Das nun schon seit eineinhalb Jahren andauernde Hin und Her um das Statthalteramt ist eine Geschichte, wie sie das Limmattal noch nie erlebt hat. Und hoffentlich auch so bald nicht mehr erleben wird. Denn man kann das Ganze wenden und drehen, wie man will: Was bisher geschehen ist, macht niemanden wirklich glücklich. Mittlerweile bekommt man den Eindruck, dass sich die meisten Limmattalerinnen und Limmattaler vor allem danach sehnen, dass der zweite Wahlgang bald vorbei ist, dass eine Entscheidung getroffen wird und dass die Turbulenzen aufhören, damit wieder Ruhe einkehren kann.

Doch egal, wie die Wahl am 21. Mai ausgeht: Es werden viele Verlierer zurückbleiben sowie Enttäuschung und Ermüdung. Nicht zuletzt hat die Geschichte auch viele persönliche Beziehungen belastet. Die Flut an Leserbriefen, aber auch E-Mails und Telefonanrufe, welche die Redaktion dieser Zeitung direkt erreichen, zeigen, wie gespalten die Bevölkerung in Bezug auf dieses Thema ist, welche Emotionen es auslöst, wie viel Wut und Ärger auch. 

Und Verwirrung. Das ist mehr als verständlich: Denn es ist kaum mehr möglich, in dieser Geschichte noch den Durchblick zu behalten. Oder zu wissen, auf welche Informationen, welche Aussagen man sich denn verlassen kann. So wird denn auch, von verschiedener Seite, regelmässig der Vorwurf laut, es handle sich bei diesem oder jenem um «Fake News». Was man glaubt, ist, wie immer, letztlich eine Frage der Wahrnehmung.

Es gibt einiges, was gesichert ist

Beurteilen zu wollen, wo denn nun die exakte Wahrheit liegt, wäre vermessen. Trotzdem gibt es einiges, was gesichert ist. Klar ist, dass Adrian Leimgrübler schon 14 Jahre lang Statthalter des Bezirks Dietikon war, als der kantonale Ombudsmann aufgrund einer Beschwerde im Sommer 2015 bei der Oberstaatsanwaltschaft Anzeige wegen des Verdachts auf Begünstigung und Rechtspflegedelikte erstattete. Klar ist, dass gegen den FDP-Politiker ein Strafverfahren eröffnet wurde, welches später wieder eingestellt wurde. Die Staatsanwaltschaft hielt fest, es sei aus ihrer Sicht kein Tatbestand erfüllt.

Unbestritten ist auch, dass Leimgrübler im September 2015 freigestellt und zwei Monate später, gestützt auf eine externe Untersuchung, fristlos entlassen wurde. Der Gesamtregierungsrat stützte die Entlassung, das Verwaltungsgericht hingegen, an welches Leimgrübler den Fall weitergezogen hatte, entschied: Die Entlassung war rechtswidrig. Zwar seien tatsächlich mehrere Pflichtverletzungen festgestellt worden, hielt das Gericht fest. Doch hätte die Justizdirektion ihm zuerst einen Verweis erteilen und ihm die Gelegenheit bieten müssen, seine Leistung zu verbessern, statt ihn zu entlassen. Der Gesamtregierungsrat hielt später an seiner Sicht fest, was Leimgrüblers Anwalt Bernhard Rüdy heftig kritisierte.

Dazu kommt ein weiterer Strang der Geschichte: Acht Statthalter, allesamt ehemalige Kollegen Leimgrüblers, belasten ihn schwer. Er habe öfters schon am Morgen nach Alkohol gerochen, habe viel gefehlt und sei generell unzuverlässig, teilten sie mit. Aus diesen Gründen setzen sie sich für Leimgrüblers Konkurrenten, den jungen Zürcher Juristen Simon Hofmann (FDP), ein. Anwalt Rüdy präsentierte kurz darauf Dokumente, welche die Vorwürfe widerlegen sollen: Referenzschreiben von Behördenmitgliedern beispielsweise sowie eine Bestätigung von Leimgrüblers Arzt – einem langjährigen Freund und engen Vertrauten –, dass kein Alkoholproblem vorliege. Leimgrüblers Zittern sei auf einen Tremor zurückzuführen, seine oft geröteten Augen und Haut auf eine Pollenallergie und der vermeintliche Alkoholgeruch komme vom permanenten Reflux, einem sauren Aufstossen.

Es geht um ein Schlüsselamt

Was lässt sich also, zusammengefasst, sagen? Klar ist: Leimgrübler hat sich strafrechtlich nichts zuschulden kommen lassen. Im Strafverfahren ist nichts hängen geblieben. Klar ist aber auch: Es sind Pflichtverletzungen geschehen. Für seinen Arbeitgeber und den Gesamtregierungsrat haben sie gereicht, um ihn zu entlassen, für Leimgrübler sind es Bagatellen, das Gericht entschied, sie haben eine fristlose Entlassung nicht gerechtfertigt.

Und der Alkohohlvorwurf? Komplett ausgeschlossen ist es nicht, dass bei Leimgrübler zufälligerweise gleich mehrere Symptome zusammenkommen, die normalerweise bei alkoholsüchtigen Menschen auftreten, für die es aber eine andere, ungewöhnliche Erklärung gibt. Sehr wahrscheinlich ist es aber nicht – zumal diverse andere Personen, darunter auch ranghohe Behördenmitglieder, gegenüber dieser Zeitung erwähnt haben, dass sie ähnliche Beobachtungen wie die acht Statthalter gemacht haben.

Was heisst das nun für die Statthalterwahl? Wichtig ist: Wir stimmen am 21. Mai weder über ein Strafverfahren noch über eine mögliche Alkoholsucht ab. Wir stimmen darüber ab, wen wir für die geeignetste Person für dieses Schlüsselamt in unserem Bezirk halten und wer eher dafür sorgen kann, dass wieder Ruhe einkehrt. Ob das Leimgrübler oder Hofmann ist, muss jeder Stimmbürger und jede Stimmbürgerin für sich selber entscheiden.

Denn: Dass das Strafverfahren gegen Leimgrübler eingestellt worden ist, gilt es vorbehaltlos zu anerkennen. Das alleine heisst aber noch nicht, dass zwingend alle Probleme aus der Welt geschafft sind. Im Umkehrschluss kann man auch nicht davon ausgehen, dass jemand, falls denn ein Alkoholproblem vorläge, nur deshalb nicht fähig wäre, ein Amt auszuführen. Wir stimmen nächstes Wochenende über ein besonders wichtiges, verantwortungsvolles Amt in unserem Bezirk ab. Zwei Personen stehen zur Auswahl. Treffen Sie Ihre Wahl.