Auf einmal ist sie weg, die Wärme des Irans. Das liegt nicht daran, dass es schneit, als ich zu Fuss die Grenze  nach Turkmenistan überquere. Der Grund ist vielmehr, dass mir von einem riesigen Porträt der turkmenische Dikator Gurbanguly Berdimuhamedow zuwinkt – mit einem überfreundlichen und gleichzeitig eiskalten Lächeln im Gesicht.

Sicher, auch der Iran ist kein Vorzeigestaat, wenn es um Menschenrechte geht. Doch Turkmenistan ist noch viel schlimmer: Im Nordkorea Zentralasiens sind die rund fünf Millionen Einwohner praktisch von der Aussenwelt abgeschnitten, Internetzugang gibt es nur in ganz wenigen Hotels in der Hauptstadt. Human Rights Watch bezeichnet die ehemalige Sowjetrepublik als eines der repressivsten Länder der Welt. 

Per Autostopp um die Welt, Woche 23:Fahrt durch Ashgabat - eine skurile Welt

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Es ist ein unwirklicher, bizarrer Anblick, als ich in die Hauptstadt Asgabat einfahre: In scheinbar exakt bemessenen Abständen folgt ein überdimensionales Gebäude dem anderen. Man könnte meinen, dass es in dieser Stadt nur Museen, Bibliotheken und Regierungsgebäude gibt. Alle Bauwerke sind neu, alle sind strahlend weiss – und alle wirken leblos und unbewohnt.

Das befremdlichste an Asgabat sind jedoch die Begegnungen mit Taxifahrern, Verkäufern  und Kellnern: Keiner scheint sich für mich zu interessieren. Keine Neugierde, keine Fragen, nichts. Ich finde es sonderbar, dass mich in einem Land, in das sich pro Jahr nur wenige Tausend Touristen verirren, niemand fragt, woher ich komme und was mich nach Turkmenistan bringt.

Keine Regel ohne Ausnahmen: In diesem Fall heissen sie Ivan und Radek. Sie arbeiten in einem kleinen Restaurant, in dem ich und mein australischer Reisekumpel Bill, der mit mir vom Iran nach Turkmenistan gereist ist, zu Abend essen. Ivan und Radek heissen uns willkommen, stellen uns Fragen, ihr Lachen ist ansteckend und erwärmend – mindestens so erwärmend wie der Wodka, den sie uns auftischen.

Per Autostopp um die Welt, Woche 23: Das 'Tor zu Hölle' in Turkmenistan lodert seit 1971

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Nach drei Runden fragen sie uns, ob wir mit ihnen noch weiter wollen in eine Bar. Wir packen unsere Sachen und steigen in Ivans Toyota Corrolla Levin. Im Restaurant hat er uns erzählt, dass er ein grosser Formel-1-Fan sei – und dementsprechend gibt er dann auch Gas. Er driftet in hohem Tempo um die Kurven, lässt die Reifen quietschen, überholt die anderen Autos mal links, mal rechts.

Wir sind keine Minute unterwegs, da wedelt bereits der erste Polizist wild mit seiner Kelle. Ivan kümmert sich nicht darum, im Gegenteil: er drückt nur noch fester aufs Gaspedal. Ein zweiter Polizist winkt uns raus, ein dritter folgt kurz darauf. Als auch noch ein entgegenkommendes Polizeiauto abbremst, um uns zu folgen, wird es Ivan zu heiss. Aus dem Nichts biegt er links ab, schlängelt sich durch ein paar kleine Seitensträsschen hindurch bis in die Einfahrt eines Reihenhäuschens. Dort parkiert er den Wagen mitten im Gemüsebeet. “Raus, raus! Schnell!”, gibt er uns zu verstehen.

Bill und ich sind nervös. Beim Aussteigen fragen wir Ivan, ob das sein Haus sei. Er schüttelt den Kopf. Dann schlendern wir möglichst unauffällig zurück Richtung Hauptstrasse. Doch wir bleiben nicht unentdeckt. Ein Polizist, der zu Fuss unterwegs ist und offensichtlich nach etwas sucht, ignoriert uns zuerst, ruft er uns dann etwas hinterher. Es entsteht eine hitzige Diskussion, in der vorallem Ivan immer lauter wird. Ich verstehe kein Wort. Als zwei Polizeiautos dazukommen, scheint die Situation ausser Kontrolle zu geraten: Ein Polizist will Ivan mit Gewalt auf die Rückbank des Streifenwagens zwängen. Er wehrt sich, schreit laut herum, derweil redet Radek auf die anderen zwei Gesetzeshüter ein.

Bill und ich beobachten das Geschehen wie in Trance aus ein paar Metern Entfernung. Wir sind lediglich Zuschauer, die Polizisten interessieren sich  nicht für uns. Wir beraten leise, was wir tun könnten. Eingreifen scheint keine gute Idee. Erstens, weil wir keine Ahnung haben, wie viel Respekt und Autorität die turkmenische Polizei geniesst. Und zweitens, weil uns ohnehin niemand richtig verstehen würde. Dann geschieht plötzlich ein kleines Wunder: Ivan wird aus der Umklammerung gelassen und die Diskussion wird leiser. Wenige Momente später kommen Ivan und Radek auf uns zu – mit einem frechen Grinsen im Gesicht. Als wir um die Ecke sind, wollen Bill und ich wissen, wie sie das angestellt haben. Ivan erklärt in seinem bruchstückhaften Englisch, dass er einfach beteuert habe, dass er nichts gemacht habe. Dann rennt er johlend auf die andere Strassenseite und ruft, den Mittelfinger gegen den Himmel gestreckt: “Fuck the police!” Ich halte mir nur noch die Augen vor das Gesicht.

*Thomas Schlittler war Wirtschaftsredaktor der «Nordwestschweiz» und hat gekündigt, um seinen langersehnten Traum zu verwirklichen: per Autostopp um die Welt.

Thomas Schlittlers Reiseroute in der Woche 23

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