Birmensdorf

Die Arbeit am Abgrund sorgt für willkommene Abwechslung

Die Sicherheitsvorkehrungen und die Logistik sind bei einer steilen Baustelle wie jener in Birmensdorf aufwendiger. Zudem ist sie nur von unten zugänglich.

Die Sicherheitsvorkehrungen und die Logistik sind bei einer steilen Baustelle wie jener in Birmensdorf aufwendiger. Zudem ist sie nur von unten zugänglich.

Die wohl steilste Baustelle im Limmattal verlangt von den Bauarbeitern Flexibilität und Genauigkeit.

Bei jedem Schritt bergauf versinken Jan Andris Arbeitsschuhe mehrere Zentimeter tief im Schlamm. Noch am Morgen war der unbeständige Untergrund auf der Baustelle an der Zürcherstrasse in Birmensdorf bei Temperaturen von sechs Grad unter null pickelhart und gefroren. Nun scheint die Nachmittagssonne auf den Südhang und lässt ihn zur reinsten Rutschpartie werden. Bauführer Andri beschreibt die Bedingungen dennoch als ideal zum Arbeiten. Alles, was über dem Gefrierpunkt liegt, ist derzeit ein Luxus.

Die Bauarbeiter füllen Spritzbeton in die erstellte Stützwand.

Die Bauarbeiter füllen Spritzbeton in die erstellte Stützwand.

Jeden Schritt durchdenken

Die Bauarbeiter sind konzentriert daran, die aufgestellte Stützmauer mit Spritzbeton aufzufüllen, der durch ein Rohr vom unteren Ende der Baustelle bis nach oben transportiert wird. Dass die ganzen Abläufe reibungslos vonstattengehen, hätte Andri zu Beginn nicht gedacht. «Als ich den Hang zum ersten Mal sah, schaute ich hoch und dachte nur: Das schaffen wir nie.» Doch er und sein Team hätten die Herausforderung angenommen und mit der Umsetzung begonnen. Entstehen sollen hier unweit vom Bahnhof zwei neue Einfamilienhäuser.

Im Vergleich zu anderen Baustellen, die nicht so steil sind, seien die Sicherheitsvorkehrungen und auch die Logistik um einiges aufwendiger, so Andri. Ohne die Zusammenarbeit mit Ingenieuren und Fachplanern ginge es nicht. Jeder Schritt müsse gut durchdacht werden, schon kleine Fehler könnten massive Auswirkungen haben. Hinzu komme, dass die Baustelle nur von einer Stelle her befahrbar sei – von unten. Für Baggerführer Dirk Bickel heisst das, mitsamt seinem schweren Gefährt bis nach oben über den sumpfigen Boden zu kriechen. Dabei reicht der Weg gerade knapp aus, dass der Bagger durchkommt. Jede falsche Lenkung könnte den Absturz bedeuten. Doch Bickel sei ein erfahrener Mann und der Richtige für diesen Job, versichert Andri. Sowieso sei Vertrauen zu den Arbeitern auf der Baustelle enorm wichtig. «Ich muss wissen, dass es auch ohne mich läuft», sagt er. Zwar besuche er den Platz täglich, dennoch müsse das Team alleine genauso funktionieren.

Baggerfahrer Dirk Bickel muss auf kleinstem Raum sein Fahrzeug bedienen.

Baggerfahrer Dirk Bickel muss auf kleinstem Raum sein Fahrzeug bedienen.

Fragt man Bickel, tut es das. Obwohl die wenigsten der Bauarbeiter Deutsch sprechen, gebe es keine Kommunikationsprobleme. Man spreche mit Händen und Füssen. Mittlerweile seien er und seine drei Kollegen ein eingespieltes Team und jeder kenne seine Aufgabe. Der Baggerfahrer selbst bedient die Hebel und Knöpfe in seinem Gefährt bereits fast im Schlaf. Doch so einfach, wie es aussehe, sei das Ganze dann doch wieder nicht. Rund 1000 Stunden Arbeitserfahrung brauche es, um den Bagger einwandfrei zu beherrschen. Gerade weil der Weg so schmal und der Untergrund nachgiebig sei, könne aber immer etwas passieren. An einen Absturz wolle er gar nicht erst denken. «Mit Angst kann ich nicht arbeiten. Ich versuche, möglichst nahe an der Stützwand zu bleiben. Irgendwie habe ich es im Gespür, wo der Abgrund beginnt.» An einer solch steilen Baustelle zu arbeiten, sei für ihn eine Aufgabe, die er mit Begeisterung erfülle, so Bickel. Einfach nur quadratische Löcher in den Boden zu buddeln, sei auf Dauer unbefriedigend. Hier an der Zürcherstrasse fordere ihn das Baggerfahren viel mehr heraus. «Man muss schnell umdenken können, wenn etwas schiefläuft, und sofort reagieren, falls beispielsweise die Erdmasse in die Stützwand drückt», sagt er.

Bis im März will das Unternehmen Richi die Arbeit in Birmensdorf abgeschlossen haben. Dann bezieht eine Hochbaufirma die Baustelle. Mit diesen Arbeiten kennt sich Andri aus. Es sei mehr Zufall gewesen, dass er von dort in den Tiefbau gewechselt habe. Zurück möchte der Bauführer aber nie mehr. «Ich mag am Tiefbau, nie zu wissen, was der Tag bringt, und für Probleme kreative Lösungen zu finden.»

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