Vor acht Jahren setzte sich die damals zehnjährige Nathacha Kouni alleine in ein Flugzeug. Es war ihr erster Flug, dieser würde sie in eine neue Heimat bringen. Aufgewachsen war sie bis zu diesem Zeitpunkt in Kamerun. Dietikon war das Ziel ihrer Reise und die Stadt, die von da an ihr neues Zuhause wurde.

Bis heute kann sie sich noch gut an die Gefühle auf dem Flug und den Empfang der Mutter, die sie am Flughafen abholte, erinnern. Auch die erste Zeit in der neuen Umgebung und der erste Winter ist ihr in bester Erinnerung. «Wenn du das Klima in Afrika gewohnt bist, dann sind die Minustemperaturen in der Schweiz ein echter Schock. Dafür war es umso schöner, das erste Mal Schnee zu erleben», sagt sie.

Das Leben in der Schweiz sei vollkommen anders, sagt sie. Innert Kürze erlernte sie aber die neue Sprache und besuchte in den ersten Jahren das Zentralschulhaus und später die Sekundarschule im Schulhaus Luberzen.

Ihr Talent wurde von ihrer damaligen Lehrerin Susanne Schütz erkannt. Sie ermöglichte ihr im Alter von zwölf Jahren den Start in den Leichtathletiksport beim Verein LC Zürich. Seither ist die Faszination für diesen Sport geblieben und über fünfzig gewonnene Medaillen zeugen von ihrem aussergewöhnlichen Talent sowie ihrer Stärke in den Disziplinen Sprint und Diskuswerfen.

Kouni ist siebzehnjährig und die achtschnellste Sprinterin der Schweiz. Die Chancen stehen gut für einen internationalen Durchbruch. Ihre Bestzeit im 100-Meter-Sprint liegt bei 11,84 Sekunden. Zudem ist sie in ihrer zweiten Disziplin, im Diskuswerfen bei der Kategorie U18, an der Spitze. «Das Talent ist da, aber ohne Training geht nichts», weiss ihre Trainerin Rita Schönenberger. Ihre Devise als Trainerin sei die individuelle Förderung, die nicht kurzfristig oder saisonbezogen, sondern langfristig ausgelegt sei.

Eine Vorausschau über zwei Jahren sei in diesem Alter aber sehr schwierig, weil noch so viel passieren könne. Aussichtsreicher sei bei Kouni auf jeden Fall der Sprint. Im Diskuswerfen liege ihr Vorteil ebenfalls in ihrer Schnelligkeit, aber wenn der richtige Zeitpunkt gekommen sei, dann müsse sie sich auf eine Disziplin fokussieren, sagt Schönenberger.

Ohne Pass kein Podest

Zurzeit ist Kouni aber mit einer Tatsache konfrontiert, die ihr in sportlicher Hinsicht Grenzen setzt. Kurzum: Ohne Pass kein Podest. Um an den vordersten Rängen der Schweizermeisterschaften und auch an den grossen internationalen Wettkämpfen überhaupt starten zu können, musste sie sich für das Einbürgerungsverfahren entscheiden.

Eine Hürde, die auch Schönenberger als Hauptverantwortliche für den Nachwuchs U18/U20 beim LC Zürich bestens kennt: Das Limit ist erreicht, die Leistung vorhanden, alle gehen an den Start, nur man selbst bleibe zuhause, das sei schwer. «Nathacha hätte für Kamerun starten und dort die Wettkämpfe bestreiten müssen, obwohl ihr Lebensmittelpunkt im Kanton Zürich liegt», so Schönenberger.

Kouni war sich indes schon immer im Klaren, was sie will: «Ich fühle mich im Sport der Schweiz verbunden und möchte für die Schweiz starten. Meine sportlichen Wurzeln habe ich hier und nicht in Kamerun», sagt sie.

Es sei bisher ihr härtestes Jahr gewesen und für sie ein Gefühl des Rückschlags: «Wenn du weisst, dass das Potenzial da ist, aber nicht starten kannst, ist das sehr hart.» In diesem Jahr seien es gleich drei grosse Events gewesen, darunter die Europameisterschaften und die Young Olympic Games, die sie so verpasst habe. Aber die Unterstützung im Team und im Verein lässt sie durchhalten. «Ich freue mich, dass ich hoffentlich im nächsten Jahr auf dem Platz zeigen kann, dass ich da bin und schon immer da war», sagt sie.

Dank ihren Eltern und der Tatsache, dass sie eine kaufmännische Lehre absolviert, konnte sie im vergangenen Mai die Prüfung zur Einbürgerung erfolgreich ablegen. «Wir freuen uns sehr, dass unsere Tochter bald die Schweiz international repräsentieren darf», meinen die Eltern Flore und Concentin Noumi. Sie seien sehr glücklich und stolz auf ihre Leistung.

Die Schulbank drücken

Um den Trainingsaufwand zu meistern, geht sie seit dem Sommer 2017 in die United School of Sports, der grössten Berufsfachschule für Sporttalente in der Schweiz. «Es macht es für mich einfacher und ich schätze die Flexibilität, die grosse Vorteile mit sich bringt», so Kouni.

Nach zwei Jahren Schule werde sie zu 50 Prozent arbeiten und entsprechend weiter trainieren können. Denn in der Aufbauphase trainiere sie sechs Mal in der Woche für bis zu zwei Stunden. Vor den Wettkämpfen werde auf vier bis fünf Trainingseinheiten reduziert.
«Kaum ist der Plan erstellt, wechselt schon wieder der Stundenplan in den Schulen», erläutert auch Schönenberger das Problem der Doppelbelastung während der Ausbildung. Da merke man schon, ob jemand acht Stunden in der Schule war oder ob bereits gewisse Stunden dem Sport gewidmet werden konnten.

Die Faszination für den Leichtathletiksport liegt für Kouni auch in der Abwechslung: «Leichtathletik ist so vielseitig und man kann so viel machen. Welche Disziplinen einem liegen, merkt man aber schnell. Ich schaue zum Beispiel beim Weitsprung lieber zu oder trainiere diese Disziplin zum Spass oder zum Ende einer Saison.»

Das Diskuswerfen verlange hingegen mehr mentales Training und sei körperlich nicht so anstrengend, wie das Sprinttraining. «Ich bin immer etwas am Tun und
natürlich ist mir das Team und der Austausch im Training wichtig, das gefällt mir», sagt sie.

Für Freizeit bliebe zwar wenig Zeit über, aber wenn sie einen Lieblingsort in Dietikon nennen müsste, an dem sie gerne freie Zeit verbringt, wäre dies wohl der Platz hinten beim Fondli und der Stadthalle, sagt Kouni.

Trainieren in der Kälte

Das Ziel, immer besser und immer schneller zu werden, habe für sie oberste Priorität. Das Glücksgefühl stelle sich bei guten Leistungen ein. Sei es im Training oder an einem Wettkampf. «Ich bin zwar nicht so streng mit mir und ich hoffe, dass ich gesund bleibe», sagt sie.

Jetzt habe sie zunächst fünf Wochen Pause und im Winter heisst es wieder warm anziehen, denn wenn das Wetter es zulässt, werde draussen trainiert. «Mir ist es immer noch lieber, wenn die Sonne scheint und es über dreissig Grad wird, als bei Kälte oder Regen zu trainieren», sagt sie lachend.

Ihr Ziel steht fest: Die Teilnahme an den Olympischen Spielen und die Anwesenheit an Grossanlässen, wie etwa bei der Diamond League. Bis Ende Jahr hofft sie, den Schweizer Pass in den Händen zu halten. Dann soll dem Durchbruch und der internationalen Karriere nichts mehr im Wege stehen.