Zweiter Weltkrieg

Das Kriegsende: Als die Stunde des grossen Aufatmens schlug

Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Menschen im Limmattal und in der Stadt Zürich zogen durch die Strassen, als sie von der Kapitulation der deutschen Wehrmacht hörten.

Das Geläut der Kirchenglocken – es ist den Menschen, die jenen Tag miterlebten, immer noch in besonderer Erinnerung. «Gestern Dienstag um 11 Uhr läuteten unsere Kirchenglocken während einer halben Stunde, um abends den ehernen Klang nochmals schwingen zu lassen zur Freude darüber, dass unser liebes Vaterland heil aus diesem fürchterlichen Kampf sich retten konnte», schrieb der «Limmattaler» damals über die Ereignisse des 8. Mai 1945, als die Nachricht aus dem französischen Reims eintraf.

Dort hatte einen Tag zuvor der deutsche Generaloberst Alfred Jodl die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht und aller Teilstreitkräfte unterzeichnet. Der Zweite Weltkrieg in Europa hatte ein Ende gefunden.

Jubelstürme brachen wegen dieser Kunde im Limmattal nicht aus. Auch deshalb, weil der Regierungsrat drei Tage zuvor angeordnet hatte, dass die Feiern zum Kriegsende in einem dem Ernst angemessenen Rahmen zu erfolgen hätten, wie Alfred Cattani in seinem Buch «Zürich im Zweiten Weltkrieg» schreibt.

Dennoch liess sich die Freude über das Ereignis nicht gänzlich eindämmen. Und so heisst es denn auch im «Limmattaler» vom 9. Mai 1945, dass der Tag der Waffenruhe in Dietikon «still vorüber ging. Zu einer Beflaggung der Häuser kam es, wie dies beispielsweise in Schlieren festzustellen war, nicht.»

Männerchor und Musikverein «Eintracht» hätten ihrer Freude über «die Stunde des grossen Aufatmens» durch Ständchen im Dorfinnern gleichwohl Ausdruck verliehen. Auch die Jugend sei bis in die späten Abendstunden singend durch die Strassen gezogen. Die Geschäfte ihrerseits machten von einem frühen Ladenschluss Gebrauch und die Schüler hatten schulfrei.

Schüler sammeln Geld

Ähnliches wird auch aus Weiningen berichtet. Dort zogen ebenfalls Schüler durch die Strassen, um Geld für die «Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten» zu sammeln. Vom Schulhaus zog der Umzug durch das damals rund 950 Einwohner zählende Dorf. Begleitet wurde dieser vom Geläut der Kirchenglocken.

Auf verschiedenen Plätzen im Dorf und im Quartier Fahrweid machten die Schüler einen Halt, um Lieder zu singen, die sie seit Beginn des Schuljahres eingeübt hatten. Sie trafen dabei auf viele Zuhörer. In manch einer Sammelbüchse landete sogar die eine oder andere Banknote.

Auch in der Stadt Zürich strömten die Menschen an diesem Tag auf die Strassen. Wie im Limmattal zogen Schüler zusammen mit Pfadfindern und Jugendgruppen mit Leiterwagen, Fahnen sowie Trommeln durch die Strassen und sammelten Geld für die «Schweizer Spende». Geschäfte blieben geschlossen. Auf dem Bellevueplatz schlugen junge Soldaten einen Trommelwirbel, auf der Quaibrücke lauschten die Leute dem Friedensgeläut der Kirchenglocken und die Heilsarmee spielte auf dem Bahnhofplatz die Nationalhymne.

Währendessen hatten die Sozialdemokraten und die Sozialistische Arbeiterjugend auf dem Helvetiaplatz zu Massenkundgebungen aufgerufen. Stadtpräsident Adolf Lüchinger (SP) sprach dort. Nach ihm war Gewerkschaftsführer Otto Schütz an der Reihe, der die sofortige Ausweisung aller deutschen Nazis forderte.

Scheiben gingen zu Bruch

Am Abend waren die Strassen dann ganz gefüllt. Es wurde getanzt, in den Kirchen wurden Gedenkgottesdienste abgehalten. Die Nacht verlief friedlich. Einzig vor dem deutschen Verkehrsbüro an der Bahnhofstrasse versammelte sich eine wütende Gruppe. Fensterscheiben gingen zu Bruch. In den folgenden Tagen kam es zu Hausdurchsuchungen und Säuberungsaktionen gegenüber Nazifunktionären sowie deutschen Staatsbürgern, die verdächtigt wurden, mit dem Nazi-Regime sympathisiert zu haben.

Bereits am 1. Mai hatte der Bundesrat die Auflösung der NSDAP, Landesgruppe Schweiz, angeordnet. Ihr Leiter, Wilhelm Stengel, wurde ausgewiesen. Laut Augenzeugen soll damals aus dem Kamin des deutschen Konsulats dunkler Rauch aufgestiegen sein, weil dort die letzten Akten verbrannt wurden.

Wie vor 70 Jahren wird auch der heutige Gedenktag an das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa akustisch begleitet. In der ganzen Stadt Zürich und vereinzelt in weiteren Kirchgemeinden werden von 16.45 bis 17 Uhr die Kirchenglocken läuten.

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