Heute Abend wird in Urdorf bereits zum dritten Mal innert einer Woche eine Frau auf den Scheiterhaufen gestellt. Den Anlass bietet das Musical «Häxefüür», das im Rahmen des Urdorffäschts von Laien und Profis in der Zentrumshalle aufgeführt wird. Was die wenigsten wissen: Im 17. Jahrhundert nahm in Urdorf tatsächlich eine schreckliche Tragödie ihren Lauf, die zur Hinrichtung einer «Hexe» führte.

Am 26. Juli anno 1643 wird die Urdorfer Witwe Anna Schnyder – auch «alte Steinerin» genannt – nach einem unter Folter abgerungenen Geständnis vom Zürcher «Malefizrat» als Hexe verurteilt. Sie wird darauf enthauptet, ihre Leiche verbrannt und die Asche in die Sihl gestreut. In seiner Aktenedition «Hexenprozesse mit Todesurteil – Justizmorde der Zunftstadt Zürich» aus dem Jahr 2012 widmete Autor Otto Sigg dem Fall Anna Schnyder ein ganzes Kapitel. Anhand der Ratsprotokolle werden darin nicht nur die Anklagen durch die Dorfbevölkerung ersichtlich, sondern auch die grausigen Foltermethoden, mithilfe derer Schnyder im Kerker Wellenberg schliesslich nach elf Verhören zu ihrem abschliessenden Geständnis gezwungen wurde.

Auf Verdächtigung folgte Haft

Wie bei den meisten Hexenprozessen reichten auch im Fall Schnyder Anschuldigungen aus der Dorfbevölkerung als Grund für die Verhaftung. In den Akten des Malefizrats sind insgesamt elf Zeugenaussagen vermerkt, die beweisen sollen, dass Schnyder «Gott den Allmächtigen verleugnet, sich an den bösen Geist ergeben, (...) sich in üppiger Unzucht mit ihm vermischt und mit desselben Hilfe Leute und Vieh geschändet» habe.

So sagte etwa die Frau des verstorbenen Heinrich Trüb aus, sie habe bei Schnyder Staub von zerriebenen Samen vom Tisch gewischt und darauf so grosse Schmerzen in ihrem Arm erlitten, dass sie «unsinnig geworden sei». Die blinde Barbel Hugin gab an, Schnyder sei ihr beim Dorfbrunnen mit der Hand über den Arm gefahren, worauf sie vorübergehend «in dem Haupt verrückt geworden sei». Und Hans Bräms Frau beschuldigte Schnyder gar, ihren eigenen Ehemann Peter Steiner im Wirtshaus mit mysteriösen Samen beworfen zu haben, worauf dieser kurze Zeit später im Spital in Zürich verstorben sei.

Als Dorfpfarrer Hans Wilpert Zoller die Obervögte in Uitikon und Birmensdorf, ihres Zeichens Mitglieder des Kleinen Rats in Zürich, über die Anschuldigungen in Kenntnis setzt, lassen diese Schnyder am 14. April 1643 im Wellenbergturm einsperren. In Haft streitet Schnyder zunächst jede Schuld ab. Nachdem sie jedoch mehrfach verhört und mit den Gewichten an den Beinen «gestreckt» (gefesselt an der Decke aufgehängt) wird, gesteht sie sämtliche ihr zur Last gelegten Anklagepunkte.

Teufel lockte mit Geld und Magie

Im Urteil heisst es schliesslich, dass fünf Jahre zuvor «der böse Geist in Gestalt eines langen, wüsten, schwarzen Mannes» zu Schnyder gekommen sei und sie aufgefordert habe, sich ihm zu ergeben. Neben Geld habe er ihr «in einem Papierli Fahrblüemli-Samen» gegeben, mit dem Rat, diese jenen anzuwerfen, die sie beleidigen würden. Später sei es im Dietikerberg gar zu einem Hexensabbat gekommen. Aufgrund dieses Geständnisses verurteilt der Malefizrat die Urdorferin schliesslich wegen «Entsagung Gottes und Teufelsbuhlerschaft» zum Tode.

Schnyder war nur eine von insgesamt 79 der Hexerei bezichtigten Personen, die in der Stadt Zürich hingerichtet wurden. Darunter waren mit Anna Burckhart aus Höngg (1577) und Katharina Widmer aus Birmensdorf (1606) zwei weitere Frauen aus der Region. Autor Sigg beschreibt in seinem Werk, dass an der Wurzel der Verfolgung von «Hexen» die ärmlichen agrarisch-genossenschaftlich geprägten Lebenssituationen der ländlichen Bevölkerung der damaligen Zeit standen: «Wenn in einem solchen Umfeld jemand (...) mit seinem Aussehen oder Verhalten aus der Reihe tanzte, so begannen Tuscheleien und Verdächtigungen.» Versiegte nun bei einer Kuh die Milch, oder erkrankte ein Mensch, so seien «die angeblich Schuldigen» oft rasch ausgemacht gewesen, schreibt Sigg. Als eigentliche «Justizmörder» bezeichnet der Autor aber die Obrigkeiten, die als diejenige Instanz, der die Gerechtigkeit anvertraut war, unschuldige Menschen zum Tode verurteilten.

Das tragische Schicksal der Anna Schnyder ist Regisseurin Martina Lory bekannt, die das Stück «Häxefüür» für das Urdorffäscht inszenierte. «Im Vorfeld wollte ich wissen, ob wir das Drehbuch, das aus dem Flämischen übersetzt ist, überhaupt auf die Region ummünzen können. Dabei stiess ich auf den Fall Anna Schnyder», sagt sie. Dennoch habe sie bei der Inszenierung keine direkten Bezüge zur historischen Realität geschaffen. «Hätte ich das Stück so stark abgeändert, hätte ich auch die Musik dazu gänzlich neu schreiben müssen», so Lory.