Man traut der AL etwas zu. Nach Annahme der AL-Volksinitiative zur Abschaffung der Pauschalbesteuerung im Kanton Zürich 2009 und der Wahl von AL-Mann Richard Wolff in den Zürcher Stadtrat 2013 erscheint ein AL-Mitglied in der Kantonsregierung zwar immer noch unwahrscheinlich – aber nicht mehr völlig abwegig. So geniesst AL-Kandidat Markus Bischoff diesmal mehr Aufmerksamkeit als 2003, als er das erste Mal für einen Sitz in der Kantonsregierung kämpfte.

Bischoff ist in der sankt-gallischen Landgemeinde Berg in der Bodensee-Region aufgewachsen. Die Eltern betrieben die Posthalterei. Der Sohn und die drei Töchter halfen mit. «Das war Teamwork», sagt der 58-Jährige. Seine Politisierung als Linker erlebte er im Internat Friedberg in Gossau. Nicht die Patres waren dafür verantwortlich, sondern ältere Mitschüler. «Damals gab es eine linke Welle», sagt Bischoff.

Historisch interessiert, sieht er gesellschaftliche Entwicklungen als ein stetes Auf und Ab – und benützt dafür gerne das Bild der «Welle». Zum Beispiel auch für die Fichenaffäre Ende der 1980er. «Zehn Jahre früher war Kalter Krieg, die Zeit noch nicht reif», sagt er. Und er hat Verständnis. Das war die Generation seines Vaters, Aktivdienstler.

Heute, angesichts von islamistischem Terror und «spontanen» Strassen- und Stadionkrawallen, läuft die Welle in die andere Richtung. Viele zeigen sich wieder offener gegenüber präventivem Sammeln von Daten durch den Staat, muss er feststellen.

Die Grundrechte sind ihm heilig

Auch das kann er nachvollziehen. Dessen ungeachtet ist die AL strikt, wenns um die Grundrechte geht. Bei der Polizeigesetz-Revision etwa hat sie (erfolglos) verlangt, dass sich die Polizei nur bei konkretem Verdacht in geschlossenen Internet-Foren umsehen darf. Bischoff gratulierte dem Studenten, der diese Forderung später gerichtlich durchsetzte.

Letzten Dezember artete dann die «Reclaim-the-Street»-Demo in Zürich nicht zuletzt deshalb aus, weil die Stadtpolizei von der Aktion nichts wusste – weil sie nicht vorsorglich in geschlossenen Internet-Foren verkehren darf, wie es hiess. Das kann Bischoff nicht nachvollziehen. «Es hatten seit Tagen SMS kursiert.» Er erwarte, dass die Polizei über Informanten verfüge. «Mittelsleute, nicht Spitzel», präzisiert er.

In der Sache zuständig war Wolff. Statt ihm hätte auch Bischoff für einen Stadtratssitz antreten können. Wenn Wolff gewählt worden ist, wäre es Bischoff erst recht, sagt man. Doch ihm steckte damals noch die Arbeit in der Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) zum Korruptionsfall in der BVK in den Knochen, und so verzichtete er.

Dass er als Vertreter der Kleinstpartei AL (drei Kantonsratssitze) vom bürgerlich dominierten Kantonsrat zum PUK-Präsidenten gewählt wurde, ist bemerkenswert. Darin kommt die Anerkennung seiner analytischen Fähigkeiten zum Ausdruck. Er kann Sachverhalte juristisch klar und verständlich einordnen wie nur wenige. Wenn er im Rat spricht, hört man zu. Seine Arbeit in der PUK BVK wurde allseits gelobt.

Bruno Walliser (SVP, Volketswil) amtete als sein Vize. Sein Urteil über Bischoff: «Exzellenter Redner, dossierfest, als PUK-Präsident ein umsichtiger Sitzungsleiter.» Klar ist, dass die zwei in der Grundhaltung nicht übereinstimmen können. Walliser lässt aber eine Gemeinsamkeit gelten: Er gesteht Bischoff «eine gesunde kritische Haltung gegenüber staatlichen Institutionen» zu.

Auch der Staat kann Fett ansetzen

Bischoff wiederum sieht hier das hauptsächliche Unterscheidungsmerkmal der AL zur SP. «Bei der SP findet man, dass grundsätzlich jeder Franken, der an den Staat geht, gut investiert ist.» Dabei könne auch der Staat Fett ansetzen. Und ein Allheilmittel sei er schon gar nicht.

Bischoff arbeitet in einer Kanzlei mit fünf weiteren Anwälten und Anwältinnen. Er hat sich auf Haftpflicht- und Versicherungsrecht spezialisiert. IV-Bezüger, die gegen die Streichung ihrer Rente kämpfen, sind etwa seine Kunden. Er wisse daher, wie schmerzlich 100 Franken weniger pro Monat sein können. Er erlebe aber auch die «Unvollkommenheit des Menschen», wenn sich jemand darauf versteift, einen Anspruch auf Rente zu haben – und kann das akzeptieren.

Seine Wahlkampfthemen lauten: Grundrechte, bezahlbare Kinderbetreuung sowie die Wohnbauförderung. Die Mittel für Letzteres könnten aus der Abschöpfung von Mehrwerten aus Umzonungen stammen. Die Bundesgesetzgebung sieht dies neu vor, Bischoff will, dass der Kanton die maximal mögliche Abschöpfung von 60 Prozent festlegt (das Minimum beträgt 20 Prozent).

Er selber braucht keine Wohnförderung. Er lebt mit Partnerin und Töchtern (13, 18) in einem Einfamilienhaus in Höngg – «gekauft in den 1990ern, als das noch wesentlich billiger war», fügt er an.

Leicht einzuordnen ist Bischoff nicht. Das sagt auch Nationalrat Balthasar Glättli (Grüne) — in allem Respekt. An einer Wahlveranstaltung pries er Bischoff als unverbohrten Politiker mit einer klaren sozialen und ökologischen Wertehaltung.