Autostöppeln in Usbekistan ist mühsam. Das Problem: Es gibt unzählige Hobby-Taxifahrer, die ihre Dienste für sehr wenig Geld anbieten. Normale Auto- oder Lastwagenfahrer kommen deshalb gar nicht auf die Idee, anzuhalten, wenn ich mit ausgestrecktem Daumen am Strassenrand stehe.

Hilfe kommt von Camille, einem 27-jährigen Franzosen. Der Strahlemann mit iranischen Wurzeln zeigt mir eine andere Autostopp-Variante: Er spricht Fahrer, die am Strassenrand oder an einer Tankstelle stehen, direkt an und fragt sie, ob er mitfahren darf.

Vor allem bei Lastwagenfahrern ist seine Erfolgsquote so beeindruckend, dass ich das Prinzip übernehmen werde. Denn auch in Kasachstan, Kirgistan und China soll Trampen praktisch unbekannt sein.



Aber auch in Ländern, in denen die Idee des Trampens bekannt ist, rauschte die grosse Mehrheit der Fahrer an mir vorbei. Mit der Zeit habe ich sie in sieben Kategorien unterteilt:

1. Der Ignorant

Der Ignorant ist eine sehr verbreitete Spezies. Sobald er mich am Strassenrand entdeckt, wendet er seinen Blick sofort ab und starrt hochkonzentriert geradeaus. Er tut so, als ob es dort in der Ferne etwas ganz, ganz Spannendes zu sehen gäbe – selbst wenn weit und breit kein anderes Auto in der Nähe ist. ((Wenn der Ignorant von seinen Freunden gefragt wird, ob er Autostöppler jeweils mitnehme, beteuert er, dass er noch nie einen gesehen habe. Die Ignoranten-Technik ist übrigens auch sehr beliebt, wenn in einer Fussgängerzone ein Bettler seine Hand ausstreckt.))

2. Der Schockierte

Er hält das Hochhalten des Daumens am Strassenrand für eine Art Geisteskrankheit, macht grosse Augen, runzelt die Stirn und scheint sagen zu wollen: „Was ist denn mit dir falsch gelaufen, was machst du da?!“ Der Schockierte sitzt oft in einer schicken Karre und kann einfach nicht verstehen, wie man im 21. Jahrhundert nicht mit dem eigenen Auto unterwegs sein kann.

3. Der Vollgestopfte

Er würde eigentlich gerne anhalten, kann aber nicht, weil es in seinem Auto keinen Platz hat. Er hebt beide Hände in die Luft und macht ein Gesicht, das sagen soll: „Ich würde ja gerne, aber eben ...“ Die Vollgestopften-Technik wird oft als Vorwand benutzt. Denn die Erfahrung zeigt: Wenn der Wille vorhanden ist, findet sich fast immer ein Plätzchen.

4. Der Abbieger und der Einheimische

Der Abbieger signalisiert mit hektischen Handbewegungen, dass er nicht lange auf dieser Strasse bleibt und gleich nach rechts oder links muss. Der Einheimische wiederum deutet auf den Boden, das heisst, er bleibt in dieser Ortschaft. Beide geben mir damit zu verstehen, dass sie mich gerne mitnehmen würden, es aber keinen Sinn macht. 

5. Der Empörte

Er findet es eine Sauerei, dass sich da jemand die Freiheit herausnimmt, etwas zu tun, das heutzutage nicht mehr viele Leute tun. Für ihn widerspricht Trampen jeglicher Sitte und Ordnung, er sieht darin geradezu einen Angriff auf die abendländische Kultur. Der Empörte wedelt deshalb streng mit den Fingern, um mir zu verstehen zu geben, dass ich hier verschwinden soll. Manchmal hupt er gar, um seinen Frust abzulassen.

6. Die Scheue und der Aufmunternde

Diese beiden Nicht-Anhalter tun am meisten weh, da sie sehr sympatisch wirken, ich sie aber nicht kennenlernen darf. Ich kann richtiggehend sehen, wie es in ihren Köpfen arbeitet, wie sie sich überlegen, ob sie ausnahmsweise einen Tramper mitnehmen sollen – doch dann siegt die Angst und sie fahren mit einem scheuen oder aufmunternden Lächeln an mir vorbei.

7. Das Arschloch

Das Arschloch winkt mir beim Vorbeifahren mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht zu, macht das Victory-Zeichen oder hupt laut lachend. Im Sinne von: „Hey Hippie, schau her, ich habe einen tollen Mercedes. Und wie gehts dir so am Strassenrand?“ Oft handelt es sich beim Arschloch um einen jungen Mann, der mit seiner Geste bei den anderen jungen Männern punkten will, die bei ihm im Auto sitzen. 

*Thomas Schlittler war Wirtschaftsredaktor der «Nordwestschweiz» und hat gekündigt, um seinen langersehnten Traum zu verwirklichen: per Autostopp um die Welt.

Per Autostopp um die Welt - Woche 24: Die Route