Erdbeben in Nepal

Christoph Schwemmer: In letzter Minute der Katastrophe entronnen

Der Urdorfer Christoph Schwemmer engagiert sich seit Jahren in Nepal. Kurz vor dem Erdbeben sagte er eine Reise dorthin ab. Nach der Katastrophe hat er den Kontakt zu seinem Altersheim verloren – ob es noch steht, weiss er nicht.

Christoph Schwemmer macht sich Sorgen um die Menschen in der nepalesischen Ortschaft Lekhnath. Der Leiter des Alters- und Gesundheitszentrums in Dietikon hat viele Freunde in jener Region, die nur 40 Kilometer vom Epizentrum des jüngsten Erdbebens entfernt liegt, welches das Land Ende April erschüttert hat. Wie es ihnen geht, kann Schwemmer nicht sagen, denn zurzeit sind alle Verbindungen abgebrochen.

Wäre alles wie geplant gelaufen, wäre Christoph Schwemmer vor Ort gewesen, als im kleinen Land am Fuss des Himalajas kein Stein auf dem andern blieb. Er wollte sich ein Bild machen über den Fortgang der Bauarbeiten im Altersheim, das er seit 2011 mit Spendengeldern aus der Schweiz finanziell unterstützt. Warum er die Reise in letzter Minute absagte, kann er im Nachhinein nicht mehr sagen.

Ein wenig quält ihn jetzt das schlechte Gewissen, dass er nicht dort ist. Aber wahrscheinlich hätte er ohnehin nicht helfen können. Christoph Schwemmer sinniert: «Eher hätten sich die Leute auch noch um mich kümmern müssen.» Und weiter: «Ich war erschüttert und schockiert. Dieses Land, das von Armut und Korruption schon so gebeutelt ist, muss auch das noch erleiden, waren meine ersten Gedanken.» Seine Ferientage nutzte Schwemmer dann, um eine Web- und Facebook-Seite aufzuschalten und für Spendengelder zu werben.

Wissen, wie Alte in Nepal leben

1978 reiste der Urdorfer Christoph Schwemmer das erste Mal nach Nepal. Die Berge, die Natur, die fröhlichen Menschen liessen ihn nicht mehr los. 33 Jahre später besuchte er das Land erneut, diesmal aber nicht als Tourist, sondern aus beruflichem Interesse: «Ich wollte wissen, wie die älteren Menschen in Nepal leben.»

Zufällig stiess er dort auf die lokale Stiftung Seed Foundation, die in der Region Lekhnath westlich der Stadt Pokhara soziale Projekte verwirklicht. «Man zeigte mir ein Altersheim – eine Ansammlung armseliger Hütten aus Lehm und Steinen mit einer offenen Feuerstelle, einem Wasseranschluss und einer einzigen Toilette in 200 Metern Entfernung.»

Ein neues Gebäude befand sich im Bau. Aber seit zwei Jahren fehlte für dessen Vollendung das Geld. Spontan entschied sich Schwemmer, einen Teil seines Dienstaltersgeschenks der Stiftung zur Verfügung zu stellen. «Mein Umfeld war schockiert», lacht Schwemmer. Er kenne die Leute doch gar nicht, hiess es. Vier Monate später reiste er erneut nach Nepal. Das Haus war fertiggestellt. So begann sein Engagement in Nepal.

Lokale finanzieren Projekt mit

Im Bekanntenkreis sammelte Christoph Schwemmer Geld. Der Frauenverein Urdorf stellte ihm 2013 den Erlös aus dem Basar zur Verfügung. Finanziert wurde in kleinen Schritten und in Zusammenarbeit mit der lokalen Stiftung. Schwemmer ist überzeugt, dass dies der richtige Weg ist. «Die Projekte müssen immer auch mit lokalen Geldern mitfinanziert werden. Andernfalls legen die Leute die Hände in den Schoss und fühlen sich für das Projekt nicht mehr verantwortlich.»

Mit den bisher gespendeten rund 20'000 Schweizer Franken konnte das Altersheim für 16 Bewohnerinnen fertiggestellt werden. Die lokalen Geldgeber finanzierten anschliessend ein Gebäude für die Küche und den Essraum. Dann folgte, wieder mit Unterstützung aus der Schweiz, der Bau eines Hauses für acht zahlende Gäste, alle mit Wasseranschluss und Toilette. Die Idee dahinter: Das etwas komfortablere Haus subventioniert die anderen Altersheimplätze. Schwemmer: «Das Projekt soll einmal selbsttragend sein.»

Die Kuh ist kein Wasserbüffel

Einnahmen soll auch die Landwirtschaft generieren. Mit den Spendengeldern aus der Schweiz wurden erst Kühe gekauft, bis sich zeigte, dass für diese die Bedingungen wohl nicht optimal waren. Sie wurden gegen robustere Wasserbüffel eingetauscht.

Jetzt verfügen die Bewohnerinnen des Altersheims neben Milch auch über Fleisch, zum Eigenbedarf und zum Verkauf. Das Kuhfleisch essen die Hindus nicht, das Fleisch von Büffeln wird jedoch von einem Teil der Hindus und der Buddhisten nicht verschmäht.

Wäre Christoph Schwemmer im April nach Lekhnath gereist, hätte er wohl auch einen Treffpunkt im Schatten zweier Bäumen einweihen können, der ebenfalls mit Spendengeldern gebaut werden sollte. «Die Cafeteria sozusagen», schmunzelt er. Ob diese Arbeiten beendet werden konnten, oder ob alles wieder zusammengefallen ist, wird er erst noch erfahren.

Weil die Häuser aber alle erdbebensicher gebaut wurden, ist Schwemmer zuversichtlich, dass die Schäden nicht all zu gravierend sind. Er hofft, dass sein Spendenaufruf auf Facebook ihm die Möglichkeit gibt, seine Arbeit weiterzuführen.

Seit vier Jahren opfert er einen guten Teil seiner Ferienzeit für das Projekt in Nepal. «Wir leben in der Schweiz in einer sehr privilegierten Situation und vieles ist für uns selbstverständlich. Vielleicht ist mein Engagement nur ein Tropfen auf den heissen Stein, aber es ist mir wichtig.»

Alte tragen Alte auf dem Buckel

Schwemmer ist immer wieder beeindruckt von der Mentalität der Nepalesen und der Solidarität in dieser Gesellschaft: «Ich sah im Altersheim alte Menschen, die noch ältere auf dem Buckel die Treppen hinuntertrugen,» erzählt er.

Dass man diese Solidarität nicht untergrabe, sei wichtig. Im Altersheim in Lekhnath wohnen vorwiegend Frauen. Alte Menschen sind in Nepal stark benachteiligt. Besonders hart trifft es aber alleinstehende und verwitwete alte Frauen, die nicht auf familiäre Unterstützung zurückgreifen können oder beim Tod ihres Mannes all ihren Besitz verlieren und mittellos zurückbleiben.

Lekhnath liegt rund 190 km westlich von Kathmandu, der Hauptstadt Nepals. Keine Distanz, würde man meinen. Mit dem Bus fährt man aber erst einmal 7 Stunden nach Pokhara, dann mit dem nächsten Bus weitere 30 km und dann folgt ein Fussmarsch von einer halben Stunde. Oder man warte auf den nächsten Bus, der dreimal täglich fährt und so überfüllt ist, dass man höchstens auf dem Dach noch Platz finden kann. Auch Christoph Schwemmer reist so, wenn er sein Altersheim besucht.

Die Ansprüche der Touristen

Spricht er über den Tourismus, beginnen seine Augen zu blitzen: «Die Tramper wollen es urtümlich. Sie wollen Hütten sehen aus Lehm und mit Strohdach. Aber am Abend die warme Dusche, das kühle Bier und den Zugang zu Facebook wollen sie auch.»

Er ärgert sich, dass man nur dann von Naturkatastrophen in Nepal hört, wenn Ausländer betroffen sind. «In Nepal gibt es immer wieder Erdbeben. Vor zwei Jahren riss ein Hochwasser ganze Dörfer weg und Hunderte Menschen kamen ums Leben. Davon war in den Medien wenig zu lesen.

Jetzt ist es wichtig, dass die Menschen ihre Häuser nicht wieder nur aus Lehm und Steinen aufbauen, denn dann ist es eine Frage der Zeit, bis sie das nächste Erdbeben wieder einstürzen lässt.» Christoph Schwemmer wird sich weiterhin für sein Altersheim engagieren – jetzt erst recht.

Mehr Informationen über das Projekt finden Sie auf der Homepage oder der Facebook-Seite von Christoph Schwemmer.

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