Es sei wie das Pilzesammeln: Finde man an einem ungeahnten Ort ein spezielles Exemplar, sei die Freude besonders gross. So beschreibt der Birmensdorfer Volksmusiker Ueli Mooser die Arbeit an seinem neuen Album «Mit Melodien auf Reisen». Wie bereits für seine letzten Veröffentlichungen stieg er ab in die Archive von Bibliotheken und machte sich auf die Suche nach Tänzen, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschrieben wurden. In Kleinarbeit transkribierte er diese und stellte dabei ungeahnte Zusammenhänge fest. Viele stammen aus Kulturen, die stark von der europäischen geprägt wurden. Zum Erstaunen des Musikers wiesen manche vorgefundenen Stücke grosse Gemeinsamkeiten mit bekannter Schweizer Volksmusik auf. Am frappantesten sei die Ähnlichkeit zwischen der «Veteranen Polka» aus dem Jahr 1862 und dem Stück «Der urchige Muotathaler» von Fredy Zwimpfer gewesen. Ob diese Melodie in die Schweiz importiert oder aus der Schweiz stammt und über die Landesgrenze getragen wurde, weiss Mooser nicht. «Dass Gastarbeiter – etwa aus Italien waren zu jener Zeit viele in der Schweiz anlässlich des Gotthard-Tunnelbaus – die Stücke zu uns brachten, ist plausibel», mutmasst Mooser.

SRF klopfte an die Tür

Die gefunden Perlen schrieb er im Anschluss für Instrumente um, die dem Schweizer Volksmusik-Genre zur Verfügung stehen – etwa Klarinette, Kontrabass oder Akkordeon. Melodien, die bereits seit über einem Jahrhundert gespielt werden und in verschiedenen Kulturen zu finden sind, adaptierte er also für die Schweizer Volksmusik.

Mit einem befreundeten Verleger von Musikpublikationen beschloss Mooser, ein Notenbuch mit einer Auswahl der besten Stücke zu veröffentlichen. Nur wenige Monate später und unabhängig davon wurde er Anfang 2015 vom Schweizer Fernsehen für einen Auftritt in der Sendung «Viva Volksmusik» angefragt. «Ich erhielt eine Carte blanche und konnte somit spielen, wozu ich Lust hatte», sagt er. Aus dem Stegreif stellte er die «Tanzkapelle Ueli Mooser» mit befreundeten Musikern zusammen und trat in der Sendung auf. Dies war jedoch nicht der Schlusspunkt, sondern lediglich der Startschuss. Mit seiner Tanzkapelle wollte Mooser mehr Auftritte absolvieren und die Stücke schliesslich auf CD brennen. «Diese ist eines der Highlights meines Schaffens», sagt er, denn auf der CD sei mehr als «nur» Musik, die gut arrangiert sei. «Diese Tänze haben Fleisch am Knochen im Zusammenhang mit den Informationen über deren Entstehung.»

Dass die CD ein durchschlagender Erfolg in den Schweizer Hitparaden wird, glaubt Mooser nicht. Denn das typische Ländler-Publikum spreche auf diese Musik nicht an, genauso wenig wie der Klassik- oder Jazz-Fan. Obwohl sich das Werk zwischen diesen Genres bewegt. «Mit dieser CD sind wir zwischen Stuhl und Bank – sie passt in keine einschlägige Sparte», sagt Mooser.

Die Ländler-Fans hätten stets wenig Zugang zu seinen Werken gefunden, da er für eine sogenannte experimentelle Volksmusik stehe, sagt der 72-Jährige. Die zugrundeliegenden Tänze der neuen CD sind jedoch nahe beim Volk, leicht verständlich und werden gemeinhin als Trivialmusik bezeichnet. Wollte er damit nicht eine Brücke schlagen? «Ein wenig», sagt Mooser. Doch sei die Freude an den schönen Melodien eindeutig im Vordergrund gestanden. Die Ländler-Fans, die sich laut Mooser darüber definieren, dass sie gegenüber alternativen Interpretationen der Stücke eher verschlossen sind, habe er nicht im Hinterkopf gehabt.

Arbeitet der Birmensdorfer nicht an Musik für die Tanzkapelle oder das gleichnamige Quartett, geht er es etwas ruhiger an als in früheren Jahren. Während sieben Stunden widmete er sich täglich jeweils der Recherche und dem Üben. «Heute spiele ich nicht mehr wie früher 20 Instrumente.» Viel eher lebe er diesbezüglich von der Hand im Mund, wie er es sagt: «Steht ein Auftritt an, bei dem ich Klarinette spielen muss, übe ich diese, wird eher der Kontrabass verlangt, verwende ich meine Zeit auf dieses Instrument.»

Die CD-Taufe von «Mit Melodien auf Reisen» findet am Sonntag, dem 21. August, um 13 Uhr im Rahmen des Festivals «Stubete am See» im Vestibül der Tonhalle Zürich statt.