«Yesh!» heisst auf Hebräisch in etwa «Wir haben es geschafft!» Es muss ein harter Kampf gewesen sein, bis Ihr Filmfestival stand.

Pierre Gottheil: Nein überhaupt nicht. Als wir das «Yesh»-Festival vor einem Jahr erstmals auf die Beine gestellt haben, waren wir und der jüdische Filmverein «Seret» einfach sehr stolz, es gemeinsam geschafft zu haben. So entstand der Name.

Worin liegt die Motivation, ein rein jüdisches Filmfestival zu veranstalten?

Es geht uns darum, die jüdische Kultur einem breiteren Publikum näher zu bringen. Unser Festival ist also vor allem auf nichtjüdische Filmbegeisterte ausgerichtet. Als wir vor drei Jahren vom UK-Filmfestival in London erfuhren, das sich auf Werke jüdischer Kulturschaffender spezialisiert hat, erschien uns das eine gute Gelegenheit. Wir konnten über die dortigen Organisatoren relativ einfach Filme beziehen, aus denen wir unser Programm zusammenstellten.

Ist ein solches Festival auch nötig, weil jüdische Kunstschaffende in Zürich bislang noch zu wenig Beachtung erhalten?

Ich glaube nicht. Jüdische Künstler sind hier in vielen Disziplinen aktiv. Die Juden haben sich künstlerisch schon immer stark engagiert. Die Musik und die bildende Kunst waren neben dem Handel über Jahrhunderte auch die einzigen Betätigungsfelder, in denen sich jüdische Menschen in grossen Teilen Europas beruflich betätigen durften. Wir haben das im Blut. Genauso spielten Juden für die Filmgeschichte eine grosse Rolle.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Da wären nur schon die Anfänge. Als sich das Kino in der Zwischenkriegszeit entwickelte, arbeiteten in den USA bereits viele Juden in der Filmindustrie. Sie waren sehr gut vernetzt und haben ihr Wissen so auch über die Staaten hinausgetragen. Noch heute sind in Hollywood viele jüdischstämmige Stars zu finden.

Der Film «Encirclements», der am «Yesh!»-Festival auch zu sehen sein wird, thematisiert das Spannungsfeld, in dem sich säkulare und orthodoxe Juden in Israel bewegen. Sie und Ihre Mitorganisatoren sind grösstenteils weltlich orientiert. Wie weit richtet sich Ihr Festival auch an die orthodoxe Gemeinde in Zürich?

Gar nicht. Zumindest habe ich nicht die Hoffnung, dass Orthodoxe unsere Vorstellungen besuchen. Sie konnten sich nie für das Kino erwärmen. Wenn ich jeweils orthodoxe Freunde davon überzeugen konnte, mit mir einen Film anschauen zu kommen, so mussten sie sich meist überwinden. Wenn darin ein säkularer Standpunkt vertreten wird, ist es für sie sehr schwierig.

Es war zu lesen, dass Sie das Politische am Festival bewusst nicht in den Fokus rücken wollen. Gezeigt werden aber auch Filme, die den Nahostkonflikt oder die Schoah thematisieren. Politik wird also kaum auszublenden sein.

Wohl nicht ganz. Wir legen grossen Wert darauf, dass die Gastgespräche im Anschluss an die Filme nicht zu einer politischen Debatte verkommen. Aber wenn etwas Historisches zum Film erklärt wird, ist das für uns absolut ok.

Wie meinen Sie das?

Nehmen wir zum Beispiel den Film «Sabena». Er beleuchtet eine der ersten Flugzeugentführungen, mit der Palästinenser freigepresst werden sollten. Wenn ich den Film einführe, spreche ich von den Konsequenzen, die wir alle noch heute spüren. Dass nämlich an Flughäfen weltweit Metalldetektoren installiert wurden. Aber zum Inhalt des Films äussere ich mich nicht.

Mit «Son of Saul» und «Im Labyrinth des Schweigens» haben Sie zwei Filme im Programm, die für Furore gesorgt haben. Welchen Film darf man Ihrer Meinung nach nicht verpassen?

«The Farwell Party» von Sharon Maymon und Tal Granit ist für mich eine der grossen Überraschungen des diesjährigen Festivals. Die Geschichte dreht sich um eine Selbsttötungsmaschine, die für ein Altersheim konstruiert wird. Daraus entwickelt sich eine Geschichte voller pechschwarzem Humor.