Jugendgewalt

«In der Agglomeration wurde es ruhiger, nicht in der Stadt»

Schlägerei in einer Unterführung: In den vergangenen 15 Jahren hat die Jugendgewalt entgegen der Wahrnehmung aber markant abgenommen. (Symbolbild)

Schlägerei in einer Unterführung: In den vergangenen 15 Jahren hat die Jugendgewalt entgegen der Wahrnehmung aber markant abgenommen. (Symbolbild)

Die Jugendgewalt ist über alle Deliktsarten zurückgegangen – und dies massiv, besagt die Langzeitstudie des Kriminologen Denis Ribeaud. Der ETH-Forscher erklärt, weshalb in der Öffentlichkeit ein anderes Bild besteht.

Die Jugendgewalt nimmt im öffentlichen Raum ab. Dabei rückt doch die Polizei immer wieder zu Schlägereien im Ausgang aus. Wie passt das zusammen?

Denis Ribeaud: In den Städten gibt es keine Trendwende. Dort geht es vor allem an den Wochenenden nach wie vor und auch in zunehmenden Masse ab. Auch die Statistik der Unfallversicherung SSUV zeigt ja bei auseinandersetzungsbedingten Verletzungen eine Zunahme auf.

Aber in der Agglo, dort ist es ruhiger geworden. Bei den unspektakulären öffentlichen Räumen ist eine Pazifizierung feststellbar. Teenies, die am Mittwochnachmittag auf gewöhnlichen Spielplätzen kiffen und pöbeln, gibt es vermutlich weniger. Unter der Woche verbringen die Jugendlichen ihre Zeit entweder in der Schule oder zunehmend auch vor einem Bildschirm.

Worauf ist es zurückzuführen, dass es insgesamt im öffentlichen Raum zu einer Beruhigung gekommen ist?

Es gibt wohl drei Faktoren, die einen Einfluss haben dürften. So halten sich Jugendliche wie gesagt insgesamt seltener im öffentlichen Raum auf. Gemäss der Befragung gehen sie heute weniger oft an Pop- und Rockkonzerte, sie halten sich seltener in Cafés und Bars auf, sie gehen nicht mehr so häufig gemeinsam shoppen.

Zudem ist als Folge der Jugendgewaltdebatte ab 2007 natürlich auch die Polizeipräsenz in Hotspots markant ausgebaut worden. Und schliesslich dürfte auch die Abnahme des Alkoholkonsums bei den 15-Jährigen eine Rolle gespielt haben. Es scheint, als ob das Alkoholverkaufsverbot strikter umgesetzt wird als früher.

Ist die Gruppe der Jugendlichen nicht auch anders geworden? So ist etwa die Gruppe der traumatisierten Kriegsgeneration aus dem Balkan dem Schulalter entwachsen.

In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zusammensetzung der untersuchten Jugendlichen in verschiedener Hinsicht geändert. Insgesamt hat der Migrantenanteil in der jugendlichen Bevölkerung weiter zugenommen. Aber im Zuge der Freizügigkeit ist dies zunehmend eine Immigration aus westeuropäischen Ländern, die hinsichtlich des Gewaltverhaltens unproblematisch ist.

Der festgestellte Rückgang der Jugendgewalt ist aber derart markant ausgefallen, dass er nicht einfach nur mit einer veränderten Bevölkerungszusammensetzung erklärt werden kann.

Die Frage des Migrationsstatus spielt keine Rolle?

Für die Erklärung der Gewaltentwicklung spielt dieser keine bedeutende Rolle. Rein statistisch gesehen ist der Zusammenhang zwischen Migrationsstatus und Gewalt ganz klar ein geringerer Risikofaktor als etwa der heikle Medienkonsum. Gerade bei pornografischen Bildern oder Ballergames ist der Zusammenhang zur Gewalt extrem stark.

Ist das nicht die Frage von Ei oder Huhn: Machen nun die Bilder gewalttätig – oder schauen einfach Menschen, die schon gewaltaffin sind, eher Gewaltvideos?

Dazu würde ich gern eine vertiefte Studie verfassen, es besteht Forschungsbedarf. Aber die Daten der Jugendgewaltstudie deuten für mich schon darauf hin, dass der Medienkonsum eine spätere Gewaltanwendung zumindest begünstigen kann. Es gibt ja Neunjährige, die nun noch nicht als gewaltaffin gelten, aber doch schon brutalste Ballergames spielen. Der Medienkonsum hat sich auch stark verändert. Wenn ich nur schon daran denke, wie kompliziert es noch in den 1990er Jahren war, entsprechendes Material zu beziehen.

Die Entwicklung bezüglich Jugendgewalt ist dennoch positiv. Hält der Trend an oder ist das nur eine Momentaufnahme?

Die Langzeitstudie umfasst die vergangenen 15 Jahre. Über praktisch alle Deliktarten haben sich Täter- und Opferzahlen teilweise drastisch reduziert. Und so wie es aussieht, ist die Talsohle noch nicht erreicht.

Trotz des erfreulichen Rückgangs: Jeder zehnte 15- oder 16-Jährige hat in den vergangenen zwölf Monaten zugeschlagen, jeder siebte hat in einem Laden etwas gestohlen.

Es ist klar, dass es nach wie vor Jugendgewalt gibt. Es ist aber ein Niveau erreicht worden, das im historischen Vergleich sehr tief ist. Dieses Niveau gilt es zu halten. Es kann nicht angehen, dass die Politik angesichts der neuen Zahlen sagt, es sei ja alles in Ordnung, nun könne man bei der Prävention sparen. Das wäre der falsche Weg.

Ist es nicht beunruhigend, dass es entgegen dem allgemeinen Trend mehr Jüngsttäter gibt?

Das ist ein völlig überraschender Befund. Zwischen 1999 und 2014 hat der Anteil an Frühtätern unter 13 Jahren konsistent über fast alle Delinquenzarten zugenommen. Allerdings hören diese Jugendlichen auch rasch wieder auf. Es ist nicht so wie früher, als eine frühe Delinquenz auch oft zu einer länger anhaltenden Täterkarriere führte.

Weil man heute durchgreift?

Das würde noch nicht erklären, weshalb diese Gruppe in absoluten Zahlen wächst. Wir haben heute viel mehr Jugendliche, die angeben, schon in jungen Jahren, bevor sie 13 Jahre alt waren, Delikte begangen zu haben. Weshalb sie dann aber auch nach kurzer Zeit wieder aufhören, das müssten wir genauer untersuchen. Vielleicht ist es so, dass der Teufelskreis durch Früherkennung durchbrochen werden kann. An den Schulen wird ja viel unternommen. An jeder gibt es einen Schulsozialarbeiter und damit einen Präventionsprofi.

Gibt es bei den Jugendlichen den typischen Täter, das typische Opfer?

Es sind verschiedene Risikofaktoren vorhanden. Es handelt sich vor allem um Jugendliche, die aus sozial schwächeren Schichten stammen sowie Schul- und Integrationsschwierigkeiten haben. Sie sind auch häufig und lang im Ausgang und weisen gewaltlegitimierende Werthaltungen auf, oft sind sie einer Machorolle verhaftet. Viele Jugendliche sind dabei sowohl in der Opfer- als auch in der Täterrolle betroffen. Meist gibt es nicht das arme Opfer und den bösen Täter – die beiden Gruppen überlappen sich recht stark.

Wo besteht noch Handlungsbedarf?

Einerseits müssen wir das Erreichte halten können. Andererseits gibt es die Hochrisikogruppen, die nur sehr schwer zu erreichen sind. Ich denke auch an Personen aus dem Asylbereich, die wenig Perspektiven haben und nicht mehr über das Schulsystem zu integrieren sind.

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