"Auf der Reeperbahn nachts um halbeins", tönte einst Hans Albers unverwechselbare Stimme durch den Aether.
Nun, wir beherzigten seinen Tipp für unsere Herbstexkursion und machten uns am 27. September per S-Bahn auf die Reise. Allerdings nicht nach Hamburg auf den Kiez, sondern nach Winterthur in eine der letzten Seilereien der Schweiz.
Dort wird dieses Handwerk noch ganz traditionell ausgeübt. "Reeperbahn" ist der Fachausdruck für die Seilerei. Im Fachjargon heissen Seile wahrscheinlich "Reep", daher der Name "Reeperbahn.
Aber nun in die Seilerei. Die wurde 1848 von Herrn Kislig Senior gegründet. Nach seinem Tode, er starb mit 92 Jahren durch einen Autounfall, übernahm sein Sohn, der damals schon 68 Lenze zählte, das Geschäft.
Ich stellte mir den jetzigen Inhaber als alten Mann vor und wurde angenehm überrascht. Uns empfing ein junger, gutaussehender Mann der uns viel Interessantes und Wissenswertes über seinen Betrieb erzählte.
Die Seilerei ist 98,75 Meter lang und nur 4 Meter breit. Da drin stehen Maschinen, die über 100 Jahre alt sind, aber noch tadellos in Betrieb stehen. Ich war mir gar nicht bewusst, für wie viele Zwecke Seile gebraucht werden. Zum Beispiel Uhrmacher brauchen welche für Standuhren um die Gewichte anzuhängen, im Zirkus braucht es Seile für die Artisten, im Zoo für die Affen etc. Die stellt alle Martin Benz her. Er ist gelernter Schreiner, im Alter von 28 Jahren lernte er Herr Kislig kennen und war derart fasziniert von diesem Gewerbe, dass er beschloss, noch eine Lehre als Seiler zu absolvieren. Acht Monate habe er gebraucht um mit diesem Ansinnen Herr Kislig umzustimmen, denn der war zuerst gar nicht einverstanden. Nun, das Experiment gelang blendend, das Geschäft läuft blendend und Martin Benz und seine Familie haben ein Auskommen. Es gibt übrigens noch elf Seilereien in der Schweiz und genug junge Männer, die dieses alte Handwerk erlernen wollen. Von wegen altes Handwerk: Heute muss ein Lehrling, nebst der Lehre als Seiler, auch noch eine Ausbildung als Mechatroniker haben, denn ohne Elektronik läuft nichts mehr. Die Berufsbezeichnung ist auch nicht mehr Seiler sondern Textiltechniker oder ähnlich. Fazit: Ein interessanter Beruf, indem Altes und Neues miteinander bestens harmonieren.
Der angrenzende Geschenkladen rief wahre Begeisterungsstürme hervor. "Oh, solch ein Springseil hatte ich als Kind auch", oder "mit solch einem Einkaufsnetz musste ich jeweils posten gehen". Und erst die Garderoben, die Herr Benz aus Seilen herstellt sind spitze. Die gingen auch weg wie warme Weggli.
Jedenfalls war es ein gelungener Nachmittag, den wir in der in der Mensa vom Technikum Winterthur ausklingen liessen.
Vielen Dank an Heidi und Beat Spreng für die Realisation dieses Besuches.

Annemarie Gruber-Stamm.