Herr Katumba, Sie haben gestern mit Vertretern der Film- und Gamebranche die Volksinitiative für ein Film- und Medienförderungsgesetz eingereicht. Warum braucht es das, wo es doch seit der Volksabstimmung 2004 die von Stadt und Kanton Zürich finanzierte Zürcher Filmstiftung gibt?

Andrew Katumba: Weil der Kanton nur noch indirekt den Film finanziert, und zwar über den Lotteriefonds. Bekanntlich hat der Kantonsrat letzten Sommer die Mittel für Kulturförderung beschnitten. Offizielle Staatssubventionen gibt es nur noch für das Opernhaus und für das Theater Kanton Zürich. Alle anderen Kulturinstitutionen und Projekte werden bis 2020 über den Lotteriefonds finanziert. Wie es danach weitergeht, weiss man nicht. Deshalb haben wir die kantonale Volksinitiative lanciert. Wir streben eine gesetzliche Verankerung und dadurch Kontinuität in der Kulturförderung an. Damit der Film und auch neue Medienformate auch in Zukunft gesichert werden können. So emanzipieren wir uns von politischer Willkür.

Die Zürcher Filmstiftung gibt es aber weiterhin. Wie steht es um sie?

Sie schüttet jährlich zehn Millionen Franken aus. Ein Teil der Mittel kommt von der Stadt Zürich, ein Teil vom sogenannten Lastenausgleich, ein Teil vom Lotteriefonds, ein Teil auch aus dem Zinsertrag des Stiftungskapitals. Dieser brach infolge der Finanzkrise 2008 weg. Sowohl die Zürcher Filmstiftung als auch andere Stiftungen in der Schweiz stehen vor neuen Herausforderungen, weil die Zinserträge nicht mehr das Geld einbringen. Entsprechend muss man die Finanzmittel längerfristig über andere Kanäle sichern.

Ist das der Grund, warum Sie eine neue gesetzliche Grundlage wollen?

Nein. Wir leben jetzt im 21. Jahrhundert, im Zeitalter der Digitalisierung, von neuen Medien- und Kunstformen. Im Bereich der audiovisuellen Künste – zum Beispiel Videokunst oder transmediale Projekte – fällt vieles bei der Förderung zwischen Stuhl und Bank. Deshalb möchten wir, dass sich die Zürcher Filmstiftung den neuen Kunstformen öffnet, zum Beispiel auch für Games. Die Volksabstimmung soll zeigen, ob es ein Bedürfnis gibt, die Kulturförderung anders auszurichten – und ob die aktuelle Mittelverteilung noch dem Bedürfnis der jungen Leute entspricht. Wir Film- und Medienschaffenden sind stellvertretend für andere Kultursparten in die Bresche gesprungen, um die Diskussion über die Kulturförderung im 21. Jahrhundert anzuschieben.

Warum sollte der Staat jetzt auch Games fördern?

Die gleiche Frage stellte man vor über 50 Jahren auch beim Film. Er galt als Unterhaltung. Doch man kam gleichsam als geistige Landesverteidigung zum Schluss: Nein, wir möchten eigene Geschichten erzählen. Damals sah man hauptsächlich amerikanische und französische Filme. Dann besannen sich die Nationalstaaten darauf, dass Film nicht nur ein ideales Propagandamittel ist, sondern auch ein Mittel des kulturellen Ausdrucks. Wenn man heute das Konsumverhalten der jungen Leute anschaut, auch von meinen Kindern, sieht man: Sie sind digital unterwegs – und werden hauptsächlich von anglo-amerikanischen Spielen beeinflusst. Dabei können wir im Independent-Game-Bereich und in der digitalen Kunst eigene Geschichten erzählen. Das muss unbedingt gefördert werden! Um diese Inhalte zu gestalten, braucht es eine aktualisierte, zukunftsgerichtete Film- und Medienförderung. Basel lebt das bereits heute mit Erfolg vor.

Sie sprachen von geistiger Landesverteidigung. Sollen jetzt analog zum Heimatfilm auch Heimatgames entstehen, gefördert vom Kanton?

Wir leben in einer globalisierten Welt. Es geht darum, dass man die Autorenschaft in der Schweiz fördert. Wir sollten eigene Inhalte produzieren und Künstlerinnen und Künstler fördern, die hier ihre Wurzeln haben.

Beim Film leuchtet der Förderbedarf leicht ein, man benötigt Schauspieler, viel Equipment, Drehorte. Für Games oder digitale Kunst ist nur ein Computer nötig. Nochmals: Warum braucht es dafür staatliche Gelder?

So stellen Sie die Kulturförderung insgesamt infrage. Man könnte genauso gut sagen: Der Maler in der bildenden Kunst braucht ja nur einen Pinsel. Es geht um Inhalte und Formen, erst in dritter und vierter Linie dann auch um Standort- und Strukturförderung. Man muss auch die Relationen sehen: Der Kanton hat einen Haushalt von 14 Milliarden Franken. Für die ganze Kulturförderung inklusive Lastenausgleich für die Städte Winterthur und Zürich wendet er 150 Millionen Franken auf. Das ist knapp ein Prozent des Budgets. Der Grossteil davon geht in die etablierten grossen Kulturhäuser. Jetzt kommen neue Kulturformen und junge Künstler aus den Kunsthochschulen auf den Arbeitsmarkt, die möchten auch an diesen Honigtopf der staatlichen Kulturförderung. Das ist durchaus legitim.

Wieviel Geld bräuchte es denn für die Film- und Medienförderung?

Das ist im politischen Diskurs auszuhandeln. Letztlich entscheidet der Kantonsrat über die Erhöhung der Mittel für Kultur.

Trauen Sie es dem Markt nicht zu, dass er in der digitalen Kultur die nötige geistige Nahrung hervorbringt?

Kultur entsteht grundsätzlich auch ohne staatliche Mittel. Doch in unserer Kantonsverfassung steht: «Kanton und Gemeinden fördern die Kultur und die Kunst.» Damit haben wir uns einen Auftrag gegeben. Und wenn wir schon mit staatlichen Mitteln Kultur fördern, sollten wir von Zeit zu Zeit auch öffentlich darüber diskutieren, wie wir sie in Zukunft fördern.