Migration

Früher waren sie Gastarbeiter, heute heissen sie Muslime

Ab 1960 wurden vermehrt auch Gastarbeiter aus der Türkei rekrutiert.

Ab 1960 wurden vermehrt auch Gastarbeiter aus der Türkei rekrutiert.

Den Weg in die Schweiz fanden viele Muslime nach dem Zweiten Weltkrieg mit tatkräftiger Hilfe der Wirtschaft. Später kam Muslime auch als Flüchtlinge. Und manch einer aus der zweiten oder dritten Generation ist in der Schweiz geboren und Schweizer.

Einen goldenen Schlüssel auf einem silbernen Tablett brachte Emil Landolt mit. Der damalige Zürcher Stadtpräsident war einer von vielen Gästen, die am 22. Juni 1963 der Eröffnung des ersten muslimischen Gebetshauses in der Schweiz beiwohnten. Die Mahmud-Moschee steht heute noch an der Forchstrasse, direkt gegenüber der reformierten Kirche Balgrist.

Der Bau der Moschee fiel in jene Jahre, in denen sich der Islam zur heute drittstärksten Religionsgemeinschaft in der Schweiz hinter den beiden christlichen Landeskirchen zu entwickeln begann. Während nach dem 2. Weltkrieg zuerst Arbeitskräfte aus dem südlichen katholisch geprägten Europa wie Italien, Spanien oder Portugal für den Schweizer Arbeitsmarkt rekrutiert wurden, folgten später solche aus der Türkei und dem damaligen Jugoslawien. Von der Wirtschaft angeworben, kamen sie mit der Absicht in die Schweiz, nach einem vorübergehenden Aufenthalt wieder in ihre Heimatländer zurückzukehren. Diese, meist jungen Männer, liessen sich vorwiegend in den industriellen Regionen des Landes nieder. Ihre Religion, den Islam, pflegten sie meist im privaten Bereich, oft in dafür gegründeten Heimatvereinen. Bereits in den 1970er-Jahren entstanden in leer stehenden Industriearealen Gebetsräume und Kulturtreffs. Auch heute noch leben die Muslime vorwiegend in den Städten und Agglomerationen, was den hohen Anteil der muslimischen Bevölkerung im Limmattal erklärt.

Eine zweite Migrationsphase setzte dann mit dem Familiennachzug Mitte der 1970er-Jahre ein, weil aus dem temporären Arbeitsaufenthalt ein dauerhafter Aufenthalt wurde. Parallel zur Arbeitsmigration sorgten ab den 1980er-Jahren Flüchtlinge und Asylsuchende für einen Anstieg der muslimischen Bevölkerung. Viele von ihnen kamen im Zuge des Balkankrieges aus dem ehemaligen Jugoslawien. Eine zahlenmässig bedeutende Gruppe stellten Personen aus den kurdischen Gebieten in der Türkei dar. Mittlerweile ersuchen aber auch Flüchtlinge aus Nordafrika, den afrikanischen Ländern südlich der Sahara, aus dem Nahen sowie dem Mittleren Osten um Aufnahme in der Schweiz. Allerdings machen Asylsuchende nur einen kleinen Anteil an der Gesamtzahl der Muslime in der Schweiz aus. Ein wesentlich bedeutenderer Faktor sind seit den 1990er-Jahren die Nachkommen der vormals zugewanderten Muslime. Viele Personen aus dieser zweiten oder sogar dritten Generation besitzen mittlerweile den Schweizer Pass.

Obschon alle diese Migrationsphasen von öffentlichen Debatten begleitet wurden, spielte die Religionszugehörigkeit der Migranten anfänglich keine Rolle. Im Fokus stand das Fremde an sich. Eine Zäsur bedeuteten die von islamistischen Terroristen verübten Anschläge vom 11. September 2001 in New York. In Europa nahm die Angst vor dem Islam zu. An Fragen zur Einbürgerung, zur Burka, oder den Minaretten, entzündete sich eine bis heute anhaltende Diskussion darüber, ob eine Vereinbarkeit zwischen dem Islam und den hiesigen Werten und Rechtsvorschriften überhaupt möglich ist.

In einem 2013 veröffentlichten Bericht über die Muslime in der Schweiz, beantwortete der Bundesrat diese Frage mit einem Ja. Zu diesem Schluss kommt er unter anderem aufgrund der Tatsache, dass rund 90 Prozent der in der Schweiz lebenden Muslime aus Europa inklusive der Türkei stammen und daher mit der geltenden Rechtsordnung sowie den gesellschaftlichen Verhältnissen vertraut sind. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu anderen europäischen Staaten, wie etwa Frankreich oder England. Wegen ihrer kolonialen Vergangenheit stammen die dort wohnhaften Muslime vorwiegend aus dem Maghreb beziehungsweise aus Pakistan.

Etwa die Hälfte der rund 400 000 Muslime in der Schweiz kommt aus dem Westbalkan, zumeist aus Bosnien, dem Kosovo und Albanien. Die zweitgrösste Gruppe stammt aus der Türkei. Wichtigstes Merkmal der muslimischen Gemeinschaft in der Schweiz ist aber deren Heterogenität. Die verschiedenen Gruppen sind untereinander wenig vernetzt. Sie setzen sich nach ethnischen und sprachlichen Zugehörigkeit zusammen.

Die Mehrheit der Schweizer Muslime gehört konfessionell zu den Sunniten. Die zweitgrösste Gruppe bilden türkische und kurdische Aleviten. Zudem gibt es Splittergruppen, wie die aus Indien stammende Ahmadiyya-Bewegung, welche die Mahmud-Moschee baute.

Für seinen Besuch dort, musste sich Stadtpräsident Landolt im Gemeinderat erklären. Kritisiert wurde damals auch, dass die Stadt der islamischen Bewegung Gemeindeboden in Baurecht abgegeben hatte. Landolt entgegnete, dass «Zürich trotz seiner Verbundenheit mit der evangelisch-reformierten Kirche stolz auf seine weltoffene und geistig liberale Haltung ist.»

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