Das geplante Alterszentrum Hintermatt in Bergdietikon schafft es im Moment nicht auf die Reservationsliste für Aargauer Pflegeheime. Es gebe keinen Bedarf dafür im Bezirk Baden, hiess es letzte Woche vom Kanton.

«Für unsere älteren Mitbürger wird das eine herbe Enttäuschung sein», schreibt nun der Stimmbürger Werner Weibel in einem zweiseitigen Brief an die Aargauer Gesundheitsvorsteherin Susanne Hochuli (Grüne). Er kann den abschlägigen Bescheid nicht nachvollziehen, der die Stimmung in Bergdietikon weiter aufheize. Auch das Timing des Entscheids, so kurz vor der nächsten Gemeindeversammlung, mute seltsam an. Ein Zufall sei das, heisst es beim Kanton.

Zwar erwarten die Gemeinde und die Befürworter, dass es das Alterszentrum trotzdem auf die Liste schafft, sobald der Gestaltungsplan fertig und die Gegnerbeschwerde erledigt ist. Aber das Unverständnis bleibt.

«Ich kann den Unmut nachvollziehen, zumal das Projekt schon lange läuft», sagt dazu Felix Bader, Leiter Sektion Langzeitversorgung beim Gesundheitsdepartement. «Wir haben aber aufgrund unserer Daten beschlossen, dass das Alterszentrum in dieser Dimension im Bezirk Baden nicht funktionieren kann, zumal es momentan im Aargau ein Überangebot an Pflegeplätzen gibt.» In 20 Jahren könne man durchaus zu einem anderen Schluss kommen, so Bader weiter. «Nur ist die Frage, ob es Sinn macht, ein Alterszentrum zu planen, dessen Plätze lange leer stehen.» Bader verweist zudem darauf, dass es sich bei der Bedarfsplanung für Pflegeplätze nicht um eine exakte Wissenschaft handle, da man sich etwa auf Bevölkerungsprognosen stützen müsse.

Weiter ist man in Bergdietikon enerviert, weil der Kanton kein Gespräch mit der Gemeinde oder der Regionalplanungsgruppe Baden Regio gesucht hat. Man entscheide stets basierend auf den entsprechenden Anträgen, sagt dazu Bader. Aber auch den Bericht des runden Tischs aus Gegnern und Befürwortern, der den Bedarf berechnete, habe man vor dem Entscheid angeschaut.

Kanton: «Antrag früher stellen»

Der Ablauf: Baden Regio sagte der Bauherrschaft 2012, dass der Bedarf vorhanden sei. Ende August 2015 lancierte Baden Regio dann eine Anfrage an das Gesundheitsdepartement, zur Aufnahme des Alterszentrums auf die Reservationsliste. Die Gemeinde reichte Mitte November 2015 einen entsprechenden Antrag ein.

«Die Anfrage wurde dann von mir und meinem Team genau angeschaut und wir empfahlen der Departementsvorsteherin, das Alterszentrum nicht auf die Liste zu nehmen», sagt Bader. Für den Entscheid ist formell der Gesamtregierungsrat verantwortlich, der aber derlei Geschäfte an die dossierführende Regierungsrätin Susanne Hochuli delegiert. Bader sagt auch, dass es besser gewesen wäre, den Antrag früher zu stellen – bevor die Planung Kosten verursacht.

Hochulis Entscheid stösst auch bei Baden Regio auf Unverständnis. «Wir haben gerade erst eine neue Berechnung gemacht, sogar mit tieferen Werten, als sie der Kanton anwendet. Auch da resultiert klar, dass der Bedarf für die geplanten Pflegeplätze vorhanden ist, spätestens bis das Alterszentrum steht. Zurzeit gehen wir davon aus, dass dies 2021 der Fall ist», sagt Silvia Schorno, Geschäftsleiterin von Baden Regio. Der Vorstand von Baden Regio wird die neuen Berechnungen an seiner nächsten Sitzung vom 30. November diskutieren.

Eine Möglichkeit, den Kanton umzustimmen, wäre es, weniger Pflegeplätze beim Aargau und dafür auch noch einen Teil beim Nachbarkanton Zürich zu beantragen. Dies deutet das Gesundheitsdepartement an. Bader nennt das Beispiel Erlinsbach – ein Dorf nahe Aarau, das teils zu Solothurn, teils zum Aargau gehört. «Das Alterszentrum steht auf Solothurner Boden, hat aber einen Teil der Pflegeplätze auf der Aargauer Liste eintragen können», sagt er.

Über 20 Senioren leben auswärts

Einziger Haken: In Zürich gibt es zwar eine Pflegeheimliste, aber keine Reservationsliste. Man müsste also noch lange auf einen Eintrag warten. Die genannte Aufteilung der Pflegeplätze war in Bergdietikon aber sowieso kein Thema. Darauf angesprochen sagt Schorno: «Der Bezirk Baden ist selber auf alle diese Pflegeplätze angewiesen.» Auch Gemeindeschreiber Patrick Geissmann sagt: «Wir haben uns diesbezüglich noch nie mit dem Kanton Zürich oder der Zürcher Planungsgruppe Limmattal unterhalten. Ich kann insofern nur sagen, dass dieser Vorschlag vielleicht als Option für zukünftige Verhandlungen in Betracht gezogen werden könnte.»

Geissmann weiss auch ungefähr, wie viele Bergdietiker zurzeit in Alterszentren ausserhalb des Dorfs leben: «2015 zahlten wir für 22 Personen Restkostenbeiträge. Dazu kommen Personen, die nicht auf diese Beiträge angewiesen sind. Deren Zahl ist uns aber nicht bekannt.»

Während Werner Weibel in hohem Masse enttäuscht ist von der Regierungsrätin und ihr diverse Fragen stellt, äussert er sich nicht negativ über die Gegner, die mehrfach Beschwerden gegen das Projekt einlegten. «Das Beschwerderecht ist eine Errungenschaft des Schweizervolks, an der es nichts zu rütteln gibt, auch wenn es im vorliegenden Fall arg strapaziert wird», sagt er, der als Mitglied des Bürgerforums beim runden Tisch mitmachte und als solches das Projekt bestens kennt. Nun hofft er auf einen Antwortbrief aus Aarau.