Kriminalität

«Glünggis und «Zuchthäusler» trieben im Limmattal schon immer ihr Unwesen

Seit 1980 gibt es die Kriminalstatistik – schon zuvor schlief das Verbrechen nicht.

Der Kanton Zürich wird immer sicherer. Auch im Bezirk Dietikon nimmt die Zahl der Straftaten seit Jahren ab. Die jüngst veröffentlichte Kriminalstatistik weist die tiefsten Werte seit 35 Jahren aus. Weiter zurück reicht die systematische Datenerfassung nicht. Was war nun aber vorher? Klar ist nur: Geschlafen hat das Verbrechen auch damals nicht. Eine Auswahl von Fällen, die im Limmattal für Schlagzeilen sorgten:

1908: Sie kämpften auch in der Limmat weiter

Ein besonders aufsehenerregender Fall war die Verhaftung des Ausbrechers Bencivengo im Jahr 1908 in Dietikon. Als dieser von Zürich Affoltern her – wo er sich vermutlich bei Bekannten neu einkleidete – ins Limmattal kam, wurde er vom Kantonspolizisten Bächtold beim Restaurant Schönenwerd angehalten. Nach einem kurzen Wortwechsel zückte der Ausbrecher einen Dolch und rannte davon. Zusammen mit seinem Schäferhund nahm Polizist Bächtold die Verfolgung auf. In der Nähe der Limmat holte er den Flüchtenden ein. Dort entwickelte sich ein Kampf zwischen den beiden Männern. «Durch das fortwährende Ringen waren die beiden so nahe an die Limmat gekommen, dass sie hineinstürzten und dort wurde weitergekämpft, bis schliesslich ein Arbeiter der städtischen Kiesgrube dem hart bedrängten Landjäger zu Hilfe kam», heisst es in einem Artikel vom 4. Juni. Den beiden Männern gelang es, den Ausbrecher zu überwältigen, trotz dessen «herkulischen Kraft». Bencivengo wurde wieder nach Zürich zurückgebracht und «dem pflichtgetreuen Beamten ist zu seinem Erfolge zu gratulieren».

1908: Belohnung für Hühnerdiebe ausgesetzt

Ganz andere Sorgen plagten derweil die Bevölkerung in Oetwil. Dort gingen im selben Jahr Hühnerdiebe um. Sechs der schönsten Tiere wurden einem Landwirt entwendet. «Für den ohne Spuren zu hinterlassen entkommenen Dieb gibt dies bei den teuren Fleischpreisen eine gute Suppe und billigen Braten», stellte der Berichterstatter fest. Der Landwirt reagierte und setzte eine Belohnung aus. Ob es genutzt hat, ist nicht bekannt.

1912: «Glünggis und «Zuchthäusler» beim Jassen

Ein tragisches Ende nahm 1912 eine Jassrunde in Uitikon. Weil einer der Spieler, ein Fassbinder, nachträglich noch drei Karten melden wollte, die anderen aber erklärten, es sei zu spät dafür, entbrannte ein Streit. Das Verdikt seiner Kollegen wollte er nicht auf sich sitzen lassen und beschimpfte sie als «Glünggis und «Zuchthäusler». Das wiederum kam bei den anderen alles andere als gut an. Einer von ihnen versetzte dem Fluchenden mit einer Mostflasche einen Schlag auf den Kopf, «worauf das Faustrecht wieder geltend gemacht wurde», wie der Berichterstattung zu entnehmen ist. Danach gingen beide Kontrahenten nach Hause. Dort erlag der Fassbinder seinen Verletzungen. Der Täter wurde zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.

1921: Giftiges Liebesdrama

Einen bösen Ausgang nahm auch ein Liebesdrama im Jahr 1921. In einer Aprilnacht wurde die Leiche eines Mannes beim Rechen des Elektrizitätswerkes in Dietikon aus dem Wasser gezogen. Wie sich herausstellte, hatte er zuvor im Seefeld in Zürich seine Geliebte vergiftet und sich danach selber getötet. Allerdings brauchte er dafür mehrere Anläufe. «Nachdem ihm ein Versuch, sich zu vergiften, nicht gelungen war, wollte er sich mit einer Schnur erhängen, doch riss diese zweimal, worauf sich der Mann darauf in die Limmat stürzte», hiess es in einem Zeitungsbericht.

1926: Wie du mir, so er dir

Zu reden gab in Oberurdorf 1926 eine Posse, in die der damalige Gemeindepräsident involviert war. Dessen Sohn wurde im März vom Weibel verzeigt, weil er in der Nacht ohne Licht Velo fuhr. Der Gemeinderat verzichtete auf eine Busse und verwarnte den Schuldigen. Einen Monat später drehte der Gemeindepräsident den Spiess um und verzeigte den Weibel wegen nächtlichen Radfahrens ohne Licht. Auch in diesem Fall wurde die Busse erlassen.

1939: Verhängnisvolles Stumpenrauchen im Tram

Nicht vorsätzlich, dafür äusserst fahrlässig agierte ein Arbeiter, als er sich in Dietikon im April 1939 mit der Bremgarten-Dietikon-Bahn auf den Heimweg Richtung Rudolfstetten machte. Kaum hatte er Platz genommen, zündete er sich einen Stumpen an. Dummerweise bemerkte er nicht, dass die mit Benzin gefüllte Bierflasche, die er in seiner Rocktasche bei sich trug, nicht ganz dicht verschlossen war. Die austretenden Dämpfe fingen Feuer und sorgten für eine Explosion, welche die Kleider des Stumpenrauchers in Brand setzte. «Beim Anhalten des Tramzuges im Honeretgebiet, konnte sich der Unglückliche ins Freie bewegen und auf dem Boden wälzen, um auf diese Weise die Flammen zum Ersticken zu bringen», wird der Zwischenfall in der Zeitung geschildert.

1940er-1950er Jahre: Gefährliches Duo treibt sein Unwesen

Der wohl aufsehenerregendste Fall im Limmattal datiert aus den frühen 1950er-Jahren. Damals versetzte das Duo Ernst Deubelbeiss und Kurt Schürmann die Schweizer Bevölkerung in Angst und Schrecken. Die beiden Männer, die sich im Welschland Mitte der 1940er-Jahre in einer Strafanstalt kennengelernt hatten, gingen wegen eines brutalen Mordes und einer bislang noch nie dagewesenen Schiesserei in die eidgenössische Kriminalgeschichte ein. In Höngg brachen die beiden Männer ins Zeughaus ein und raubten 15 Maschinenpistolen sowie fast 10 000 Schuss Munition. An verschiedenen Orten, unter anderem in Urdorf und Birmensdorf, legten sie in der Folge Waffendepots an. Nach einigen kleineren Einbrüchen wollten sie schliesslich den grossen Coup landen. Als Ziel hatten sie die Bank Winterstein in Zürich erkoren. Um an das dort gelagerte Geld zu gelangen, entführten sie am 4. Dezember 1951 den Teilhaber der Bank, Armin Bannwart. Dieser hatte allerdings den erhofften Tresorschlüssel nicht bei sich. Deubelbeiss und Schürmann flüchteten mit ihrem Opfer über Schlieren nach Bremgarten weiter ins Reppischtal. Dort wurde Bannwart erschlagen und erschossen. Die Leiche und das Fluchtauto wurden später in Uitikon gefunden. Kurz nach dieser Tat wollten Deubelbeiss und Schürmann, in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar, die Post in Reinach überfallen. Auch dieser Coup misslang. Er artete im bislang grössten Feuergefecht der Schweiz aus. 108 Projektile wurden am Tatort gezählt. Am 11. Februar 1952 wurden die beiden Schwerverbrecher schliesslich verhaftet.

Ende 1970: Eine Lektion über das Stehlen

Mit einer Klientel der unangenehmen Art mussten sich die Verkaufsgeschäfte im Shopping-Center in Spreitenbach schon kurz nach dessen Eröffnung auseinandersetzen. Von bandenmässigem Stehlen durch Schüler war Ende 1970 die Rede. Die Schulpflege sah sich daher veranlasst, mit den betroffenen Geschäftsinhabern Kontakt aufzunehmen, um das Problem zu erörtern. Auch die Zeitung machte sich Gedanken darüber, was die Schüler zum Diebstahl verleitet haben könnte: «Verwahrlosungserscheinungen zeigen sich nicht nur in Spreitenbach, sondern überall dort, wo Wohnagglomerationen explosiv statt organisch wachsen, nur stellt in unserem Fall das Shopping-Center eine vollkommene Möglichkeit dar, überschüssige Kräfte in negativem Sinne zu verbrauchen.» Die Schule reagierte auf ihre Art auf die Vorfälle. Sie lud nicht nur die Eltern der fehlbaren Schüler vor und thematisierte die Diebstähle im Unterricht, sondern gab verschiedenen Geschäftsführern die Möglichkeit, den Schülern eine Lektion über den Detailhandel zu erteilen. Damit sollte bezweckt werden, dass die Geschäfte den Schülern weniger anonym erscheinen.

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