Die Philosophie der „Pflegimuri“ im Umgang mit pflegebedürftigen alten Menschen symbolisierte deren Direktor, Thomas Wernli, mit einem Stück Schwarzwäldertorte. Die stattliche Schar der Neugierigen, die das Alters- und Pflegezentrum im aargauischen Freiamt auf Einladung des Dietiker Seniorenrates besuchte, staunte verblüfft. „Wir befinden uns hier an einem Ort, an den niemand hin will“, sagte der Direktor ebenso schonungslos wie taktvoll. Deshalb müssten für diese Menschen bedürfnisgerechte Lebenswelten geschaffen werden, die an ihre selbstbestimmten Erfahrungen von zu Hause anknüpften. „Wer hier wohnt und z.B. Lust hat auf etwas Süsses, bekommt das selbst dann, wenn er Diabetiker ist“, erklärte Wernli freundlich, „denn bei uns haben die Leute das Recht, Verantwortung zu tragen und die Risiken ihrer Entscheidungen selbst abzuwägen.“ Die Pflegi Muri beherbergt 220 Bewohnerinnen und Bewohner, die von 300 Mitarbeitenden betreut werden. „Wir sind nicht finanzgeleitet, wie viele Heime“, betont der Direktor, „wir wissen, dass zufriedene Pflegebedürftige und zufriedene Mitarbeitende miteinander in aller Regel für schwarze Zahlen sorgen.“ Jede Kanalisation, die ihren Dienst versage, werde mit Steuergeldern geflickt. Er sehe nicht ein, warum Menschen, die ein Leben lang Dienst an der Gemeinschaft geleistet haben, der Gesellschaft im Alter nun plötzlich nichts mehr wert sein sollen. Auf den Fenstersimsen stehen Kaffeeautomaten, an denen man sich jederzeit bedienen kann. Und die Bilder, die in den weitläufigen Korridoren hängen, sind von den Bewohnern ausgewählt. „Wer sich beschäftigen will, kann das hier tun, und wer sich umbringen will, kann das auch.“ Er sagt das auf die Frage, warum die Fenster nicht vergittert und keine Netze in den Treppenhäusern aufgespannt seien. „Ein Freitod ist uns nicht wurst“, betont er glaubhaft. Kerzen brennen, zum Gedenken an eine verstorbene Bewohnerin, offen in einer Glasschale. Die Selbstbestimmung ende erst bei der Lebensgefahr für alle. „Jedes Heim hat den Drang, seine Abläufe zu optimieren und immer engmaschiger zu regeln“, sagte Wernli mit einem Lächeln auf den Stockzähnen. „Wir machen das auch, erfolgreich, aber indem wir den Fokus auf die Bedürfnisse unserer Bewohner richten. Sie wünschen, dass man ihnen Zeit schenkt, zu ihnen eine Beziehung aufbaut, ihnen Zuneigung und Wertschätzung entgegen bringt. Das versuchen wir, obwohl sich Freundlichkeit und Güte nicht messen lassen.“ Wer in der Pflegimuri wohne müsse nicht rentieren. „Alles was reguliert und reglementiert ist, kostet auch Geld und raubt auch Zeit“, gibt er zu bedenken. „Wir leben eine Fehlerkultur, irren uns wahrscheinlich mehr, als dass wir erfolgreich sind, aber daraus lernen wir.“ Von Vorteil sei die grosszügige Geräumigkeit des ehemaligen Klosters: „Wer will, kann irgendwohin flüchten.“ Pflegedokumente würden nicht im Stationszimmer, sondern bei den zu Pflegenden verfasst. Die Besucherinnen und Besucher aus Dietikon waren sichtlich beeindruckt, als Wernli zum Schluss sagte: „Wir verstehen uns als Anwälte unserer Bewohnerinnen und Bewohner und wir kommen in diesem Bestreben voran, sind aber noch lange nicht so weit, wie wir wollen.“ Dem Team der Pflegimuri gelingt es, Menschen einen guten Lebensabend geniessen zu lassen, obwohl sie das eigentlich ganz woanders tun möchten.