Müssen alle Kinder ins Gymi? – Dies die rhetorische Frage von Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes und Präsident des Verwaltungsrates von Burckhardt Compression, zu Beginn seines Referats „Duale Berufsbildung. Ein Erfolgskonzept!“ am über die Parteigrenzen hinweg gut besuchten Jazz-Apéro der CVP Uitikon vom 30. September.

Wenig erstaunlich beantwortete der Referent seine Frage in der Folge mit einem Nein, und er hinterlegte dies mit Fakten und Erfahrungen aus seiner Praxis als Unternehmer und Wirtschaftsführer. Es lag Valentin Vogt in seinem packenden Referat aber nicht daran, Gymnasium und Berufslehre gegeneinander auszuspielen. Es seien unterschiedliche, aber grundsätzlich gleichwertige Wege, die je nach Entwicklungsstand, Talent und Neigung für einen Jugendlichen richtig oder falsch sein können. Allerdings warnte er vor dem in den letzten Jahren verstärkt festzustellenden Drang (und Zwang) zum Gymi: Es sei bedenklich, wenn – wie er dies selber erfahren habe – Eltern von Lehrlingen sinngemäss gefragt würden, was denn mit ihren Sprösslingen nicht stimme.

Valentin Vogt zeigte in der Folge Aspekte auf, welche seiner Meinung nach in der Diskussion um Berufswahl und Karriere oft nicht genügend beachtet werden. Die Berufslehre sei in gewisser Weise eine Tiefrisikostrategie, denn anders als Maturanden würden erfolgreiche Absolventen einer Lehre über etwas Handfestes und für den Arbeitgeber Nachvollziehbares verfügen. Es sei daher nicht erstaunlich, dass die Einstiegslöhne in vielen Berufen sehr attraktiv seien.

Dank der Durchlässigkeit unseres dualen Bildungssystems stünden den Jugendlichen nach der Lehre weiterhin alle Türen offen. Mittels Berufsmaturität und Passerelle könnten auch Spätzünder ein Studium an einer Fachhochschule absolvieren oder gar eine akademische Laufbahn an einer Universität oder an der ETH ins Auge fassen. Nicht zuletzt seien Fachkräfte mit Meisterprüfung von der Industrie hoch geschätzt. Als weiteres Aktivum erwähnte Valentin Vogt die Sozialkompetenz, die sich Lehrlinge während der Ausbildung erwerben könnten. Augenzwinkernd fügte er bei, dass es oft auch die Aufgabe der Eltern in dem nicht ganz einfachen Alter der Jugendlichen erleichtere, wenn ein Lehrmeister als weitere Respektperson da sei.

Für Valentin Vogt ist unser duales Berufssystem der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zukunft unserer Wirtschaft im zunehmend härter werdenden globalen Umfeld. So sei in der Schweiz ein überdurchschnittlich hoher Anteil der 18 bis 64-Jährigen in den Arbeitsprozess eingegliedert, und die nach wie vor sehr tiefe Arbeitslosigkeit, v.a. auch bei Jugendlichen, spreche für sich. Dass nach wie vor 7 von 10 Jugendlichen eine Lehre in über 200 Lehrberufen absolvierten, sei ein entscheidender Faktor.

Allerdings sieht der Referent die Lehre zunehmend unter Druck, sei es durch die erwähnte Geringschätzung, sei es durch falsche Anreize bei der Maturität. Die oft geforderte höhere Maturitätsquote würde zu einer Nivellierung nach unten führen, und wenn es in den nächsten Jahren aufgrund geburtenschwächerer Jahrgänge weniger Schulabgänger gebe, würden die Gymi-Klassen sicher nicht kleiner, sondern dies ginge wohl zu Lasten der Lehre. Auch dass die Anforderungen an die Maturität von Kanton zu Kanton unterschiedlich sind, sei problematisch: Genf z.B. mit einer Maturitätsquote von 30% habe wohl kaum so viel mehr intelligente Schüler als St. Gallen mit einer Quote von 14%. Diese Abwertung der Maturität führe spätestens bei Aufnahme eines Studiums zu Problemen, und so sei es wenig erstaunlich, dass rund 30% der Maturanden in der Schweiz keinen akademischen Abschluss erreichten. Ein Numerus Clausus in von der Wirtschaft wenig nachgefragten Studienrichtungen sei daher, nicht zuletzt aus volkswirtschaftlichen Überlegungen, durchaus ins Auge zu fassen.

Ein weiteres Problem ortet Valentin Vogt im Laufe der lebhaften Diskussion nach dem Referat bei den Fachhochschulen. Statt an der ursprünglichen Idee der Praxisnähe strikte festzuhalten, strebten diese vermehrt nach einer Akademisierung und Angleichung an die Universitäten (Stichwort Master-Abschlüsse). Auch die teilweise zu beobachtende Aufweichung der Eintrittskriterien beim Praxisnachweis von Maturanden sei gefährlich, denn dies reduziere den Stellenwert der Lehre und der Berufsmaturanden und sei geeignet, das Niveau der Lehrgänge zu drücken. Grundsätzlich sei aber das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Fachhochschulen gut und der Austausch rege. Fachhochschulabsolventen würden von der Wirtschaft hoch geschätzt.

Dem von der Sängerin Maël mit jazzigen Rhythmen untermalten Anlass wohnte auch die Kandidatin der CVP für den Zürcher Regierungsrat, Silvia Steiner, bei. Die zahlreichen Gäste nutzten die Gelegenheit, um mit ihr aktuelle Themen zu diskutieren.

Reto Schoch