Die Kirche findet immer weniger Zuspruch: Im Kanton Zürich ist bereits jede vierte Person ab 15 Jahren konfessionslos. Das sind rund 300 000 Personen. Laut den dazu aktuellsten Angaben (2012) des statistischen Amtes des Kantons Zürich ist die Zahl der Katholiken jedoch nur unwesentlich höher (27 Prozent). Am meisten Kirchenmitglieder im Kanton verzeichnet noch immer die reformierte Landeskirche. Doch gerade die Reformierten mussten seit 1970 eine beispiellose Austrittswelle hinnehmen (von 58 auf 32 Prozent).

Diametral anders verlief die Entwicklung bei den Konfessionslosen. Betrug ihr Anteil im Jahr 1970 im Kanton Zürich gerade mal rund zwei Prozent, so stieg er bis 2012 auf gut 25 Prozent.

Doch das Bedürfnis, Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen zeremoniell zu begehen, stirbt nicht mit der Abgabe der Konfession. Für viele seien diese Rituale noch immer der Hauptgrund, nicht aus der Kirche auszutreten, heisst es vonseiten der Freidenker-Vereinigung (FVS). Die schweizweit grösste Organisation von Religions- und Konfessionsfreien existiert seit über hundert Jahren.

«Als Freidenkende haben wir erkannt, dass auch viele Konfessionsfreie und deren Angehörige – insbesondere bei Bestattungen – eine würdevolle Zeremonie wünschen», sagt Felix Roth, Präsident der Freidenker-Vereinigung Zürich. «Wir wollen uns diesen Ritualen nicht verschliessen.» Mittlerweile sind in der ganzen Schweiz 15 Freidenkende als Ritualbegleiter unterwegs. Eine weltliche Abschiedszeremonie mit Trauerrede der Freidenkenden kostet – je nach Aufwand – zwischen 450 bis 800 Franken. Mitglieder erhalten einen Rabatt.

Klare Qualitätsstandards

Roth hat festgestellt, «dass die Zahl der Angebote für konfessionsfreie Abdankungsfeiern in den letzten Jahren markant angestiegen ist». Gerade weil der entsprechende Markt seit geraumer Zeit boome, «sind wir von der Freidenker-Vereinigung derzeit daran, schweizweite Qualitätsstandards für diesen noch relativ jungen Berufszweig zu definieren». Denn vor dem Hintergrund einer immer grösser werdenden Zahl an Konfessionsfreien liege es den Freidenkenden sehr am Herzen, das entsprechende Angebot zu professionalisieren, sagt Roth.

Auch Rolf Steinmann, Leiter des Bestattungs- und Friedhofamtes der Stadt Zürich, hat vor einiger Zeit auf das gestiegene Bedürfnis nach Ritualen für Konfessionslose reagiert. «Da wir in den letzten Jahren immer wieder angefragt wurden, ob wir nicht freie Abdankungsrednerinnen und Abdankungsredner für konfessionslose Feiern nennen könnten, haben wir uns als Dienstleister dazu entschlossen, auf unserer Homepage eine entsprechende Personenliste zu publizieren.» Man könne zwar für diese derzeit acht Rednerinnen und Redner keine absolute Qualitätsgarantie abgeben, meint Steinmann. Denn vieles spiele sich auf der persönlichen Ebene ab und sei auch eine Geschmacksfrage.

Dennoch: «Wir laden alle Personen, deren Adressen wir veröffentlichen, vorgängig zu einem persönlichen Gespräch ein, um mehr über ihre Haltung und ihren Hintergrund zu erfahren.» Bei allfälligen negativen Rückmeldungen von Angehörigen würde man sicher hellhörig werden und wäre auch bereit, «die entsprechende Person wieder von unserer Liste zu streichen», sagt Steinmann. Doch dazu sei es bis heute noch nie gekommen.

Gedichte statt Bibelzitate

Zu jenen, die derzeit auf dieser städtischen Liste der freien Abdankungsredner aufgeführt sind, gehört auch Erna Johanna Stössel. Die ehemalige Richterin arbeitet bereits seit zehn Jahren als freie Abdankungsrednerin in der Stadt Zürich. «Ich lege bei einem nichtkirchlichen Begräbnis wert auf eine liebevolle, würdige und sehr persönliche Abschiedsfeier», sagt Stössel. In den meisten Fällen führt sie die Abdankung in der Friedhofskapelle oder auch am Grab durch. «Manchmal wünschen die Angehörigen aber auch eine entsprechende Zeremonie in einem Wald, in einem Restaurant oder im Pflegeheim.» Statt Bibelzitate liest sie meist Gedichte vor. «Wenn es die Angehörigen wünschen, so spreche ich auch ein Gebet.» Sie erhalte nach den Trauerfeiern jeweils viele anerkennende Dankesworte, erzählt Stössel. Manchmal sogar Küsse. Einzelne Trauergäste würden jedoch ihre Form der Abdankung als zu säkular empfinden. Einmal habe beispielsweise jemand zu ihr gesagt: «Sie haben ja Gott gar nicht erwähnt.» Doch das seien Einzelfälle, sagt Stössel.

Gerade weil aber manche Angehörige einer verstorbenen konfessionslosen Person nicht immer auf die Abdankungspredigt eines Pfarrers verzichten wollen, erhalten reformierte und katholische Pfarrämter im Kanton regelmässig diesbezügliche Anfragen. Beide Kirchen sind zwar grundsätzlich offen, auch Konfessionslosen einige ihrer Dienstleistungen anzubieten. Eine Unsicherheit besteht aber in der Frage der Vergütung. In einer Wegleitung für die reformierten Kirchgemeinden heisst es dazu: «Entscheidet sich der Pfarrer, für ein Nichtmitglied eine Abdankung zu halten, ist grundsätzlich keine Gebühr zu erheben. Im Gespräch mit den Angehörigen ist jedoch die Frage eines Solidaritätsbeitrages anzusprechen.»

Wie viel darfs denn kosten?

Da die Wegleitung aber keine Angaben zur Höhe eines solchen Beitrages macht, wurde sie gemäss Nicolas Mori, Mediensprecher der Landeskirche, in der Vergangenheit sehr unterschiedlich ausgelegt. «Die Bandbreite bewegte sich je nach Kirchgemeinde zwischen einigen Hundert Franken und Beträgen im vierstelligen Bereich.» Der Kirchenrat überarbeite deshalb zurzeit die Wegleitung. «Ziel der Überarbeitung ist unter anderem, die Bandbreiten für die Beiträge anzugleichen», so Mori.

Vonseiten der Katholischen Kirche des Kantons Zürich heisst es, dass man zwar keine Tarife festlegen wolle, aber dennoch «mit viel Fingerspitzengefühl die finanzielle Solidaritätspflicht» bei den Angehörigen in Erinnerung rufe.