Churchill, hoch im Norden an der Hudson Bay gelegen, ist unser nächstes Ziel. Den abgelegenen Ort kann man nur mit dem Flugzeug oder dem Zug erreichen. Wir entscheiden uns für die Bahn, denn wir wollen möglichst viel von der Landschaft sehen und mit den Menschen in Kontakt kommen. Dazu haben wir reichlich Zeit. Für die 1700 Kilometer ab Winnipeg braucht der Zug 45 Stunden, womit er eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern erreicht. Es gibt wenige Bahnhöfe unterwegs und meistens hält der Zug nur auf Verlangen. In den fünf Waggons, von zwei Lokomotiven gezogen, reisen durchschnittlich knapp 20 Gäste und zwei Zugbegleiter. Der Betrieb auf dieser Strecke wäre wohl längst eingestellt worden, würde Churchill nicht als Ausfuhrhafen für Getreide genutzt.

So rollen kilometerlange Zugkompositionen mit bis zu 120 Waggons, die 950 000 Tonnen Getreide transportieren, durch die nördliche Landschaft der Provinz Manitoba. Das Rollmaterial ist auch nicht mehr das Neueste. Es schüttelt uns oft gehörig durch und wir müssen des Nachts auf der Hut sein, um nicht aus dem Bett zu fallen. Mit fünf Stunden Verspätung erreichen wir unser Ziel.

Das 800-Seelen-Dorf Churchill nennt sich die Welthauptstadt der Eisbären. Die Bären kommen vor allem im Herbst hierher und warten, bis die Hudson Bay zufriert, damit sie wieder auf dem Meer nach Robben jagen können. Bis es so weit ist, sind sie auch mal im Dorf anzutreffen. Die Polizei patrouilliert hier nicht, um Verbrecher zu jagen, sondern, um die weissen Tundrabewohner zu vertreiben. Für diejenigen, die sich nicht verscheuchen lassen oder rückfällig werden, gibt es das Eisbärengefängnis mit 23 Einzelzellen. Dort sollen die Tiere während einer 30-tägigen Isolationshaft ohne jegliche Nahrung lernen, dass sie nicht in bewohntes Gebiet kommen dürfen (Churchill ist die einzige Siedlung hier weit und breit).

Danach werden sie mit einem Helikopter zirka 50 Kilometer ausserhalb in der Wildnis ausgesetzt. Allerdings wirkt dieses pädagogische Konzept nicht bei allen Tieren. Irgendwann gibt es für Wiederholungstäter die Todesstrafe – ohne ein Gerichtsverfahren oder eine Berufungsmöglichkeit. Im Ort hat sind überall Tafeln angebracht, die vor Bären warnen. Türen dürfen nicht abgeschlossen werden damit die Leute im Notfall in das nächste Haus oder Auto flüchten können. Obwohl die majestätisch aussehenden Eisbären friedlich und harmlos wirken, ist nicht mit ihnen zu spassen. Auch Menschen finden sich auf ihrer Speisekarte.

Auf einer Tour in der näheren Umgebung von Churchill sehen wir sechs Eisbären, davon zwei Mütter mit Jungtieren, was meinen Adrenalinspiegel in ungeahnte Höhen schnellen lässt.

Wir haben unseren Aufenthalt in Kanada so geplant, dass wir im «Indian Summer» hier sind. So nennt man die letzten warmen Herbsttage, wenn das Laub der Bäume in allen Schattierungen von Gold über Kupfer, Orange, Purpur und Ocker zu leuchten beginnt. Die Pracht dieses Farbenrausches in den stillen Wäldern ist ein unvergesslicher Anblick. Was wir hier zu sehen bekommen, übertrifft bei weitem alles, was wir bis anhin an farbiger Landschaft erlebt haben. Obwohl der Herbst auch in der Schweiz sehr schön sein kann, ist eine solche Farbenvielfalt und Leuchtkraft nicht zu finden. In Kanada sind über 800 Baumarten heimisch, in ganz Westeuropa sind es 51.

In Halifax, an der Ostküste gelegen, haben wir unser Endziel erreicht. Falls nicht in den nächsten Tagen noch ein neuer, bisher unbekannter Kontinent entdeckt wird, ist unsere Weltumrundung hier beendet. Wir sind glücklich und dankbar, sie ohne wirklich schlimme Zwischenfälle geschafft zu haben. Die Begegnungen mit Menschen aus verschiedensten Kulturen und die Schönheit unzähliger Naturwunder haben unser Leben in den letzten vier Jahren intensiv bereichert.