Muslimin Nagihan Kesat

Ein Leben nach dem Koran – mit rechtsbürgerlichem Denken

Nagihan Kesat will ihren Glauben leben und dennoch Teil der Lebenswelt der christlich geprägten Schweiz sein. fni

Nagihan Kesat will ihren Glauben leben und dennoch Teil der Lebenswelt der christlich geprägten Schweiz sein. fni

Nagihan Kesat führt ihr Leben nach den Regeln des Korans, ohne ein Kopftuch zu tragen. Sie wünscht sich, dass sich Muslime politisch mehr engagieren – für ein Gegengewicht zum gefährlichen Halbwissen über ihre Konfession.

Nagihan Kesat sagt von sich selbst, sie sei eine «konservative Muslimin». Diese Selbsteinschätzung überrascht: Die junge Schweizerin mit türkischen Wurzeln studierte Betriebsökonomie und Banking Finance. Zur Zeit ist sie an ihrem Zweitstudium in Politologie. Ihr Auftreten ist das einer Geschäftsfrau: Jupe, Bluse, Blazer und fast immer ein Lachen auf den tadellos geschminkten Lippen. Ihr Ziel sei eine akademische Karriere, sagt sie: «Ich könnte mir aber auch vorstellen, mich politisch zu engagieren.» Und für welche Partei? «Die BDP», sagt Kesat und muss über das verdutzte Gesicht ihres Gegenübers lachen. Sie habe Martin Landolt, den Präsidenten der BDP Schweiz, während einer politischen Reise in die Türkei kennen gelernt. Im Gespräch mit ihm habe sie festgestellt, dass er und seine Partei in vielen Belangen die gleichen Positionen vertreten, wie sie. «Wir halten die Liebe zur Schweiz und ihre Werte hoch», erklärt sie.

Man ist versucht, das «konservativ» in ihrer Selbsteinschätzung von ihrer politischen Gesinnung abzuleiten. Doch auch in ihrer religiösen Praxis ist die 26-Jährige im Vergleich zu anderen Muslimen ihres Alters eine Traditionalistin: Kesat geht regelmässig in die Moschee, isst kein Schweinefleisch, fastet während des Ramadans. Ein Kopftuch trägt sie zwar nicht – weil sie sich «noch nicht bereit dazu fühlt», wie sie sagt. Es könne aber durchaus sein, dass sie eines tragen werde, wenn sie älter ist. Schliesslich durchdringe ihr Glaube fast jeden Aspekt des täglichen Lebens.

Vom Vater zum Studium ermutigt

Kesat lebt in Rüti ZH. Aufgewachsen ist sie mit einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder in der Nachbargemeinde Wald. Ihr Vater wanderte der Arbeit wegen aus der Türkei in die Schweiz ein, die Mutter – ebenfalls Türkin – lebt seit ihrem vierzehnten Lebensjahr hier. Es sei ihr Vater gewesen, der sie davon überzeugte, die Berufsmatur zu absolvieren und zu studieren, sagt Kesat: «Ihm selbst blieb eine akademische Bildung in der Türkei verwehrt, weil sein Vater früh starb und er sich um seine Geschwister kümmern musste.» Doch wie kommt es, dass ein Mann, von dem sie auch sagt, dass sie ihm einen Partner erst vorstellen würde, wenn sie diesen zu heiraten gedenke, seine Tochter zu einem Studium ermutigt? Die Zürcher Oberländerin sieht darin keinen Widerspruch, im Gegenteil: «Der Islam gebietet es, sich immer weiterzuentwickeln und zu bilden.»

Kesat räumt zwar ein, dass der Koran den Geschlechtern durchaus unterschiedliche Rollen zuordne, und eine Frau sich Männern gegenüber zurückhaltend zu verhalten habe. Doch dass etwa junge Männer in der türkischen Gesellschaft Freundinnen haben dürfen, während Mädchen Liebesbeziehungen nur im Verborgenen führen können, habe nichts mit dem Glauben zu tun, sondern mit der landeseigenen Kultur. «Diesbezüglich gestehen zudem auch konservativ-christliche Gesellschaften den Männern mehr Freiheiten zu, als den Frauen», gibt sie zu bedenken.

In ihrer Jugend haderte Kesat mit der Diskrepanz zwischen der Lebensweise, wie sie ihr zu Hause vorgelebt wurde, und dem zwanglosen Umgang in ihrem stark nichtmuslimisch geprägten Umfeld. Damit hätten viele junge Glaubensgenossen zu kämpfen, sagt sie: «Und diese Zerrissenheit ist ein Grund dafür, warum einige Probleme dabei bekunden, sich in diese Gesellschaft zu integrieren.» Auch deshalb begann die Studentin, sich in der Jugendarbeit eines türkischen Vereins zu engagieren. Denn: Praktizierende Muslimin zu sein, heisst für sie, nach ihrem Glauben zu leben und dennoch Teil der Lebenswelt eines christlich geprägten Landes zu sein.

Islamkritik trifft sie persönlich

Diese Überzeugung bringt mit sich, dass Kesat immer wieder in Diskussionen über den Islam gerät. Umso mehr, wenn Terroranschläge wie jener gegen die Redaktion des französischen Satire-Magazins «Charlie Hebdo» die Medienberichterstattung dominieren. Natürlich fühle sie sich betroffen, wenn Menschen sie fragen, wie sie einen Glauben leben könne, der solche Blüten trägt, sagt die Zürcher Oberländerin: «Ich erkläre immer wieder, dass der Koran es verbietet, Unschuldige zu töten, und dass solche Taten vielmehr politisch denn religiös motiviert sind.» Die Annahme, dass radikalisierte Muslime so handeln, weil sie den Islam zu ernst nähmen, sei falsch, sagt Kesat: «Wahr ist das Gegenteil.»

Die 26-Jährige empfindet die gegenwärtige Entwicklung in der Schweiz als gefährlich: Sie kritisiert, dass Gratiszeitungen mit ihrer tendenziösen Berichterstattung der Bevölkerung ein falsches Bild des Islams vermitteln. Dies schaffe einen Graben zwischen Muslimen und dem Rest der Gesellschaft, erklärt Kesat. Auch prangert sie an, dass rechtspopulistische Kreise aus Terroranschlägen Kapital schlagen würden, indem sie die Angst schüren und so eine regelrechte Islamophobie heraufbeschwören.

Integration zählt nicht mehr

Als jüngstes Beispiel für die Folgen dieser Angst schildert sie einen Vorfall von vergangener Woche: Als ihre Mutter, die ein Kopftuch trägt, beim Einkaufen mit ihrem Wagen unabsichtlich eine Frau streift, blafft sie diese an, was sie sich als «Moslem» eigentlich erlaube. Dass ihre Mutter seit ihrer Jugend in der Schweiz lebt und akzentfrei Dialekt spricht, hat heute kein Gewicht mehr, wie Kesat sagt.

Ihr Wunsch ist es deshalb, dass sich Muslime in der Politik vermehrt engagieren, um ein Gegengewicht zum gefährlichen Halbwissen über diese Konfession zu schaffen. Sie will mit dem Irrglauben aufräumen, dass ein praktizierter Islam mit der Integration in eine christlich geprägte Gesellschaft in Widerspruch steht, wie sie sagt: «Denn die Schweiz ist meine Heimat, und auch als Muslimin gehöre ich hierher.»

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