Hat Raffel vom TV Kerns sein Handy wieder erhalten? Und hat Andi Jenni vor dem kurzen Schlaf doch noch etwas zu essen gekriegt? Es waren Fragen wie diese, die am ersten Wochenende des Turnfests in Weiningen fast am meisten interessierten. Niemand wusste genau, wie sich die ersten Tage ausnehmen würden. Aber jeder wusste schon vorher: Am zweiten Wochenende wirds deutlich intensiver. Der Respekt vor den Vereinswettkämpfen und dem damit einhergehenden Grossaufgebot an Teilnehmern und vor allem Besuchern war am ersten Wochenende spür- und auch immer wieder hörbar. Die Organisatoren rechnen mit mindestens doppelt so vielen Personen auf dem Festgelände. Denkwürdige Situationen ergaben sich aber auch im gemächlicheren Rahmen. Die Limmattaler Zeitung blieb 24 Stunden wach, um den Puls am Turnfest zu fühlen.


Fehlende Gebäude in Dietikon


Der Marathon beginnt mit einem Abstecher auf den Dietiker Sportplatz Hätschen, wo die Mehrkämpfer am Samstagmorgen ein erstes Mal zur Tat schreiten. Während die ersten Wettkämpfe laufen, schauen sich ein Mann und eine Frau fragend um. Nach ihrem Plan fehlten rund um die Laufbahn «mehrere Gebäude», wie der Mann festhält. Das Rätsels Lösung: Das Ehepaar aus Samstagern hat sich in der Gemeinde geirrt: Der Weg nach Weiningen ist schnell erklärt, nicht aber schnell kapiert. «Wir könnten es im Navi eingeben», heisst es schliesslich. Aha.


Das Wiedersehen eine Stunde später am andern Ort fällt kurz aus: Die Kinder stehen im Einsatz. Nebenan gähnt der Zeltplatz vor Leere. Er wird bis zum Abend nur sehr spärlich gefüllt sein. Auch sonst droht an diesem Tag nichts überrannt zu werden auf dem weitläufigen Gelände. Zweimal macht es zumindest den Anschein. Nachdem der Platzregen losgebrochen ist, ist das Festzelt dicht besetzt, was Urdorfs Geräteturnerin Kim Kober zum Vorteil gereicht: Die Rangverkündigung der Kategorie 5 ist die am besten besuchte. Am höchsten aus Limmattaler Sicht steigt der Lärmpegel indes beim Bekanntwerden der Goldmedaille von Silja Mohler. Die Weiningerin gewinnt die Kategorie 7, was ihr den Titel der Turnfestsiegerin einbringt. Darüber hinaus sind die Rangverkündigungen meist scheinbar unendlich und öde. Das mag in ihrem Naturell liegen, in Weiningen hatte dieser Eindruck jedoch weitere Gründe. Besonders nervtötend sind die zahlreichen Konfusionen, weil viele Turner infolge Mehrfacheinsätzen nicht anwesend sind. Das gilt übrigens auch für Raffael vom TV Kerns, dessen Handy abgegeben wurde. (Sein Vorname schreibt sich gemäss einer Google-Recherche wirklich so; Nachnamen interessieren in Turnerkreisen nicht)


Wer das alles unter Gemütlichkeit abbucht, kommt dem Wesen des Anlasses am nächsten. Ob an der Essensausgabe oder auf dem Pissoir – von Getriebenheit keine Spur. Andere Themen beherrschen das Interesse an diesen Orten: Dem Mann an der Hörnli-Kelle kostet die Zeitung zu viel, bei der der Berichterstatter arbeitet, dem Teenager an der Rinne ist das Gefälle ebendieser zuwenig stark. Auch beim Sanitätsposten geht es – zum Glück – gemächlich zu und her. «Einer hat was auf die Nuss bekommen, andere haben Schürfungen erlitten. Solche Sachen gibt es immer an einem Turnfest. Aber am zweiten Wochenende wird alles schlimmer», vermutet ein Mediziner. Das denkt sich auch Andi Jenni, wenn auch aus anderen Beweggründen. Der oberste Wirt am Turnfest ist hungrig. Das mag paradox erscheinen, doch es ist so. Seit dem Morgen habe er nichts mehr gegessen, lässt er jeden Umstehenden wissen. Zwei Anrufe auf sein Handy und einen Klebeband-Einsatz später ist sein Problem noch nicht behoben. Wie soll er am nächsten Samstag und Sonntag erst zum Essen kommen?


Viele Stunden später denkt man einen kurzen Moment lang, dass es Jenni sein könnte, der – infolge völliger Entkräftung – um 4.37 Uhr mitten auf der Schlüechtistrasse liegt und schläft. Nach kurzem Augenschein ist klar: Das ist nicht einer, der zu wenig gehabt hat, sondern zu viel. Dieser Spontanschläfer gehört zu einer krassen Minderheit für Turnfestverhältnisse. Erst am Morgen taucht zwischen zwei Holzbündeln ein Artgenosse auf, der sein Bier in geradezu rührender Weise noch immer mit einer Hand festhält.


Schnaps als Blumentöter


Die vergleichsweise geringe Zahl an Alkoholleichen – kein Einziger musste aus diesem Grund behandelt werden – kommt nicht von ungefähr: Den Tag über dominierten Softdrinks oder Wasser die Tische. Und auch der junge Träger des Vereinshorns des TV Weiningen stellt klar, dass sich im Horn kein Schnaps befindet, sondern Wasser. «Sonst gehen die Blumen darin schneller kaputt», lautet seine durchaus pfiffige Folgerung. Der Träger weiss aber laut einem Gespräch mit einem Gleichaltrigen immerhin, dass «das richtige Turnfest» erst nach den Wettkämpfen beginnt. Das sehen auch zwei Ostdeutsche so. Kennen die solche Anlässe aus ihrer Heimat? «Bei uns heisst das Sportfest, da wird neben Turnen auch Fussball gespielt und gekegelt – aber eigentlich geht es um das Gleiche.» Zum Wohl.


Getrunken wird ordentlich in den verschiedenen Zelten oder rund um die mobilen Soundanlagen der Vereine. Aber nicht mehr, als dass es bei einem x-beliebigen (Weininger) Fest üblich ist. Apropos: Nicht wenige vermissen das Rebblüetefäscht, das dieses Jahr dem Turnfest geopfert werden muss. Dabei geht es nicht um reine Qualität, sondern um Sentimentalitäten, nimmt man den oft gehörten Satz: «Das Rebblüetefäscht ist nicht besser, aber anders.»
Die Nacht vergeht mehr oder weniger ohne nennenswerte Ereignisse. Das Organisationskomitee wird am nächsten Morgen an seiner 8-Uhr-Sitzung Vandalenakte besprechen, die an solchen Veranstaltungen «leider üblich geworden sind», sagt OK-Vizepräsident Moritz Lüthi. Fahrradständer sind umgeworfen und Parkbeschilderungen herausgerissen worden. Darüber hinaus sei versucht worden, in eine der bemalten Miniatur-Holzhütten einzubrechen, die in Weiningen zum Zeichen des Fests aufgestellt worden sind. Ebenso üblich sind die Verunreinigungen der Klos. Dies, obwohl sie – wie das gesamte Areal – nach Kräften die ganze Nacht über gereinigt worden sind. Reinigung steht auch am Sonntag an erster Stelle. Köbi Haug legt um 5.26 Uhr selbst Hand an die ersten Abfalleimer. Der Präsident des TV Weiningen hat sich die Nacht als Helferplaner im Personalzelt um die Ohren geschlagen und bemerkenswert offene Ohren für die – häufig zustandsbefeuerten – Sorgen und Nöte der Helfer bewiesen.


Wo liegt Islikon?


Es dämmert über dem Gubrist. Dreimal wird die Idylle von Lärm durchdrungen: Einmal von aufheulenden Motoren der Arbeitsgefährte, die von Helfern im Übermut bedient werden. Einmal vom Krähen eines Hahns. Und einmal von Gejohle: Der TV Glattfelden entscheidet die Sonderwertung des reinen «Festsiegers» doch noch für sich. Ein Bad im Nationalturner-Brunnen um 4.08 Uhr hat auch die letzten Zweifel ausgeräumt im heimlichen Zweikampf mit dem diskreten, aber ungemein Tresen-zähen TV Aathal-Seegräben. Aathal und Segräben – was für lustige Orte das wohl sein müssen! Davon gibt es an einem Turnfest noch viel mehr zu entdecken: Der Verein aus den Dörfern Gachnang und Islikon zum Beispiel. Er stellt am Tag das mit Abstand stimmungsvollste Team, ist am Abend allerdings verstummt. Wie die meisten anderen sind die Thurgauer nach den Rangverkündigungen nach Hause gefahren.
Doch sie werden wiederkommen: am nächsten Samstag, wenn alles schlimmer werden soll.