Jugendgewalt

Alkohol und Pöbeleien: So erleben Jugendliche Gewalt im Alltag

Die befragten Jugendlichen sind sich einig: ist Alkohol im Spiel, steigt die Wahrscheinlichkeit gewalttätiger Auseinandersetzungen.

Die befragten Jugendlichen sind sich einig: ist Alkohol im Spiel, steigt die Wahrscheinlichkeit gewalttätiger Auseinandersetzungen.

Eine Studie der Kriminologischen Forschungseinheit der ETH Zürich zu Gewalterfahrungen zeigt: Die Jugendgewalt ist zurückgegangen. Drei Jugendliche erzählen von ihrer Haltung zu Gewalt und diesbezüglichen Erlebnissen.

Gemäss der am Dienstag veröffentlichten Studie der Kriminologischen Forschungseinheit der ETH Zürich sind Jugendliche weniger gewalttätig als noch vor wenigen Jahren. Doch wie nehmen die Betroffenen selbst Gewalt im Alltag wahr? In welchen Situationen kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen? Drei Jugendliche berichten von ihren Erfahrungen:

Sara, 17 Jahre aus Fahrweid:

«Mir selber ist zum Glück noch nie etwas passiert. Wenn ich mich abends mit Freunden treffe und zum Bahnhof in Dietikon muss, sehe ich aber immer wieder Schlägereien. Vor allem sind das junge Männer, mehrheitlich Ausländer. Obwohl auch ich Serbin bin, muss ich leider zugeben, dass Ausländer eher in solche Gewaltdelikte involviert sind. Warum das so ist, kann ich mir nicht erklären.

Auch in der Schule prügeln sich immer wieder Jungs auf dem Schulhof – entweder in der Pause, vor oder nach dem Schulunterricht. Dann greifen meistens die Lehrer oder andere Jungs ein. Die Mädchen sind da einfach zurückhaltender, wenn es um körperliche Gewalt geht. Da spielt Angst und Respekt vor Gewalt eine grosse Rolle.

Ich würde mich nie in einen Streit einmischen. Vor allem nicht, wenn er unter Männern ausgemacht wird. Lieber hole ich Hilfe oder verständige sofort die Polizei. Ich habe mir auch schon überlegt, einen Pfefferspray zu kaufen, habe es dann aber nie gemacht.

Vor allem wenn ich alleine unterwegs bin, fühle ich mich nicht sicher. Sehe ich dann einen Gewaltakt, habe ich Angst, dass auch ich einmal in solch eine Situation geraten könnte. Es macht mich traurig und auch wütend, dass ich mich abends auf der Strasse unsicher fühlen muss.

Der Hauptgrund für aggressives Verhalten, ist meiner Meinung nach der Alkohol. Viele trinken schnell einmal über ihren Durst und dann eskalieren gewisse Situationen.
Aus meinem Kollegenkreis kenne ich weder übermässigen Alkoholkonsum noch Gewaltkonflikte. Darum macht es mich umso nachdenklicher, wenn ich etwas in dieser Art mitbekomme.»

Marko 19, aus Berikon:

«Ein Kumpel von mir hatte Geburtstag, deshalb waren wir in Wohlen in einem Club. Auf der Tanzfläche wurde seine Freundin von einem Fremden angetanzt. Mein Kumpel hat nicht reagiert, da es ihm egal war, solange der Mann nur tanzte. Als der Typ anfing, seine Freundin zu begrabschen, sagte sie ihm, dass sie einen Freund habe, der ebenfalls hier im Club sei. Der Typ liess daraufhin von ihr ab, kam aber wenig später mit einem Freund zurück, um es noch einmal zu versuchen. Sie wurden jedoch erneut abgewimmelt.

Wenig später trafen wir die beiden Typen draussen beim Rauchen. Sie haben meinen Kumpel daraufhin angepöbelt und wurden handgreiflich. Ich habe nicht eingegriffen, da ich wusste, dass die anderen keine Chance hatten. Mein Kollege trainiert mit mir zusammen MMA. Das ist die Abkürzung für «Mixed Martial Arts» oder «Gemischte Kampfkünste». Der Kampfsport vereint viele Techniken von anderen Kampfsportarten. Nachdem die beiden ihn zuerst angegriffen hatten, hat mein Kumpel die beiden verprügelt. Dabei hat er sich einen Finger gebrochen und den Arm verstaucht.

Ich habe mich amüsiert, weil ich von Anfang an genau gewusst habe, auf was die Sache hinausläuft. Grundsätzlich probiere ich, den Schlägereien wenn möglich aus dem Weg zu gehen. Wenn ich Zeuge einer Schlägerei werde, probiere ich zu schlichten. Wenn mich jemand anpöbelt, laufe ich einfach weiter. Selber zuschlagen würde ich nur aus Notwehr.»

Thierry, 18 Jahre aus Bern:

«Wenn ich am Abend ausgehe und Alkohol im Spiel ist, kann es schon mal zu einer Schlägerei kommen. Das letzte Erlebnis ist gar nicht so lange her. Ich war mit meinen Kollegen vor der Reithalle in Bern. Wir waren schon etwas angetrunken. Plötzlich pöbelten ein paar Jungs – etwa im gleichen Alter wie wir – ein Freund von mir an. Nach ein paar Beleidigungen eskalierte die ganze Situation und es kam zur Schlägerei.

Normalerweise bin ich eher zurückhaltend und gehe so einer Situation, wenn möglich, aus dem Weg. Vor allem wenn ich alleine bin, will ich mich nicht in Gefahr bringen. An diesem Abend handelte ich anders. Ich wollte meinen Freund nicht im Stich lassen. Darum habe ich mich in den Konflikt eingemischt. Zudem waren die Jungs der anderen Gruppe in der Überzahl – noch ein Grund mehr einzugreifen. Der Alkoholspiegel hat sicher auch zu meiner Entschlossenheit beigetragen. Man sagt ja, mit Alkohol trinkt man sich Mut an.

Im Nachhinein kann ich mich nicht mehr genau erinnern, wie wir auseinandergingen. Irgendwann haben alle voneinander abgelassen. Blaue Augen gab es, ansonsten ist nichts passiert. Mir ist bewusst, dass es hätte schlimmer ausgehen können. Aber in diesem Moment habe ich nicht gross überlegt. Ich hatte überhaupt keine Angst, dass ich hätte verletzt werden können. Es war mir irgendwie ganz egal.

Mädchen sind da vorsichtiger und auch ich verhalte mich ihnen gegenüber anders. Werde ich geohrfeigt, was auch schon vorgekommen ist, nehme ich das einfach hin. Nie würde ich gegenüber einem Mädchen handgreiflich werden.»

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