«Eine sternenklare, kalte und stille Nacht umgibt mich an diesem Heiligabend in meinem Taxi am Güterbahnhof in Liestal. Es ist kurz vor Mitternacht, und ich bin als Chauffeur von Gesetzes wegen verpflichtet, nach fünf Stunden Einsatz eine Stunde Pause einzulegen. Wohl wissend um die Unmöglichkeit, an einem solchen Tag in einem öffentlichen Lokal noch eine Mahlzeit zu kriegen, hab ich von zu Hause einige belegte Brote, Schokolade und Kaffee mitgebracht. Selbst eine Dose Katzenfutter findet sich in meinem Lunch-Paket.

Eben noch habe ich von meinen - meist älteren - Kunden ihr eigenes durchlaufenes Weihnachts-Menü erfahren, welches sie bei ihren Kindern geniessen durften. Man hat mir auch verraten, dass der liebe Sohn sie zwar persönlich am Nachmittag mit seinem Auto abgeholt, später jedoch des vermehrten Alkoholkonsums wegen es vorgezogen habe, für sein Mütterlein ein Taxi nach Hause zu bestellen. Ein verantwortungsvoller, pflichtbewusster Junge!

Da sitz' ich nun allein in meinem Taxi mit all den wunderschönen Bildern einer friedlichen, familiären Weihnachtsfeier, rieche Braten- und Kerzen-Duft und schwelge in bunten Farben von Geschenkpapier - doch irgendwie ist mir der Appetit vergangen. Seit über zwanzig Jahren nun leiste ich meinen Einsatz an Weihnachten - zugunsten von Chauffeuren mit Familie. Ich bin Junggeselle und habe die Erfahrung gemacht, dass ein solcher in unserer Gesellschaft eher ein Fremdkörper darstellt und in der Regel von familiären Anlässen ausgeschlossen bleibt.

Während ich esse, bewegt mich die alljährlich wiederkehrende Frage: Was macht uns Menschen in dieser Zeit so anders, was genau ist es, das selbst Kriege für einen kurzen Augenblick zu einem Unterbruch bewegen und unterschiedlichste Menschen einander näher bringen kann? Und weshalb erlischt dieser Zustand der Zusammengehörigkeit, der Liebe und Wärme - kaum, dass die ersten Weihnachtsbäume zum Entsorgen an der Strasse stehen? Ist diese ‹Verwandlung› verinnerlich, oder lassen wir uns nur verwandeln, verzaubern, anstecken?

Ein kurzes, spitzes ‹Miau› neben meinem Taxi unterbricht meine Gedanken: Es ist ‹meine› schwarze, herrenlose Bahnhofs-Katze, welche längst entdeckt hat, dass in ihrem Revier ein Taxi-Chaffeur öfters seine Pause macht und dabei auch gerne sein Essen mit ihr teilt. Ich öffne die Dose und zwei grosse, gelbe Katzenaugen schauen mich erwartungsvoll an: Frohe Weihnachten, liebe Katze!»

*Den Text hat Jürg Messerli, der ins seiner Freizeit gerne liest und schreibt, selber verfasst.