Weihnachten, 1945, der Zweite Weltkrieg ist seit über einem halben Jahr zu Ende: An diesem Abend geht ein Oetwiler Landwirt mit seiner Gemahlin zur Kirche in Weiningen, vermutlich im Wagen, hoch zu Ross.

Adolf Lienberger heisst der Mann mit Jahrgang 1912. Sein politisches Herz schlägt für die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB). Die Vorläuferin der SVP ist die einzige Partei in Oetwil und Geroldswil. Die Partei ist, zusammen mit dem Turnverein, dem Frauenverein und den Feldschützen, das Einzige, was vom örtlichen Vereinsleben nach dem Krieg noch übrig geblieben ist. Die BGB macht nicht nur Politik, sie hat in beiden Dörfern auch eine Bauernkulturelle Kommission installiert, die BKK, in deren Vorstand Lienberger sitzt.

Man wollte keine Weininger mehr

1945 hat die BKK einen Heimatabend organisiert, an dem unter anderem der Kirchenchor Weiningen seinen Gesang zum Besten gab. Lienberger hatte den Auftrag, den Heimatabend des Jahres 1946 zu organisieren.

An Weihnachten also, auf dem Weg zur Kirche, offenbarte er dann seine Idee. «Ich fragte: Wie wäre es, wenn wir auf den Heimatabend selber ein Chörlein zusammenschmieden könnten aus unseren beiden Gemeinden. Es verdiente doch eher den Namen Heimatabend, als wenn ein Verein einer andern Gemeinde kommen müsste», protokollierte Lienberger diesen Moment gleich selber, im ersten Jahresbericht des Heimetchors Limmiggruess. Seine Idee war gut, am 5. Oktober 1946 traf sich das Volk in der Wirtschaft zum Freihof in Oetwil und gründete den Heimetchor Limmiggruess. Lienberger wurde Präsident – und blieb es bis und mit 1958. Seine Begeisterung für den Verein zeigte sich auch in seiner Erziehung. «Jetzt chunsch go singe, susch chasch nümme in Uusgang!», soll er seinem Sohn Ueli gesagt haben, der dem Heimetchor nicht ganz freiwillig beigetreten ist. Von Anfang an spielte der Verein auch Theater – die ersten paar Mal ausschliesslich Ausschnitte aus dem Tell-Drama.

All das ist historisch gut belegt, die Protokolle des Vereins gehen oft bis ins Detail, die erste Aktuarin hat es meistens in Gedichtform auf Mundart niedergeschrieben. Ihr heutiger Nachfolger Albert Räss hat in den 90er-Jahren lange in diesen Papieren gewühlt, als er die 165-seitige Schrift zum 50-Jahr-Jubiläum verfasste. Selber ist er auch schon 42 Jahre im Verein mit dabei, war eine Zeit lang auch Präsident. Steht ein Auftritt an, wirft er sich in sein Bündnerkutteli, die traditionelle Tracht im Heimetchor. Die Frauen, in der wesentlich aufwendigeren Limmattaler Werktagstracht, stehlen den Mannen natürlich die Show, auch weil sie in Überzahl sind.

In Schlieren auftreten geht nicht

Doch den Einwohnern anderer Limmattaler Gemeinden blieb diese Show lange verwehrt. Ganz im Sinne Adolf Lienbergers lehnte es der Heimetchor zum Beispiel 1949 ab, am Limmattaler Sängertag in Schlieren teilzunehmen. Schliesslich sei der Hauptzweck des Vereins, die Geselligkeit in den beiden eigenen Dörfern zu pflegen. Schlieren gehört da nicht dazu. Und auch nicht Spreitenbach, das ein Jahr später eine gleichlautende Absage erhielt.
Dieser Fokus auf die engere Heimat wurde immer einmal pro Jahr jäh ins Gegenteil verkehrt, wenn das Chorreisli anstand, für das jedes Mitglied bei den Gesangsproben jeweils 50 Rappen ins Kässeli steckte. Auch diese Idee geht auf die Vorkriegszeit zurück: Einige Mitglieder des Reisevereins Oetwil-Geroldswil, der während des Kriegs aufgelöst wurde, brachten diese Idee in den Heimetchor ein. Der damalige Dietiker Bahnhofsvorstand Jakob Furrer organisierte die Reisen und brachte es auch fertig, den Nonstop-Zug Zürich-Bern in Dietikon halten zu lassen, extra für die Limmiggrüessler.

Zum ersten Mal richtig an einem anderen Ort aufgetreten ist der Chor dann 1951, als sich der Beitritt des Kantons Zürich zur Eidgenossenschaft zum 600. Mal jährte. Eine ganz so grosse Bühne hat der Verein seither nicht mehr, dafür tritt er nun – nicht mehr im Geiste Lienbergers – immer wieder auch in Schlieren auf, zum Beispiel an der Stubete im Spital Limmattal. Der Dirigent Peter Thalmann darf aus Urdorf kommen. Und im Gegensatz zu 1955 zählt der Verein nun Notenmaterial für 300 statt 100 Lieder. Das Stück «S Abiglüüte am Zürisee» können aber noch alle auswendig singen. Geübt wird im Schulhaus Huebwiis in Geroldswil. In den Anfangszeiten war es noch das Schulhaus Letten in Oetwil. So stand bei der Gründung auch der Name «Heimetchor Letten» zur Auswahl. Dazu kam es aber nicht, wie die Protokolle festhalten.

Maibummel des Heimetchors Limmiggruess Oetwil-Geroldswil: Samstag, 21. Mai, ab 14 Uhr, Grillplatz Moos, am Waldrand ob Geroldswil.