Abiail Torquato wuchs mit sechs Geschwistern in der kleinen Stadt Joaquim Nabuco im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco auf, wo sie mit 18 Jahren als diplomierte Landwirtin abschloss und ein Agronomie-Studium begann.

Während des Studiums wurde ihr bewusst, dass sie dieser Beruf nicht ausfüllen würde, weil eine andere Leidenschaft in ihr brannte.

Als kleines Mädchen schon hielt sie sich oft unter dem Nähtisch ihrer Mutter auf und wartete gespannt auf die herunterfallenden Stofffetzen, aus denen sie ihren beiden Puppen die ersten Kleidungsstücke anfertigte.

«Es spornte mich wahnsinnig an, wenn ich in die vermeintlich freudig-glänzenden Augen meiner ersten ‹Kundinnen› schaute, deren Garderobe ständig wuchs», erinnert sie sich.

Nachdem sie mit ihrem ersten Ehemann nach Recife gezogen war, zog es sie wieder an die Nähmaschine.

Doch die Arbeit als Fabrik-Schneiderin der bekannten Marke Hering war ihr viel zu eintönig, sodass die junge Frau beschloss, eine Ausbildung zur diplomierten Industrie-Modellistin in Angriff zu nehmen und erfolgreich abzuschliessen. Erst dann nahmen die Eltern ihr Talent wahr und schenkten ihr die erste Nähmaschine.

Während ihrer Schwangerschaft mit Tochter Anna Carolina im Jahr 1987 fing sie zu Hause an, Kleider zu entwerfen und zu nähen. «In der Nachbarschaft hatte es sich schnell herumgesprochen, dass ich als Schneiderin tätig war.

Als immer mehr Klientinnen kamen, richtete ich mein erstes eigenes Schneideratelier ein.» Auch für ihre Tochter nähte sie schöne Kleider. «Jetzt war sie mein Modell und meine beiden Puppen durften in den wohlverdienten Ruhestand», so die Brasilianerin.

Neben dem Schneidern war es wichtig für sie, ihre Tochter wohlbehütet grosszuziehen, sie auf eine spätere berufliche Laufbahn vorzubereiten und letztlich beim Jura-Studium zu unterstützen.

«Mich freut es sehr, dass Anna Carolina heute als Anwältin tätig ist, weil ich selbst aus einfachen Familienverhältnissen stamme», erklärt die stolze Mutter, die ihre in der Schweiz lebende Schwester besuchte, sobald ihre Tochter einigermassen selbstständig war.

Am besten gefällt ihr der Winter

Es gefiel ihr hier auf Anhieb, weil Land und Leute, verglichen mit Brasilien, kaum unterschiedlicher hätten sein können.

«Ich liebe das Klima, vor allem den Winter, weil er so schön kalt ist. Auch der Schnee ist etwas Wunderbares. Und die bunten Blätter im Herbst, mit all ihrer Farbenpracht, lassen mich nur staunen.

Mein erster Besuch in Zürich sollte nicht mein letzter sein», so die Naturliebhaberin. Vor vier Jahren verbrachte sie wieder einmal einen Urlaub in der Schweiz und lernte bei einem Kirchenbesuch ihren heutigen Ehemann kennen.

Abiail Torquato und Markus Indermühle verliebten sich und heirateten ein Jahr später in Dietikon, wo sie auch Wohnsitz nahmen. Im Oktober eröffnete Indermühle-Torquato im Bezirkshauptort auch ihr erstes eigenes Schneideratelier.

«Mit der Vermieterschaft und den Mietern an der Weststrasse 1 habe ich ein angenehmes Verhältnis und mittlerweile durfte ich auch schon viele zufriedene Kunden bedienen», sagt sie. Nebst allgemeinen Schneiderarbeiten wie Änderungen und Reparaturen entwirft und stellt sie besonders gerne Damenkleider nach Mass her.

«Ich bin Schneiderin und Modellistin aus Leidenschaft. Ich hoffe, auch in Zukunft das freudige Glänzen in den Augen zufriedener Kundschaft erleben zu dürfen, weil mich dieses Strahlen an meine ersten ‹Klienten› erinnert, die beiden Puppen aus meiner Kindheit.»