Familienbesuch

Die Yükseldis von nebenan: «Toleranz prägt unser Leben»

Sie kamen in den 1970ern in die Schweiz und sind hier geblieben. Sie sind Schweizer – und Muslime. Und ihr Bezug zur alten Heimat verblasst.

Nach guten zwei Stunden Gespräch hat Fevzi Yükseldi genug: «Wir reden hier fast nur über Probleme. Dabei sind es nicht die Probleme, die unser Leben als Muslime in Dietikon prägen.» Was ist es dann? «Toleranz, die wichtigste der Schweizer Eigenschaften.» Fevzi Yükseldi ist 25 Jahre alt, Software-Engineer, gläubiger Moslem, Ehemann – und Schweizer, wie auch seine Frau Sümeyye, sein Vater Cengiz und sein Schwiegervater Ersin Tan, die sich an diesem kalten Winterabend zum Gespräch in seiner Wohnung in der Dietiker Sonnenhofsiedlung eingefunden haben.

Cengiz Yükseldi hatte keinen langen Weg: Er wohnt zwei Stockwerke unter Fevzi, seinem jüngsten Sohn, vis-à-vis hat sich sein Ältester eingemietet. Die Wohnung liegt für sie ideal: Gleich gegenüber, an der Bergstrasse, steht die türkische Moschee, die von Cengiz und seiner Frau präsidiert wird. In der ehemaligen Kantine der Reppisch-Werke durfte der junge Einwanderer, der damals für das Unternehmen Lastwagen fuhr, nach wiederholtem Anfragen Mitte der 1990er-Jahre endlich einen Gebetsraum einrichten; seither trifft sich hier die Gemeinschaft der türkischen Muslime.

Beten im Sitzungszimmer

Der Glaube nimmt im Leben der ganzen Familie einen hohen Stellenwert ein. Die fünf Säulen des Islams sind für sie eine Pflicht, der sie gerne nachkommen, auch wenn das im Alltag manchmal Improvisationsgeschick erfordert. Fevzi etwa verrichtet zwei der täglichen fünf Gebete im Büro in Wallisellen. Dabei rollt er sein Gebetstuch im Sitzungszimmer aus, wenn es frei ist. Wenn nicht, muss er halt schauen, wo er sonst ein Plätzchen findet. Auch den Ramadan konsequent durchzuziehen, kann Berufstätige wie ihn stark herausfordern, besonders wenn der Fastenmonat wie in den letzten Jahren auf lange Sommertage fällt.

Doch ohne diese kleinen Opfer geht es für die erweiterte Familie Yükseldi nicht. Der Islam gebietet ihnen, sich dankbar zu zeigen für alles, das gut ist im Leben. Sich sozial zu engagieren, das Gegenüber mit Respekt zu behandeln. Kurz: Ihren Beitrag zu einer funktionierenden und friedlichen Gesellschaft zu leisten – unserer Gesellschaft, die auch die ihre ist.

Der Weg in die Schweiz verlief für die Yükseldis ähnlich wie der Tausender anderer türkischer Muslime, die heute hier leben. Es waren nicht Not oder Hunger, die Fevzis Grossvater 1968 dazu bewegten, seine Metzgerei in der südosttürkischen Kleinstadt Bolvadin aufzugeben, um sich alleine nach Oerlikon aufzumachen. «Die Metzgerei meines Vaters war die beste in der Stadt», sagt Cengiz Yükseldi. «Die anderen wurden ihr Fleisch erst los, wenn unser Geschäft leergekauft war.» Es war die pure Neugierde, die den Vater gen Westen zog. Freilich, zu besseren Löhnen sagte man auch nicht Nein. Doch das alleine war es nicht: «Europa war damals einfach in Mode», sagt Cengiz Yükseldi. Und die Hürden waren tief: Dass in Oerlikon Metzgermangel herrschte, erfuhr der Vater durch einen Nachbarn, der bereits dort lebte. Schnell war eine Stelle gefunden, eine Arbeitsbewilligung eingeholt.

Als die Mutter sechs Jahre später mit den vier Kindern folgte, eröffnete sich dem 11-jährigen Cengiz eine völlig neue Welt. «Eine gute», sagt er: «Ich konnte anfangs nur staunen. Wie geregelt hier alles ist, wie die Schweizer leben – das alles war unglaublich interessant für mich.» Dass der gescheite Bub trotz Sprachbarriere nicht in die erste Klasse gehört, in die er zu Beginn eingeteilt wurde, merkten die Lehrer schnell: Nach einer Woche konnte er in die dritte wechseln. Er war damals der einzige Türke. Ausgrenzung habe er nicht erlebt. «Es war für mich im Gegenteil eine sehr günstige Situation: Als einziger Türke musste ich dann halt einfach sehr schnell Deutsch lernen.»

Die perfekten Einwanderer

In perfektem Züridüütsch zeichnet auch Ersin Tan ein idyllisches Bild einer türkischen Kindheit in der Schweiz. Als er sieben Jahre alt war, zog die Familie von Bursa im Norden der Türkei nach Horgen, wo der Vater drei Jahre zuvor eine Stelle als Mechaniker angetreten hatte. «In der Schule hatte ich null Kontakt mit Türken. Dafür bin ich heute dankbar», sagt er.

Die Integration der ersten Generation, zumindest auf dem Arbeitsmarkt, sei problemlos verlaufen. «Die Schweiz suchte Arbeitskräfte und wir Türken hatten einen guten Ruf. Die strenge Erziehung unserer Grosseltern hat unseren Vätern eine Arbeitsmoral mit auf den Weg gegeben, die sehr gut mit der schweizerischen vereinbar war.» Sich je einmal krank zu melden, wäre seinem Vater nie in den Sinn gekommen, erinnert sich Tan. «Den Chef, der den Lohn auf den Tag und den Rappen genau auszahlte, hat man verehrt.» Und die Arbeitgeber hätten das nicht ausgenutzt: «Auf beiden Seiten war viel Respekt für das Gegenüber vorhanden.»

Anders war man, gewiss. Doch die Schwiegerväter verbinden das nicht mit Gefühlen der Ausgrenzung. Auch Fevzi und Sümeyye haben sich wohlgefühlt in der Schule in Dietikon, in der sie mittlerweile weder die einzigen Türken noch die einzigen Muslime waren. «Ab und zu fiel ein blöder Spruch wegen meines Kopftuchs, das ich trage, seit ich zehn bin — freiwillig und mit Stolz.» Kommentare wie «Es regnet im Fall nicht», begleitet von schallendem Gelächter, habe sie hinnehmen können. Dass Einzelne sich danebenbenehmen, war für die 20-Jährige nie ein Grund, eine ganze Gesellschaft abzulehnen.

Die Familie wünschte sich, dass dieselbe Grosszügigkeit ihnen — mehr oder weniger sichtbaren Vertretern einer Religion, die zusehends im Kreuzfeuer der Kritik steht — entgegengebracht würde. Denn seit dem 11. September 2001 ist auch die Welt der Dietiker Muslime nicht mehr die gleiche wie zuvor. Ersin Tan weiss, dass eine Gesellschaft Sündenböcke braucht. «Am Anfang waren das in der Schweiz die Tschinggen, dann die Tamilen, dann die Jugos. Und plötzlich waren es die Muslime», sagt der Fahrlehrer. Das war neu: Vor dem Fall der Twin Towers habe sich niemand für seine Religion interessiert.

Wer lebt den «richtigen» Islam?

Cengiz Yükseldi reagiert irritiert auf Nachfragen zu den Attentaten in Paris. «Wieso muss ich mich dauernd für Dinge rechtfertigen, die andere getan haben? Andere, die rein gar nichts mit dem Islam zu tun haben, wie wir ihn leben?» — «Leben nun die 1,6 Milliarden Muslime, die keine Schlagzeilen machen, den ‹richtigen› Islam oder eine winzige religiöse Minderheit, die in seinem Namen Gräueltaten begeht?» Das Feuer lodert kurz in ihm auf, als er diese Sätze sagt, doch es erlischt schnell wieder: Man merkt sie ihm an, die Müdigkeit, die immer gleichen Argumente herunterzubeten, seit bald 15 Jahren, und, wie Gradmesser wie die Minarett-Initiative zeigen: mehr oder weniger erfolglos.

Auch Tan bekümmert es, dass Terroristen seinen Glauben in ein schlechtes Licht rücken. Aber auch dass Nicht-Muslime so bereitwillig glauben, dass der Islam Gewalt predige. Es ist der Schweizer in ihm, der dabei wütend wird, nicht der Muslim, wie er betont: «Wenn die Medien auf Muslimen herumhacken, verletzt das mein schweizerisch geprägtes Gerechtigkeitsgefühl: Warum ist der norwegische Attentäter Anders Breivik ‹halt ein Geistesgestörter›, aber die Attentäter von Paris sind ‹Muslime›? Warum wird hier nicht mit gleichen Ellen gemessen?», fragt er.

Fevzi Yükseldi kann es den Menschen nicht verübeln, dass sie angesichts einseitiger Berichterstattung und politischer Instrumentalisierung von Tragödien wie jener in Paris die Angst packt. Doch er wünschte sich, dass sie sich vor der Pauschalverurteilung die Mühe geben würden, sich mit dem Islam auseinanderzusetzen. «Es ist gefährlich, wenn kein Austausch stattfindet.» Er sieht sich dabei auch selbst in der Pflicht: Spätestens seit dem Ja zur Minarett-Initiative erklärt er lieber einmal zu viel, wie dieses oder jenes KoranZitat im Kontext zu verstehen ist, wie er und seine Familie leben, wie schweizerisches und islamisches Recht vereinbar sind («gut»).

Denn für ihn und seine Frau ist klar: Ihre Zukunft liegt in der Schweiz. So möchten sie möglichst viel dazu beitragen, dass ihre Kinder dereinst nicht unter Generalverdacht aufwachsen müssen. Der erzieherische Spagat wird auch so anspruchsvoll genug sein: Ihre Kinder wollen sie zu guten muslimischen Schweizern erziehen, sagt Sümeyye Yükseldi. Doch sie sollen sich auch ihrer Herkunft bewusst sein. «Und selbst wenn wir die Entscheidung ihnen überlassen werden, würde es uns sehr traurig stimmen, wenn sie sich nicht zum Islam bekennen», so die 20-Jährige.

Bezug zur alten Heimat verblasst

Die Aussicht, dass die kommenden Generationen den Bezug zur alten Heimat und ihren religiösen und kulturellen Eigenheiten verlieren, betrübt Cengiz Yükseldi. «Schon bald werden meine Nachfahren sagen: ‹Mein Urururgrossvater war mal aus der Türkei, aber viel mehr weiss ich darüber nicht.›» Sümeyye Yükseldi versucht, ihn zu trösten. «Wir werden ihnen Geschichten erzählen und jedes Jahr in die Türkei fahren.» Er lächelt. Doch sie wissen beide, dass die Yükseldis bald keine muslimischen Türken mit Schweizer Pass, sondern Schweizer Muslime mit türkischer Vorfahren sein werden.

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