Die neue Reihe My Kung Fu-Story der Swiss Chinese Kung Fu School (Urdorf) stellt Personen aus dem Umfeld der Schule mit ihrer ganz persönlichen Kung Fu-Geschichte vor: Was bewegte sie dazu, mit Kung Fu anzufangen, was, dabei zu bleiben? Den Auftakt der Reihe macht Roger Müller, Schulleiter der Swiss Chinese Kung Fu School und Bankangestellter. Freuen Sie sich mit uns auf spannende Portraits, witzige Anekdoten und viel viel harte Arbeit (功夫gong fu)!

Es ist eine typische Coming-of-Age-Story: Ein junger Mann löst sich von den Eltern, von Familientraditionen und findet seinen eigenen Weg. Ein Road Movie des Alltags - so könnte man Roger Müllers Kung Fu-Story zusammenfassen. „Lösen“ heisst für ihn jedoch nie „vergessen“ – die Familie ist und bleibt der Mittelpunkt seines Lebens. Aufgewachsen in Schlieren ist er mit der Familientradition Fussball und Eishockey. Mit 15 Jahren war es jedoch soweit: Etwas Eigenes musste her; etwas Eigenes, das einen „hungrigen“ jungen Menschen mit mehr als nur Sport erfüllen konnte. So ist Roger Müller damals, 1995, in der Stadtbibliothek Schlieren auf ein Buch über Bruce Lee gestossen, das ihn sehr beeindruckt hat. Sofort ging er nach Hause, hängte im Zimmer Schnüre mit Papierzettelchen auf und übte Kick um Kick (um Kick). Viele Papierfetzchen später musste etwas Professionelleres her und er begann an der neu eröffneten Chin Woo-Schule in Urdorf an der Grubenstrasse 4 zu trainieren. Heute, fast zwanzig Jahre und viele Trainings später, leitet er am selben Ort seine eigene Schule.

LC: Roger Müller, was hat dich am Kung Fu so fasziniert? RM: „Ich wollte nicht nur meinen eigenen Weg finden, etwas Neues beginnen. Ich wollte einerseits einen Kampfsport ausüben, der mir ein ganzheitliches körperliches Training bietet, aber auch auf innere Aspekte Wert legt; etwas, das Sinn macht und mehr als nur Fitness ist. Die Chin Woo-Schule bot verschiedene Kung Fu-Stile an. Bald drehte sich mein Leben und Denken nur noch um Kung Fu. So war es für mich völlig klar, dass ich so bald wie möglich nach China reisen musste. Das wurde 1997 möglich, als ich 17 Jahre alt war. Ich nahm an einer Trainingsreise teil und lernte dann 1998 über eine Drittperson unseren jetzigen Meister in Dengfeng/Provinz Henan kennen. Das waren meine ersten Erfahrungen mit Shaolin Kung Fu aus erster Hand.“

Der Kung Fu-Meister Liang Ji Hong, oder wie er mit seinem buddhistischen Meisternamen heisst, Shi De Meng, ist im Shaolin Kloster als Kung Fu-Schüler, nicht als Mönch, aufgewachsen. Das hiess viele Stunden täglichen Trainings. Als junger Erwachsener hat er dann seine Frau kennengelernt, ist ins „Dorf“ gezogen und hat zwei Söhne bekommen: Liang Xiao Long, mit Meisternamen Shi Xing Zhan, und Liang Hai Long (der sich heute „leider“ überhaupt nicht mehr mit Kung Fu befasst). Lange Zeit hat Shi De Meng Kung Fu in seiner eigenen Schule unterrichtet, mittlerweile nimmt er jedoch nur noch einzelne Privatschüler auf und führt eine kleine Pension in Dengfeng, der Stadt direkt neben dem Shaolin Kloster. In seiner Kung Fu-Karriere hat er viel erreicht – er war ein „Top Ten Young Master in Shaolin Quan Fa“ (Shaolin Kampftechnik) hat mittlerweile den 9. und damit höchsten Duan der Shaolin Wushu Association und ist Mitglied der Shiba Jingang (18 Buddhawächter) des Shaolin Klosters. „Seine Hingabe hat mich sehr angesprochen“, sagt Roger Müller, „das war sicher mit ein Grund, dass ich eine solche Beziehung aufbauen konnte. Er verstand damals als einer der wenigen Chinesen, mit ausländischen Schülern zu arbeiten. Dies, obwohl er bis dahin erst drei oder vier Ausländer unterrichtet hatte. Bei ihm war es nie nur Drill und (chinesische) Massenabfertigung, ich habe immer das Gefühl von Menschlichkeit empfunden.“

Seit 1998 sind einige Jahre vergangen. Roger Müller hat noch immer regelmässigen Kontakt zu Shi De Meng. Was aus der chinesischen Kung Fu-Kultur nicht wegzudenken ist, wurde für ihn, wie er sagt, zu einem der prägendsten Aspekte seiner Kung Fu-Geschichte: Das Meister-Schüler-Verhältnis. „Nach China zu gehen und mit einem neuen Kung Fu-Lehrer auch gleich einen chinesischen „Papi“ zu finden, war schon aussergewöhnlich. Ich fühle mich quasi als Teil der Familie. Sein Sohn Xiao Long wurde über die Zeit und die vielen Besuche hinweg wie ein kleiner Bruder für mich. Dementsprechend trainieren wir auch in derselben Generationenfolge des Shaolin Kung Fu.“

Generationenfolge? Was bedeutet das? Das hat mit der Tradition der Namensgebung in China zu tun. Neben dem Familien- und Vornamen gibt es auch noch den Generationsnamen, der die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation einer Familie zeigt. Dasselbe Prinzip gibt es auch im chinesischen Buddhismus: Tritt eine Person ins Kloster ein und entsagt dem weltlichen Leben, bekommt sie als Familiennamen das Zeichen „shi“ 释 (kurz für Shijiamouni- oder Shakyamuni-Buddha). An zweiter Stelle steht der Generationsname, der die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation einer buddhistischen Schule oder Linie bezeugt. Als letztes schliesslich wählt der Meister ein persönliches Schriftzeichen, das dem Namen der Novizin oder des Novizen entnommen sein kann oder charakterliche Züge beschreibt. Dieselbe Praxis gilt für die sogenannten Sujia Dizi 俗家弟子, die weltlichen oder Laien-Schüler des Klosters. Zu diesen gehört auch Roger Müller, der sich selber nicht als Buddhist bezeichnet. Er wurde 2011 in einer Zeremonie in die 32. Generation der Shaolinkämpfer aufgenommen (siehe Bild). Shi De Meng hat für ihn den Namen Shi Xing Jie ausgesucht: Xing 行 ist der Generationsname, den auch sein Sohn Xiao Long trägt, Jie 杰die persönliche Bezeichnung für Roger Müller. Mit seinem Shaolinnamen heisst Roger Müller also in etwa: Shakyamuni „fähig und aussergewöhnlich“!

20 Jahre in China, das ist eine lange Zeit: Was hat sich denn verändert? Roger Müller schmunzelt, sieht dann aber gleich nachdenklich aus. „Shaolin ist heute ein kommerzieller Platz mit tausenden von Touristen täglich. Souvenirstände säumen die Wege. Ausländische Schüler sah man früher kaum - heute gibt es neben dem Kloster ein eigenes Hotel mit Kung Fu-Schule nur für Ausländer. Während es früher noch schwierig war, überhaupt eine Telefonleitung ins Ausland zu bekommen (man musste dazu auf das einzige Postamt der Stadt), so findet man heute kaum einen Ort ohne W-LAN. Der sonstige Komfort ist natürlich auch sehr gestiegen. Die Pension meines Meisters zum Beispiel hat nun in jedem Zimmer Dusche/WC, während es damals nur ein „Verrichtungsräumchen“ mit einer grossen Rinne gab...“

Roger Müller konnte in seiner Kung Fu-Karriere auch Turniererfolge feiern. So blieb ihm eine Trainings- und Turnierreise der Chin Woo Association um die Jahrtausendwende besonders in Erinnerung: „In Tianjin (einer Stadt in der Nähe von Beijing) fand damals eine interne Weltmeisterschaft der Chin Woo Association statt, an der Athletinnen und –Athleten aus der ganzen Welt teilnahmen. Nach einer sehr intensiven zweiwöchigen Turniervorbereitung in Malaysia wurden wir in einem Konvoi mit Polizeibegleitung zum Veranstaltungsort geführt – was haben wir uns da wie Weltstars gefühlt, ich war damals erst 19 oder 20 Jahre alt! Noch cooler war natürlich, dass ich zusammen mit einem Freund den ersten Platz in der Kategorie Duilian (Partnerkampf) erreicht habe!“ Auch später hat er mit der Swiss Chinese Kung Fu School an Turnieren der Swiss Wushu Federation teilgenommen und immer wieder Titel geholt, darunter auch einen Schweizermeistertitel in Shaolinquan.

Seit über 10 Jahren nun ist Roger Müller Schulleiter. Die Schule wurde 2003 umgebaut und vergrössert und legt den Schwerpunkt auf Shaolin Kung Fu und Wing Chun. „Was mich an Wing Chun immer mehr begeistert, ist die Geradlinigkeit, der Fluss und die Geschwindigkeit, mit der die einzelnen Techniken ausgeführt werden. Gerade Wing Chun ist eigentlich unabhängig von den körperlichen Voraussetzungen einer Person erlernbar – egal ob jung oder alt, stark oder schwach, dick oder dünn. Beim Shaolin Kung Fu ist dann vor allem das Zusammenspiel von Ober- und Unterkörper wichtig, z.B. mit den verschiedenen Ständen und Schlägen die hier zusammenspielen müssen. Ebenso gefallen mir die teilweise akrobatischen Elemente, wobei ich hiervon immer weiter weg komme. In meinen jungen Jahren war ich natürlich vor allem sehr begeistert, wenn es besonders „cool“ ausgesehen hat. Heute ist es mir wichtiger, dass ich den „Geist“, die Idee einer Form begreife und ihn in der Bewegung umsetzen kann. Das ist eher ein Fokus auf den kämpferischen Aspekt einerseits und den inneren Aspekt des Kung Fu andererseits. Kung Fu, „harte Arbeit“, bedeutet immer auch „harte Arbeit“ an sich, an seinem eigenen Weg, seinem Qi (Energie). So kann Kung Fu für jede Person etwas Eigenes bedeuten, jedem Menschen den eigenen Weg bereiten.“

www.swisskungfu.ch und www.swisskungfu.ch/pics-vids/videos/

www.swisswushu.ch

www.chin-woo.ch/index.jsp?nodeId=26626&isoCode=de&selectedEventId=10925