«Fast 600 Freiwillige sorgen dafür, dass die alten Sorten erhalten bleiben», sagt Nicole Egloff, Kommunikationsverantwortliche bei Pro Specie Rara in Basel. Und fügt an: «Wir sind jedoch nach wie vor auf der Suche nach weiteren Sortenbetreuern, weil jede Sorte möglichst in drei Gärten abgesichert sein sollte.» Die Aufgabe für die Freiwilligen besteht darin, Samen auszusäen, die Setzlinge im Garten zu pflanzen und von der verblühten Pflanze das neue, sortenreine Saatgut zu ernten. «Für uns ist es wichtig, dass die Samen von schön und kräftig gewachsenen, sortentypischen Pflanzen in unsere Samenbibliothek kommen. Was nicht dem Ideal entspricht, darf belassen und vom Sortenbetreuer als Gemüse genossen werden», betont Egloff. Es gibt Freiwillige, die sich einfach um eine Sorte kümmern, aber auch solche, die gegen 40 betreuen. Wer sich gerne als «grüner Daumen» für die Sortenerhaltung einsetzen möchte, erhält von Pro Specie Rara ein Probierset mit drei Sorten. Auf diese Weise kann der Interessent herausfinden, ob ihm diese doch aufwendige Tätigkeit Freude macht. Die Samen im Probierset gehören nicht auf die Rote Liste. Will das Ganze nicht gedeihen, ist dies kein Unglück. Pro Specie Rara erstellt jedes Jahr eine Rote Liste mit den Sorten, von denen nur noch ganz wenige Portionen in der Samenbibliothek vorhanden sind. Aktuell stehen darauf etwa gewisse Busch- oder Stangenbohnen, Mairüben oder Schlafmohn. Anders als bei den Tieren kann sich dies jedoch nach jeder Saison schnell ändern. Die Rote-Liste-Sorten werden verständlicherweise nur in die Obhut von langjährigen, erfahrenen Betreuern gegeben. 

Die Samenbibliothek von Pro Specie Rara

Die Samenbibliothek von Pro Specie Rara

Kursbesuch ist erforderlich

Um die Verantwortung für einzelne Sorten zu übernehmen, ist der Besuch eines Samenbaukurses Voraussetzung. Denn für das sortenreine Überlebender Raritäten ist es wichtig, dass die Vermehrer wissen, welche Arten miteinander verkreuzen, wie man die richtigen Pflanzen auswählt, wie man zweijährige Pflanzen vermehrt und vieles mehr. Nach dem Besuch einer der Kurse kann man die Verantwortung für eine oder mehrere Sorten übernehmen.

Wie kommt Pro Specie Rara an alte Sorten?

Nicole Egloff: «Unsere Stiftung gibt es seit 35 Jahren. In den Medien machen wir immer wieder darauf aufmerksam, dass wir alte Sorten in unsere Samenbibliothek aufnehmen. Und so kommt es, dass Menschen auf uns zukommen, die im Estrich oder Keller eines alten Hauses Saatgut gefunden haben. Es gibt sogar eigentliche Familiensorten, die jeweils innerhalb der Mitglieder <weitervererbt> werden. Wir vergleichen die Sorten mit unserem bestehenden Bestand. Ob es sich bei den Proben um alte Sorten handelt, lässt sich durch Literaturrecherchen und die mitgelieferten Geschichten herausfinden. Unsere Samenbibliothekarin Mira Langegger nimmt sich dieser Aufgabe peinlich genau an.»

Warum braucht es diese Form der Sortenerhaltung? Man könnte die Samen doch einfach einfrieren. Nicole Egloff: «Letzteres wird auch gemacht, z.B. im Saatguttresor auf Spitzbergen. Doch die Umweltbedingungen ändern sich laufend. Das Ziel von Pro Specia Rara ist es deshalb, den alten Sorten durch regelmässiges Anbauen die Möglichkeit zu geben, sich anzupassen. Alte Sorten sind ein kulturhistorisches Erben und Garant für die Ernährungssicherheit. Diese gilt es zu erhalten. Zudem bleiben die Sorten so lebendig in den Köpfen, dass man weiss, wie sie angebaut und auch genutzt werden», betont Egloff. 

Sind die alten Sorten besser als die Neuzüchtungen? Das könne man nicht generell sagen, sagt Egloff. Rüebli seien heute süsser als früher, Bohnen hätten tendenziell weniger Fäden. Aber Tomaten beispielsweise sind heute zwar deutlich besser lagerbar, dafür haben sie punkto Aroma viel verloren. Die Pro Specie Rara-Sorten Amish Pasta, Grüne Zebra, Gelbe Thun weichen nicht nur optisch von den roten, runden Norm-Tomate ab, sondern sind auch wahre Geschmacksbomben. Ähnlich sieht es bei den Erdbeeren aus: Zwar ist eine Weisse Ananas oder eine Mieze Schindler für den Handel nicht brauchbar, weil sie schnell weich werden. Für den Hausgarten sind sie eine Bereicherung. Einen weiteren Vorteil sieht Egloff bei der Heterogenität: «Für die professionelle Produktion ist es wichtig, dass alle Salate gleichzeitig reifen, damit die Ernte maschinell erledigt werden kann. Erreichen aber im Hausgarten die zwölf gesetzten Salate alle am selben Tag den perfekten Erntezustand, kommt man nicht mach mit essen. Da die alten Sorten noch nicht ganz homogen sind, reifen diese über einen längeren Zeitraum». Ganz wichtig sei zudem, dass die alten Sorten samenfest seien, das heisst, man kann sie selber vermehren. Schmeckt eine Tomate gut, entnimmt man ihr einige Kerne, trocknet diese und sät sie im kommenden Jahr wieder aus. Mit den handelsüblichen Hybridsorten ist dies nicht mehr möglich.

Eine Anleitung dazu für Tomaten, Peperoni, Salat und Schlafmohn gibt es auf www.stadt-tomaten.ch. Wer selber bei der Erhaltung der Raritäten mit helfen will, findet alle Infos unter www.prospecierara.ch.