Juni werden zehn weitere bewohnt sein», sagt Graf. Allerdings nehme der Umzug bei vielen neuen Bewohnern einige Zeit in Anspruch, insbesondere wenn sie zuvor noch das eigene Haus verkaufen müssten.

Die etwa vom Leiter des Alters- und Gesundheitszentrums Dietikon geäusserte Befürchtung (die Limmattaler Zeitung berichtete), dass es mit der Eröffnung des Zentrums zu einem Überangebot von Alterswohnungen in der Region kommen könnte, teilt Graf nicht.

«Wir sehen uns nicht als Konkurrenz, sondern als eine Ergänzung zu den bestehenden Angeboten», sagt sie. Es sei schön, wenn betagte Menschen die Wahl zwischen verschiedenen Anbietern hätten. «Es ist wenig attraktiv, wenn sie sich nicht frei, sondern mangels Alternativen für ein Alterszentrum entscheiden müssen», sagt Graf.

Darüber hinaus sei es für viele Seniorinnen und Senioren wichtig, ihren Lebensabend in «ihrer» Region verbringen zu können, und nicht in einem Zentrum an einem unbekannten Ort.

Auch, weil die Bewohner in den Zentren so auf alte Bekanntschaften treffen würden. «Das erleben wir immer wieder mit Freude», sagt Graf. Diese Erfahrung hat auch Helene Szabo gemacht, die im Dezember eines der Pflegezimmer bezogen hat. «Ich habe hier eine alte Kollegin wieder getroffen», sagt die 84-Jährige.

Die gebürtige Österreicherin fühlt sich gut aufgehoben im Alterszentrum. «Das Personal ist sehr nett. Und es ist schön, gibt es immer jemanden, mit dem man reden kann.»