Dietikon

Die Fabrikglocken beim Ortsmuseum Dietikon läuten bald wieder

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Bild: Toni Scheiwiller

Bei der Firma Rüetschi in Aarau. werden die Glocken gegossen

Bild: Toni Scheiwiller

Die im September 2017 gestohlenen Fabrikglocken am Glockenstuhl beim Ortsmuseum Dietikon sind ein schmerzlicher kultureller Verlust sowohl für das Museum als auch für die Stadt Dietikon. Daher hat sich die Kommission für Heimatkunde entschieden, sie aus dem Versicherungsgeld bei der Glockengiesserei Rüetschi in Aarau nachgiessen zu lassen. Am Mittwoch, 21. August war es so weit und die Kommission durfte dem Guss der Repliken beiwohnen.
Das Ortsmuseum Dietikon besass mit den beiden Fabrikglocken der Rotfärberei Hanhart-Solivo (1854) und der Baumwollweberei Boller & Syz (1892) ein einzigartiges Ensemble, welches als Symbol für die frühe Industriegeschichte Dietikons stand: Sie stammten von zwei der ältesten und bedeutendsten Fabriken der Stadt, welche 1849 und 1860 gegründet wurden und die Industrialisierung des Bauerndorfes Dietikon einläuteten. Die Firmengeschichte beider Fabriken ist historisch sehr gut dokumentiert und kann u. a. in diversen Neujahrsblättern nachgelesen werden.
Während der zweiten Hälfte des 19. Jh. war die Baumwollweberei Dietikon die mit Abstand grösste Arbeitgeberin in der Umgebung: Sie beschäftigte anfangs etwa 150 Arbeitskräfte, wobei es sich mehrheitlich um Frauen und deren erwachsene Töchter aus der Region handelte. In der Rotfarb fanden rund 50 Arbeitskräfte Anstellung, und auch dort gab es vergleichsweise mehr Frauen als Männer. Zur Zeit der frühen Industrialisierung mussten die in der Regel wenig qualifizierten Fabrikarbeiter/innen bereit sein, repetitive Arbeiten gegen meist schlechte Entlöhnung zu verrichten. Zusätzliches Bargeld aber war damals vor allem auch bei den Kleinbauernfamilien nötig und willkommen.
Viele Jahrzehnte lang riefen die beiden Fabrikglocken zur Arbeit, zu den Pausen und zum Feierabend. Über die Glocke der Baumwollweberei ist zudem bekannt, dass sie für eine strenge Anwesenheitskontrolle der Fabrikarbeiter/innen stand: Seit sie im November 1892 auf dem First des neu erbauten Magazins in ein kleines Türmchen gehängt worden war, musste sie der «Weberei-Sigrist» morgens und nachmittags jeweils fünf Minuten vor Arbeitsbeginn – später zwei Minuten davor – läuten. Beim letzten Glockenschlag verschloss der Aufseher das Gatter zum Fabrikareal. Wer von den Weber/innen zu spät zur Arbeit kam, wurde ausgesperrt, bis die Kontrolle in der Werkhalle vorüber war, und wurde dann mit einer Geldbusse bestraft.
Die beiden Glocken wurden später von den Nachfolgefirmen der Weberei (Durisol) und der Rotfarb (RWD) in deren Besitz übernommen und z.T. weiterhin gebraucht. Dann wurden sie beide schliesslich im Jahr 1954 dem Ortsmuseum Dietikon geschenkt. Zwar sind die echten Glocken nun leider nach dem dreisten Diebstahl vorletzten Jahres unwiderruflich verloren. Aber sie stehen für ein wichtiges Stück Industriegeschichte Dietikons, das nicht aus dem kollektiven Bewusstsein der Gemeinde verloren gehen darf: Mögen daher die heute, 2019, gegossenen Repliken der Dietiker Fabrikglocken diese kollektive Erinnerung weitertragen.

Text: Sven Wahrenberger, Historiker, Mitglied der Kommission für Heimatkunde

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