Frau Puhl, wir kennen alle die typischen Frauen- und Männerberufe. Gibt es aber auch solche, die den Erwartungen nicht entsprechen?

Es gibt schon Berufe mit ungleicher Geschlechterverteilung, die man so nicht unbedingt erwarten würde. Beispielsweise sind beim Beruf Koch EFZ und Küchenangestellte EBA zwei Drittel Männer. Insgesamt ist es jedoch schon so: Die jungen Männer interessieren sich für die Technik und die jungen Frauen für Berufe im sozialen und Gesundheitsbereich.

Hat sich bezüglich der typischen Frauen- und Männerberufe etwas geändert in den letzten Jahren?

Es gibt Veränderungen in einzelnen Berufen, aber generell hat sich in den letzten Jahren sehr wenig geändert. Eine kürzlich erschienene Studie aus dem Kanton Zürich zeigt, dass sich bei
der Berufswahl drei Viertel aller jungen Männer auf 36 Berufe verteilen.
Bei den Frauen konzentrieren sich drei Viertel auf gerade mal 14 Berufe. Nur jeweils ein Viertel jedes Geschlechts wählt einen der über zweihundert anderen Berufe, die es zu lernen gibt. Somit haben wir – vor allem bei den Mädchen – eine sehr hohe Konzentration auf wenige Berufe.

Woran liegt das?
Die Berufswahl fällt in eine Hochphase der Pubertät. Dies bedeutet für die Jugendlichen grosse Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Wenn Jugendliche nicht wissen, wo sie hingehören, tendieren sie eher zu Berufsentscheiden, die in der *Peergroup vertreten sind. Somit treffen
die jungen Leute stark geschlechterspezifische Berufsentscheide. Dies wurde auch sehr deutlich im Nationalforschungsbericht 60 zur Gleichstellung der Geschlechter.


Wer behauptet sich besser: Männer in Frauenberufen oder Frauen in Männerberufen?

Ich denke, dass es für Frauen in Männerberufen schwieriger ist, weil sie sich stärker behaupten müssen. Dies zeigt sich auch daran, dass viele Frauen in Männerberufen bald nach der Ausbildung oder nach wenigen Jahren Berufserfahrung in frauenspezifische Spezialfunktionen wie Personal oder Kommunikation wechseln oder sich ganz vom Beruf abwenden. Bei Männern in Frauenberufen ist es hingegen meiner Wahrnehmung nach
eher umgekehrt. Männer in eher frauendominierten Berufen steigen überdurchschnittlich schnell in Führungspositionen auf.

Wem fällt es einfacher, sich für einen untypischen Beruf zu entscheiden?

Es kommt sehr darauf an, wie das Umfeld den Entscheid mitträgt. Werden die Jugendlichen von der Familie und von Freunden in ihrem Entscheid bestärkt, entscheiden sie sich eher für einen geschlechtsuntypischen Beruf. Jugendliche aus Familien, in denen bereits jemand in einem untypischen Beruf arbeitet, tendieren eher dazu, aus geschlechtertypischen Mustern auszubrechen.

Haben Sie Tipps für jemanden, der mit einem untypischen Beruf liebäugelt?
Auf jeden Fall soll man dem Impuls nachgehen. In Beratungen ermuntere ich die Jugendlichen in einem solchen Fall, dass sie auf jeden Fall eine Schnupperlehre in diese Richtung absolvieren. So stellt sich dann meistens schnell heraus, ob es passt oder nicht. Oftmals lohnt es sich auch, Alternativen im entsprechenden Berufsfeld zu suchen. Interessiert sich ein Mädchen z. B. für den Beruf Polymechanikerin, könnte auch Feinmechanikerin oder Uhrenmacherin eine weitere Option sein.

Was können Unternehmen tun, um mehr Frauen oder Männer für ihre Berufe anzusprechen?
Wenn es darum geht, junge Frauen für Männerdomänen zu begeistern, haben sich Formate wie z. B. die ABBMeitlitage bewährt. Erwiesenermassen verhalten sich Mädchen anders, wenn keine gleichaltrigen Knaben zugegen sind. Sie zeigen dann bessere Leistungen und engagieren sich mehr. Darum halte ich solche Veranstaltungen für sehr sinnvoll. Des Weiteren empfehle ich Unternehmen, mit Mitarbeitenden zu werben, die einen geschlechtsuntypischen Beruf ausüben. So schafft man Vorbilder für die Jugendlichen, die sie ermutigen, ausserhalb der typischen Geschlechterrolle zu denken.