Strassengang

Bandenrivalität ist nicht gleich «Rockerkrieg»: ein Überblick

Die Basler Gruppe der kurdischen Strassengang Sondame, deren Zürcher Version am Samstagabend rund um die Langstrasse für Aufruhr sorgte

Die Basler Gruppe der kurdischen Strassengang Sondame, deren Zürcher Version am Samstagabend rund um die Langstrasse für Aufruhr sorgte

Nach einem Auftritt einer neuen Strassengang in der Zürcher Langstrasse fürchten Behörden einen «Rockerkrieg». Welche Gruppierungen aktiv sind und warum der Begriff «Rockerkrieg» falsch ist.

Black Jackets, Sondame, United Tribuns und weitere Namen von gewaltbereiten Gruppierungen tauchen seit kurzem in den Schlagzeilen auf. Nach einem Aufmarsch von jungen Kurden in Zürich, die unter dem Gangnamen Sondame unterwegs sind, ist erneut von einem drohenden «Rockerkrieg» die Rede.

Wer die beteiligten Gruppierungen sind, worum es geht und warum die Bezeichnung «Rockerkrieg» in fast allen Fällen von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Gruppierungen falsch ist: 

1. Hells Angels

Schweizer Hells Angels mit Anwalt Valentin Landmann auf dem Weg zum Bundesstrafgericht in Bellinzona

Schweizer Hells Angels mit Anwalt Valentin Landmann auf dem Weg zum Bundesstrafgericht in Bellinzona

Die Hells Angels sind die Chef-Rocker in der Schweiz. Sie gründeten ihr erstes Charter in der Schweiz 1970 und sind damit der älteste europäische Ableger des amerikanischen Motorradclubs. Bis zu einer Razzia der Bundespolizei und der Bundesanwaltschaft im Jahr 2004 in ihrem Hauptquartier in der Langstrasse in Zürich nahmen die Hells Angels mit Nachwuchs- und Gehilfenorganisationen im Milieu des Zürcher Chreis Cheibs Einfluss.

Im Zuge der Aufwertung des Langstrassenquartiers und des Aufkommens der Sauna-Club- und Grossbordell-Prostitution verlagerten die Hells Angels ihr Geschäft in die Inner- und Ostschweiz oder noch weniger exponierte Lagen in Graubünden. Die Geschäftsfelder der Hells Angels umfassen legale Prostitution und Sicherheits- bzw. Inkasso-Dienstleistungen.  

Die Hells Angels kontrollieren in einer breit akzeptierten und etwas archaischen Kodexregelung sämtliche Motorradclubs in der Schweiz. Wer die für Motorradclubs (MC) typischen Rockerkutten mit Top- und Bottom-Rocker und der Aufschrift MC tragen darf, entscheiden allein die Hells Angels, deren Gunst sich die anderen Motorradclubs erarbeiten müssen. Als Gegenleistung für dieses Rockerprivileg sind die MC den Hells Angels Unterstützung in allen Konflikten mit konkurrierenden Gruppierungen schuldig.

Die in letzter Zeit öfter gesehenen Grossaufmärsche von Hells Angels bestehen zu einem Grossteil aus bürgerlichen Mitgliedern loyaler Motorradclubs, die zu Vergeltungsaktionen oder Machtdemonstrationen zitiert werden. 

Der Besitz einer Harley Davidson ist für Anwärter- und Mitgliedschaft bei den Hells Angels Voraussetzung. 

2. Black Jackets

Mitglieder der Strassengang Black Jackets in einem Rap-Video

Mitglieder der Strassengang Black Jackets in einem Rap-Video

Die Black Jackets sind eine deutsche Gruppierung von Secondo-Jugendlichen aus dem Balkan. Die Gruppierung expandierte 2013 auch nach Zürich, in die Ostschweiz und teilweise in den Aargau. Der Hauptharst rekrutierte sich aus der Hooligantruppe Zürichs kranke Horde (ZKH), die stark im Kampfsport-Milieu verankert ist.

Einige Exponenten der Black Jackets planten, im Kokain- und Strassenstrich-Geschäft breiter Fuss zu fassen und das Platzhirsch-Vakuum zu füllen, das die Hells Angels an der Langstrasse hinterlassen hatten. Allerdings nahmen die Black Jackets Anweisungen der Hells Angels zu wenig ernst, wonach sie auf das Tragen von Motorradkutten zu verzichten hätten. Das Verbot war nach einem Auftritt des Black-Jackets-Rappers Toni der Assi an einem Kampfsport-Anlass im Zürcher Volkshaus erlassen und missachtet worden. 

Die Hells Angels boten in der Folge ihre Unterstützer auf, sorgten für ein polizeiliches Verbot des Folge-Kampfsportanlasses und zeigten während des Züri-Fäschts vor dem Stammlokal der Black Jackets in der Langstrasse demonstrativ Präsenz. Der Forderung der Hells Angels, die Vereinigung Black Jackets aufzulösen, kamen diese erst nach brutalen Strafaktionen der Hells Angels in einem Fitnessstudio in Zürich und an einer Tankstelle in Oftringen im Sommer 2013 nach. 

Besitz eines Motorrades ist nicht Voraussetzung für die Mitgliedschaft bei den Black Jackets, weshalb die Gruppierung nicht als Rocker- sondern als Strassengang einzustufen ist.

3. United Tribuns

Deutsche Mitglieder der United Tribuns

Deutsche Mitglieder der United Tribuns

Kurz nach der offiziellen und nach aussen kommunizierten Auflösung des Schweizer Black-Jackets-Ablegers tauchten zuerst in Zürich und in der Ostschweiz die United Tribuns auf. Das ist kein Zufall: Auch die United Tribuns sind eine Secondo-Strassengang aus Deutschland, deren Mitglieder wie die der Black Jackets über einen ex-jugoslawischen Migrationshintergrund verfügen. 

Der Schweizer Ableger der United Tribuns rekrutiert sich denn auch zu einem guten Teil aus ehemaligen Mitgliedern der aufgelösten Black Jackets. Die kleinkriminellen Betätigungsfelder sind mit Betäubungsmitteln und Kleinprostitution noch die gleichen. Bloss der Auftritt hat sich geändert. Statt der rockertypischen Kutten, welche die Hells Angels nicht sehen wollen, tragen die United Tribuns in der Schweizer Öffentlichkeit allerhöchstens Bomberjacken mit ihren Aufnähern. 

Die United Tribuns sind derzeit in Deutschland in eine gewalttätige Fehde mit der Kurdengang Sondame verwickelt. Diese brach im April 2015 offen aus, nachdem Sondame-Mitglieder per Video die Verbrennung einer United-Tribuns-Jacke öffentlich gemacht hatten.

Der Hintergrund der Auseinandersetzung dürfte in einer in Deutschland seit längerem andauernden und mit Waffengewalt geführten Fehde (siehe Punkt 4) zwischen der seit 2013 verbotenen Hells-Angels-Hilfsorganisation Red Legion und den United Tribuns liegen. 

Auch die United Tribuns schreiben ihren Mitgliedern keinen Motorradbesitz vor und sind deswegen nicht als Rockergruppierung, sondern als Streetgang einzustufen.

4. Sondame

Sondame-Gruppierung präsentiert sich in der Zürcher Langstrasse vor dem Restaurant Aargauer Hof

Sondame-Gruppierung präsentiert sich in der Zürcher Langstrasse vor dem Restaurant Aargauer Hof

Sondame (kurdisch für «Schwur») ist die jüngste Erscheinung in der süddeutschen Gangszene und seit kurzem auch in Basel und Zürich lose formiert. Die Gruppierung versteht sich als Kurdengang, die ihr Selbstbewusstsein auch aus den jüngsten Erfolgen kurdischer Peschmerga- und PKK-Kämpfer gegen den Terrorstaat IS ableitet. 

Die meisten der deutschen Sondame-Mitglieder sind ehemalige Red-Legion-Mitglieder, die neu unter der Führung eines von den Hells Angels verstossenen Kurden gegen die United Tribuns agieren. Am Ursprung der Fehde zwischen Red Legion – beziehungsweise jetzt Sondame – und den United Tribuns stehen Meinungsverschiedenheiten über die Aufteilung des Türstehermarktes im Grossraum Stuttgart (Baden-Württemberg). Im Übrigen geht es der Organisation vorwiegend darum, als neuer Player in der Szene Präsenz zu markieren und Muskeln zu zeigen.  

Ausser mit einem Aufmarsch von Sondame-Mitgliedern in Zürich und einer Schlägerei in Basel ist Sondame in der Schweiz nicht in Erscheinung getreten. Das könnte sich aber ändern, nachdem nun eine per Video festgehaltene und per WhatsApp verbreitete Verbrennung einer vermutlich gefälschten United-Tribuns-Jacke die Runde macht. 

Auch bei Sondame müssen Mitglieder kein Motorrad besitzen, weswegen auch nicht von «Rockern» gesprochen werden kann.

5. Satudarah

Satudarah

Satudarah

Im Gegensatz zu den United Tribuns und den Sondame handelt es sich bei Satudarah wirklich um eine Rockergruppierung mit Motorrad- und Kuttenpflicht. Die 1990 von indonesischen Einwanderern in den Niederlanden gegründete und in Duisburg (D) mit einem Chapter vertretenen Rocker haben seit 2013 auch einen Ableger in Basel. In Deutschland waren Satudarah gleich zu Beginn mit rabiaten Angriffen auf die Hells Angels aufgefallen.

Die befürchteten und für gewöhnlich öffentlichkeitswirksam geführten Auseinandersetzungen mit den Hells Angels wegen des unabgesegneten Tragens von Bikerkutten sind indes bisher ausgeblieben. Das spricht dafür, dass Satudarah in der Schweiz aus welchen Gründen auch immer im Einverständnis mit den Hells Angels ein Charter betreiben darf. Läge dieses Einverständnis nicht vor, erginge es den Satudarah gleich wie den Outlaws.

6. Outlaws MC

Outlwas MC

Outlwas MC

Die Outlaws sind ein Rocker-Club alter Schule. Mit Gründungsjahr 1935 in Chicago sind die Outlaws der traditionellere Motorrad-Club als die Hells Angels. In Europa verfügen die Outlaws über rund 2000 Vollmitglieder. In Deutschland und den USA sind die Outlaws traditionell mit den Hells Angels verfeindet, was auch zu tödlichen Auseinandersetzungen führt. Zuletzt erstachen Hells Angels 2008 in Rheinland-Pfalz einen Outlaw.   

Als die Outlaws sich 2010 in Baden (AG) niederlassen wollten, reagierten die Hells Angels mit dem üblichen Grossaufgebot und überfielen mit rund 200 Mann die Gründungsfeier des neuen Outlaw-Ablegers. Eine weitere Strafaktion fand im Badener Pickwick-Pub statt.

Die Hells Angels nehmen die Outlaws nicht nur wegen des verbotenen Kuttentragens ernst: Bei Hausdurchsuchungen mutmasslicher Outlaw-Mitglieder im Nachgang der Ereignisse fand die Polizei zahlreiche Schuss- und Stichwaffen sowie illegale Betäubungsmittel.  

Seit 2011 ist es ruhig geworden um die Outlaws, die sich mit den Hells Angels arrangiert haben müssen. Seit 2014 führen sie ein sogenanntes Prospect-Chapter für Mitgliedschaftsanwärter im Wallis. In diesem Kanton haben die Hells Angels keine Interessen und Mitglieder des Outlaws MC dürfen ihre Kutten nur verdeckt tragen, da sie nicht auf der Whitelist der Hells Angels für Grosspatch-Clubs stehen. 

Mitglieder des Outlaws MC müssen ein Motorrad besitzen. 

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