Muslime im Fussball

«Religion ist nie ein Thema in einer Mannschaft»

Selcuk Sasivari aus der Fahrweid (hinten) ist derzeit Assistent von Trainer Hakan Yakin bei der U15-Auswahl vom Team Zugerland.

Selcuk Sasivari aus der Fahrweid (hinten) ist derzeit Assistent von Trainer Hakan Yakin bei der U15-Auswahl vom Team Zugerland.

In den Limmattaler Klubs spielt die Religion keine Rolle – nach dem Wunsch von Spielern, Trainern und Juniorenverantwortlichen soll ihr auch künftig keine zukommen.

Sie ist ein Abbild der Bevölkerung der jeweiligen Gemeinden im Limmattal: die Zusammensetzung der Fussballklubs. Selcuk Sasivari (25) hat einen breiten Erfahrungsschatz, was das Zusammenleben von Anhängern verschiedener Kulturen und Glaubensrichtungen in einem Team anbelangt.

Er ist seit langem als Spieler (unter anderen Dietikon und Schlieren) und als Nachwuchstrainer (Dietikon, jetzt Zug) auf den Plätzen anzutreffen. Sein Fazit fällt unmissverständlich aus: «Religion ist nie ein Thema in einer Mannschaft.»

Der Fussball sei ein neutrales Umfeld, «man vergisst während des Trainings und der Spiele alles: die Schule, die Freundin, den Hund» – und offenkundig auch die Religion.

Sasivari besucht regelmässig das Freitagsgebet in einer Moschee in Dietikon, er trinkt keinen Alkohol, isst kein Schweinefleisch und hält den Fastenmonat ein. Die Merkmale in Verbindung mit Essen und Trinken sind oft die Einzigen, an denen in einem Team festgemacht werden kann, wer muslimischen Glaubens ist.

Eine Konsequenz: In Trainingslagern gibt es beim Essen eine Alternative für Muslime. Der Oberengstringer Laurent Fessel hat sich als Organisator von Trainingslagern einen Namen gemacht und eine florierende Firma aufgebaut.

Für den ehemaligen Trainer (unter anderen Engstringen und Birmensdorf) ist es selbstverständlich, dass die Hotels verschiedene Mahlzeiten bereitstellen. Die Klubs geben vor Lagerbeginn in einem Fragebogen an, wie viele Spieler kein Schweinefleisch essen.

Unterbruch des Ramadans

Wenn im Trainingslager Schweinebraten auf dem Speiseplan steht, greift Fahrudin Adilovic zum Poulet. Der 23-Jährige aus der Fahrweid schaffte es einst – wie sein damaliger Teamkollege Selcuk Sasivari – als Junior des FC Dietikon in die erste Mannschaft.

Später spielte er für Urdorf und Schlieren, mittlerweile kickt er bei Bosna Zürich in der 4. Liga, sofern es sein lädiertes Knie zulässt. Adilovic, der die Moschee in Schlieren besucht, schilderte gegenüber dieser Zeitung schon früher vom Leben als gläubiger Muslim in einem Fussballteam.

«Bei Festen weiss jeder, dass ich nichts trinke. Wenn eine Runde Bier bestellt wird, denkt man automatisch daran, dass ich eine Cola nehme. Das ist für jeden normal», schilderte er.

Fällt ein Spiel auf einen Tag während des Ramadans, verzichte er auf das Fasten und hole dieses später nach. Gleiches gelte für verpasste Gebete. Im Winter sei das für das Morgengebet die Regel, weil Adilovics Arbeitsbeginn als Elektroinstallateur vor dem Sonnenaufgang liegt.

Er verurteilt die schrecklichen Vorkommnisse, die die Muslime jüngst in den westeuropäischen Gesellschaften in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. Gleichermassen beschäftigt ihn das negative Bild, das in den Medien von seiner Religion transportiert wird. «Meiner Meinung nach macht man den Islam kaputt und schürt Ängste.» Er habe wegen der Berichterstattung selbst «Angst vor Arabern». Umso mehr schätzt er die Offenheit im Fussball.

Die erlebt auch Carmelo Giamboi. Der 45-jährige Italiener ist Juniorenobmann im FC Dietikon. Auch nach seiner Erfahrung kommt das Thema Religion im Zusammenhang mit Fussball nicht vor.

Konflikte gebe es höchstens wegen der Nationalität, er selbst sei früher manchmal «Sautschingg» genannt worden. «Solche Vorfälle gibt es selten», sagt Giamboi, «grundsätzlich ist der Fussball grenzenlos, es gilt leben und leben lassen.»

Auf die Frage, ob Vereine Aufklärung betreiben sollten, reagiert er ablehnend: «Das würde erst recht Reizungen provozieren. Gäbe es Spannungen deswegen, könnten wir in Dietikon gleich aufhören mit Fussball.» Für Urdorfs Juniorenobmann Marc Dreifuss ist klar: «Aufklärung soll zu Hause oder in der Schule stattfinden – aber nicht in einem Fussballklub.»

FC-Schlieren-Präsident Mauro Fulginei sieht das genauso und führt aus: «Gerade von Kindern muss man in einem Verein dieses Thema fernhalten. Sie kommen zu uns, um Fussball zu spielen und Spass zu haben – das steht im Mittelpunkt.»

Er sieht auch für die Zukunft ein entspanntes Verhältnis zwischen Muslimen und Andersgläubigen im Limmattal voraus: «Die heutige Generation wächst sowieso in einem Multikulti-Umfeld auf, da stellen sich Fragen nach Herkunft und Religion gar nicht erst.»

Religion spielt also – wie sonst auch im Limmattal – im Fussball keine Rolle. Das gilt auch für die Frauenabteilung, wie Schlierens langjähriger Trainer Mauro De Corso bestätigt.

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