Von der ersten Hochrechnung an lag Daniel Jositsch (SP) bei den Zürcher Ständeratswahlen in Führung. Ebenso früh zeichnete sich ab, dass er bereits im ersten Wahlgang das absolute Mehr und damit die direkte Wahl in den Ständerat schaffen würde.

So war es dann auch am Ende des Tages: Der Strafrechtsprofessor aus Stäfa ist 32 Jahre nach Emilie Lieberherr der erste Sozialdemokrat, der den Kanton Zürich im «Stöckli» vertreten wird.
Doch das ist nur die eine Hälfte der Sensation.

Jositschs Erfolgsrezept

Jositschs Erfolgsrezept

Beinahe ebenso überraschend ist das gute Abschneiden des Kandidaten der Grünen, Bastien Girod. Er distanzierte GLP-Kandidat Martin Bäumle, der sich ebenfalls um die Nachfolge von Verena Diener (GLP) und Felix Gutzwiller (FDP) beworben hatte. Damit zeichnet sich für den zweiten Wahlgang am 22. November eine spannende Ausgangslage ab.

Obwohl Girod nach dem ersten Wahlgang hinter Ruedi Noser (FDP) und Hans-Ueli Vogt (SVP) an vierter Stelle liegt, ist seine Wahl denkbar. Der Grund: Weder Noser noch Vogt zeigten sich am Wahlabend bereit, zugunsten einer bürgerlichen Einheitskandidatur einen Rückzieher zu machen.

Während Girod die Stimmen aus dem links-grünen Lager grossteils holen könnte, werden Noser und Vogt, falls es dabei bleibt, sich die Stimmen der bürgerlichen Mehrheit im Kanton Zürich streitig machen.

Und da im zweiten Wahlgang kein absolutes Mehr nötig ist, sondern der Bestgewählte gewinnt, sind Girods Chancen intakt. «Wenn alle linken Stimmen zu Girod gehen, haben wir plötzlich eine Ständeratsvertretung aus SP und Grünen», meinte denn auch der scheidende FDP-Ständerat Felix Gutzwiller. Eine ungeteilte rot-grüne Standesstimme gab es im Kanton Zürich noch nie.

Ständeratswahlen im Kanton Zürich.

Ständeratswahlen im Kanton Zürich.

Nosers Zuversicht
FDP-Kandidat Noser zeigte sich allerdings überzeugt, dass es dazu nicht kommt. Nur relativ wenige Wählerinnen und Wähler hätten im ersten Wahlgang «Noser» und «Vogt» auf den Wahlzettel geschrieben, so seine Analyse. Weitaus häufiger sei die Kombination «Noser» und «Jositsch» gewesen.

Ruedi Noser siegessicher

Ruedi Noser siegessicher

Was Noser damit meinte, ist: Er und sein SVP-Kontrapart würden sich im zweiten Wahlgang kaum gegenseitig Stimmen wegnehmen. Wahrscheinlicher sei, dass er einige Stimmen von SP-Ständerat Jositsch erben könnte – und wohl auch von den Mitte-Kandidaten, die im zweiten Wahlgang nicht mehr antreten dürften. Namentlich sind dies Martin Bäumle (GLP), Barbara Schmid-Federer (CVP) und Maja Ingold (EVP).

Bäumle und Ingold kündigten bereits an, dass der zweite Wahlgang ohne sie stattfinden werde. Schmid-Federer liess sich eine Hintertür offen: «Es stellt sich die Frage, ob Zürich tatsächlich ohne Frau im Ständerat vertreten sein soll», so die CVP-Kandidatin, die im ersten Wahlgang abgeschlagen auf dem sechsten Platz landete.

Vogts Enttäuschung
SVP-Kandidat Vogt zeigte sich enttäuscht über sein Abschneiden: «Ich hatte mir ein etwas besseres Ergebnis erhofft», sagte der Drittplatzierte, der etwas weniger Stimmen auf sich vereinte als vor vier Jahren der gescheiterte Zürcher SVP-Ständeratskandidat Christoph Blocher.

«Aber wenn man prononciert für die Unabhängigkeit der Schweiz und für eine restriktive Ausländerpolitik einsteht, kann man nicht mehr erwarten.» Gefragt, ob er im zweiten Wahlgang nochmals antrete, verwies er auf eine noch ausstehende Lagebeurteilung durch die kantonale SVP-Parteileitung.

SVP-Kantonalparteipräsident Alfred Heer meinte auf Anfrage: «Ich würde sagen, Vogt kommt nochmal.» Auch er verwies aber auf eine heute dazu anstehende Sitzung der SVP-Führung.
Damit hat die Zeit der Parteistrategen begonnen. FDP-Kantonalpräsident Beat Walti zeigte sich zuversichtlich: «Eine freisinnige Kandidatur ist typischerweise mehrheitsfähig.» Dies gelte insbesondere für Noser im zweiten Wahlgang. Noser selbst betonte, kein anderer Kandidat habe über die eigene Partei hinaus so viele Stimmen auf sich vereint wie er.

So reagieren die heutigen Ständerats-Verlierer

Verlierer

Und er erhält prominente Unterstützung aus dem Lager der ausscheidenden Kandidaten: Martin Bäumle sagte, er werde Nosers Wahl im zweiten Wahlgang persönlich unterstützen. Ein Entscheid der GLP über allfällige Unterstützungen im Hinblick auf den 22. November stehe aber noch aus.

Auch Girod schielt auf Stimmen aus der GLP-Wählerschaft: «Es wäre schön, wenn GLP und Grüne sich wieder annähern würden», sagte der Kandidat der Grünen. Im Hinblick auf Themen wie Fluglärm, Kulturlandschutz, preisgünstiges Wohnen und die Rentenreform sei es nicht im Interesse der GLP-Wählerschaft, wenn FDP oder SVP gestärkt würden. Der Kampf um die Stimmen der Mitte-Wählerschaft ist damit lanciert.