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Damit die Vergangenheit präsent bleibt: Eine Biografie-Website sammelt Lebensgeschichten

Bruno Zahnd 1985

Foto von Bruno Zahns im Jahre 1985

Bruno Zahnd 1985

Im Internet gibt es eine Bibliothek, die normale Biografien aber auch bewegende Schicksale umfasst – eine davon erzählt Bruno Zahnds Leben als Verdingkind.

Im Internet gibt es eine Website, die gefüllt ist mit Lebensgeschichten. Meet-my-life.net bietet Interessierten die Möglichkeit, ihre eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben und wahlweise öffentlich zugänglich zu machen. Damit stellt Gründer Erich Bohli ein kollektives Gedächtnis zur Verfügung, die Einblicke ermöglicht, wie man vor 70 Jahren in der Schweiz gelebt hat.

Eine Biografie handelt vom tragischen Schicksal Bruno Zahnds. Er wird 1919 als unehelicher Sohn einer Magd in Bülach geboren. Als er vier Jahre alt ist, geht sein Vater als Fremdenlegionär nach Frankreich. Fortan wächst der Knabe bei seinen Grosseltern im Kanton Bern auf.

Dann, als Zahnd ins Schulalter kommt, beginnen auch die Schwierigkeiten. Denn als uneheliches Kind ist er geächtet. Bei Schülern und Lehrern gleichermassen. Als seine Grossmutter 1927 oder 1928 stirbt – Zahnd kann die Jahreszahl nur noch schätzen, weil er seine Kindheitserinnerungen erst 1990 zum ersten Mal aufschreibt –, wird er im Kindesalter als Knecht auf einen Bauernhof geschickt.

Für den Knaben folgen schreckliche Jahre, über die er in seiner Autobiografie schreibt: «Meine Geschichte schrieb ich auf, weil man mir einen grossen Teil meiner Kindheit nahm und ich lange nicht davon loskam. Ich sehe das Bild noch deutlich vor mir, wie ich in abgeschnittenen Männerhosen da stand, welche vor Dreck stehen konnten.

Ich hatte über Jahre keine Unterkleider, keine Strümpfe, Lappen anstatt Schuhe um die Füsse oder viel zu grosse Holzschuhe. Von einem Waschlappen, Seife oder einer Zahnbürste will ich gar nicht reden. Eine solche Verschwendung schien nicht nötig zu sein für einen Verdingbub.»

Mit dem Schreiben verarbeiten

Nach düsteren Jahren voll Unterdrückung, Hunger und Misshandlung erlebt der junge Zahnd einen unverhofften Glücksmoment. Eine Nachbarin meldet sich bei der Vormundschaftsbehörde. Diese holt daraufhin den zehnjährigen Knaben vom Bauernhof im Berner Seenland weg und übergibt ihn einer Pflegefamilie, die es gut mit dem Knaben meint. So bekommt er eine Chance, die Schule zu beenden, eine Lehre zu absolvieren und ein normales Leben zu führen.

Die Vergangenheit aber haftete an Zahnd bis ins hohe Alter. Deshalb schrieb er seine Geschichte im Alter von 71 Jahren erstmals auf. Mittlerweile ist Bruno Zahnd schon seit mehr als 30 Jahren verstorben. Sein Sohn Bruno Zahnd junior hat nun seine Geschichte auf der Online-Plattform Meet-my-life.net öffentlich zugänglich gemacht. Bei der Digitalisierung habe ihm ein computerversierter Bekannter geholfen.

«Man soll sich an die Geschichte der Verdingkinder und an die Geschichte meines Vaters erinnern können», so Zahnd junior. Er glaubt, es habe seinem Vater geholfen, seine eigene Geschichte aufzuschreiben.

Auf der Plattform sind mittlerweile über 60 unterschiedliche Biografien öffentlich zugänglich. Erich Bohli, Gründer von Meet-my-life, erklärt warum er die Plattform vor zwei Jahren ins Leben gerufen hat: «Im Alter von 60 Jahren habe ich noch einmal ein Studium in Angriff genommen. Dabei habe ich mich mit immateriellem kulturellem Erbgut und dem kollektiven Gedächtnis beschäftigt.»

Erinnerungen digitalisieren

Aus eigener Erfahrung weiss Bohli, dass das Verfassen der eigenen Biografie kein leichtes Unterfangen ist. Daraus entstand die Idee, ein Schreibgefäss zu entwickeln. Das «Interview mit sich selbst» besteht aus über 500 Fragen und ist in rund 40 mögliche Lebenskapitel gegliedert. Dabei erhielt Bohli Unterstützung von Professor Messerli der Universität Zürich, einem ausgewiesenen Autobiografie-Experten.

Bei diesem «oral history»-Projekt geht es darum, Zeitzeugen sprechen zu lassen. Es geht um die Verschriftlichung von Erlebnissen und Ereignissen, die bislang nur in mündlicher Form existieren. Deswegen entschied sich Bohli auch für eine digitale Plattform. «Ob nun alles orthografisch und stilistisch perfekt ist, spielt keine grosse Rolle mehr. Der Inhalt ist viel wichtiger als die Form. An dieser kann man online immer wieder arbeiten und sie anpassen oder korrigieren», so Bohli.

Derzeit sind etwa 134 Autoren auf der Biografie-Plattform aktiv. Diese stammen laut Bohli aus allen Bevölkerungsschichten. Darunter finden sich bewegende Schicksale, wie jenes von Bruno Zahnd, aber auch gewöhnliche Lebensgeschichten.

Ob eine ehemalige Nonne von ihrem kirchlichen Leben berichtet, ein Metzgermeister seinen Alltag beschreibt, ein pensionierter Pfarrer seine Erlebnisse verschriftlicht oder ein Fremdenlegionär seine Geschichte erzählt – der Fundus der Schicksale, die sich auf Meet-my-life nachlesen lassen, ist vielfältig.

Es werden Zeitzeugnisse darüber abgegeben, wie man in den 40er- oder 50er-Jahren in der Schweiz wohnte, wie die Kriegsjahre erlebt wurden und wie alltäglich körperliche Züchtigung einst war. Neben der Alltagsrelevanz ist Bohli von der wissenschaftlichen Bedeutung dieser Lebensgeschichten überzeugt: «Diese Überlieferungen liefern interessante Fragestellung für die soziokulturelle Forschung.»

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