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Was für Kontraste - in jeder Beziehung. Doch diese Bruthitze wie jetzt im Juli hatten wir schon für unseren Aufenthalt in Polen befürchtet. Deshalb rüsteten wir uns mit Badzeug aus, laden doch Seen und Flüsse dort jederzeit und überall zum Bade. Keinen Zentimeter dieser Gewässer wurden dazu benützt, denn es war windig und bitter kalt. Doch verzögerte sich dadurch das Spriessen von Sträuchern und Bäumen: Die Witterung für die Beobachtung der Tiere und das Fotografieren war ideal.

Organisiert war das Unterfangen vom Vogel- und Naturschutzverein Schwalbe in Schlieren. Elf Personen flogen an Auffahrt nach Warschau, wo wir von „unserem Przemek“ aus Białystok, einem charmanten, gewieften, für Naturreisen bestens ausgewiesenen Reiseleiter und seiner Crew mit zwei Bussen empfangen wurden. Genau so hilfsbereit und umsorgend wie Przemek (viele mussten die Aussprache lange üben!) war Jola (Polen lieben Kurznamen und Verkleinerungsformen) oder auch die Busfahrer Adam und Tomek (Tomasz=Thomas), die sich alle als perfekte Natur- und Vogelkenner entpuppten.

Von Warschau ging’s um 14 Uhr sofort los nach DwórDobarz in der Gemeinde Trzcianne (wer wagt es?), unserem Gästehaus, wo wir nach 18 Uhr eintrafen und verpflegt wurden, rasch, denn man wollte ja noch vor der Dämmerung auf die Pirsch - was da nicht alles grad vor dem Hotel kreucht und fleucht! Auch am nächsten Morgen gings schon um sechs Uhr auf Fernrohrjagd. Frühstück gabs um acht - Abfahrt zur Tagestour um neun. Das wurde so zur Routine, ebenso wie Ab- und Zufahrten auf der Alten Zarenstrasse. Denn bei der Modernisierung der Infrastruktur des Biebrza-Nationalparks wurde dieser Carski Trakt angemessen instand gestellt und das neu erstellte Hotel daran angebunden.

Dieser Biebrza-Nationalpark ist mit 60 Tausend Hektaren der grösste Nationalpark Polens. Für uns „Bergler“ sind fast keine Geländeunterschiede zu bemerken: alles topfeben. Es soll sich um ein Tal handeln, doch wo sind die Talflanken? Der Fluss ergiesst sich in weiten Schlingen – Mäandern – in und durch eine Tiefebene und formt so ein schier endloses Mosaik von gebogenen Wasserläufen, Sumpfwiesen und Sumpfwäldern mit einer Pflanzenwelt bestehend aus Glazialrelikten nördlicher Herkunft – die Gletscher kamen aus Skandinavien – ein Eldorado für ungewohnte Säugetiere wie den Elch, für Hirschrudel, Wildsaurotten, Schwärme seltener Vogelarten, viele Amphibien und Reptilien, unzählige Spinnentiere, Käfer, Schmetterlinge, Libellen und Zikaden, und schliesslich auch 36 Fischarten.

Auf der ganzen Reise zählten wir ein gutes Hundert Vogelarten; es gäbe deren aber 280, wovon 180 Brutvögel. Da leben Kranich, Brachvogel, Bekassine, Rallen, Sprosser, Rohrweihe, Sumpfeule, der Stein-, der See- und andere Adler, Vakuole, Kampfläufer und viele, viele andere Arten, die man bei uns höchstens vom Hörensagen kennt, wie etwa der Seggenrohrsänger. Rohrschwirl und Goldammer waren unsere treuen Begleiter und dann der Wiedehopf… Den Kuckuck hingegen hörten wir wegen seiner Omnipräsenz schon gar nicht mehr. Der Beobachtung der verschiedensten Lebewesen und Naturphänomene dienen im Park kilometerlange Holzstege mitten in die Sümpfe, oder Beobachtungstürme für den Überblick und die Fernsicht. Stundenlang wanderten wir auf Dammwegen entlang verwachsener Kanäle und durch überflutete Schwarzerlensumpfwälder; und überall die Biberbaue und immer wieder vertraute oder neue Gezwitscher von Vogelarten. Neben den Sümpfen gibt es in diesem Gebiet ganz andere Erscheinungen: Nachdem sich die Gletscher nach der Eiszeit zurückgezogen hatten, war die nackte Bodenoberfläche – alles feinster Sand – dem Spiel der Winde ausgesetzt, wodurch Sandbuckel, Dünen genannt, entstanden. Auf dem nährstoffarmen und trockenen Substrat stellten sich Wacholder-Heiden mit ausgedehnten Flechtenfluren und schütteren Kiefernbeständen ein.

Und hier muss man festhalten, dass dieser wunderbare riesige Nationalpark nicht etwa durch einen Staatsdekret entstanden ist. Er stellt eine alte Kulturlandschaft dar, der immer noch zu zwei Dritteln in Privateigentum ist. Ohne die tatkräftige Mithilfe der Bauern bei der Bewirtschaftung würden die grossflächigen Sumpfwiesen bald verbuschen und verwalden und damit der biologischen Verarmung anheim fallen. Die Kunst der staatlichen Parkbehörde besteht darin, wirkungsvolle Einsätze der Privateigentümer mit einem tragbaren Aufwand und zum gegenseitigen Nutzen aufrecht zu erhalten. Alljährlich finden im September internationale Meisterschaften zur Streumahd statt. Es gilt, von Hand mit der Sense möglichst schnell und exakt die Streue in festgelegter Höhe über dem Boden abzumähen. Da sind Kraft, Geschick und Freude gefordert. Leider unterbleibt die früher eigentümliche Aufschichtung des Schnittguts zu Tristen. Sie ergaben wahre Tristenlandschaften.

Nach fünf langen Tagen Vogel- und Naturpirsch talauf, talab im Biebrza-Nationalpark hiess es leider Abschied nehmen. Noch warteten Besuche gesellschaftlich-kultureller Art, etwa die Flussschleusen am Augustówkanal (Baukunstdenkmal aus den dreissiger Jahren des 19. Jahrhunderts) gegen die litauische Grenze. Das Wigry-Kamaldulenserkloster bot einen einmaligen Überblick über eine unvergleichliche Seenlandschaft in einem etwas kleineren Nationalpark. In Masuren durfte ein Besuch im Borecki-Urwald nicht fehlen. Denn dort gibt es eine frei lebende Wisentherde, aber auch ein Gehege, wo sie zur Fütterungszeit von nah betrachtet und fotografiert werden können. Eine Erfahrung besonderer Art war für viele Mitreisende die Wolfsschanze: das Führerhauptquartier Adolf Hitlers in Westpreussen im Zweiten Weltkrieg. Beschaulich und erholsam war eine dreistündige Schiffsreise von Mikolajken nach dem preussischen Lötzen (polnisch Giżycko). An die seit alters strategische Bedeutung der masurischen Seen und dieser Stadt erinnert die preussische Festung Boyen, die wir uns von einem Experten erkären liessen.

Abschied von Polen – ein geplanter und dennoch schmerzlicher Abschied – nahmen wir am Pfingstsonntag mit dem Rückflug nach Hause. Am Tag zuvor jedoch galt es, die Hauptstadt Polens und damit ein kulturelles Erbe kennen zu lernen. Die Stadt war ja am Ende des Zweiten Weltkriegs ein Trümmerhaufen. Die Altstadt wurde in alter Pracht wieder aufgebaut. Möglich war dies, weil in diese Pracht der venezianische Bernardo Bellotto, Canaletto genannt, verliebt war, und seit 1764 bis zu seinem Tod 1780 die ganze Energie seines Künstlerlebens damit verbrachte, Strasse um Strasse, Platz um Platz Gemälde für Gemälde auf Leinwand zu bannen, dies auch zum Broterwerb. Zum Glück sind die Bilder nicht zerstört worden. Noch ein Anderes, woran in Warschau zu denken war: hier wurde Frédéric Chopin geboren, wuchs in adeligen Kreisen und militärischer Umgebung auf und brachte Polen schliesslich reichen Ruhm ein. Dieses ehrt ihn mit seinem Namen im Flughafen Warschaus. Und – ach ja: Auch hier gab es neue Vogelarten zu entdecken, zum Beispiel die Nebelkrähe. Sie fehlt in der Schweiz.

Chopin ade – Warschau ade – Polen ade. Do widzenia! Danke, danke. Dziękujemy. Wir werden Euch vermissen.

Nino Kuhn, 26. Juli 2015