Wollen Sie die wichtigste Frage wirklich delegieren? Dies die Eingangsfrage von Frau Dr. med. Barbara Federspiel, Chefärztin Innere Medizin im See-Spital Horgen, an die gut 40 Interessierten, darunter erfreulich viele jüngere, die der Einladung der CVP Uitikon zum traditionellen Frühlings-Jazz-Apéro im Bistro Spilhöfler gefolgt waren.

Was geschieht mit uns, wenn wir selber nicht mehr entscheidungsfähig sind? Nach einem Unfall z.B. oder – immer aktueller – bei Demenz im Alter. Mit dieser Frage beschäftigt sich niemand gern. Sie wird verdrängt, was dazu führen kann, dass im Ernstfall unter grossem emotionalem Druck stehende Angehörige und behandelnde Ärzte schwierige Entscheidungen für und über uns treffen müssen – Entscheidungen, die dann möglicherweise nicht so sein werden, wie wir uns in jener Situation selber wünschten. Damit dem nicht so ist, gibt es in dem seit dem 1. Januar 2013 Schweiz-weit gültigen revidierten Erwachsenenschutzgesetz das Instrument der Patientenverfügung (PV). In diesem Dokument hält ein zukünftiger Patient fest, welche medizinischen Behandlungen und Massnahmen er wünscht, wenn er einmal schwer erkrankt und nicht mehr urteilsfähig ist, also seinen Willen nicht mehr selbst äussern kann.

Jede urteilsfähige Person – auch Jugendliche, Handlungsfähigkeit ist keine Voraussetzung – kann eine PV verfassen. Diese kann ein vorgegebenes oder auch ein handgeschriebenes Dokument sein, sie muss aber zwingend mit Datum und Unterschrift versehen sein. Da es schwierig ist, im Voraus konkrete medizinische Massnahmen zu beurteilen, ist es laut Dr. Federspiel sinnvoller, in der PV eine Wertehaltung zu definieren: Wie stelle ich mir ein Leben vor (oder kann es mir nicht vorstellen), wenn ich älter und krank bin? Welches sind allfällige Therapieziele? Was möchte ich erreichen, wenn ich schwer krank oder verunfallt bin (z.B. möglichst gute Schmerzkontrolle, wenn möglich keine dauerhafte schwere Pflegebedürftigkeit)? Wie viel Lebensqualität möchte ich noch erhalten oder wieder erlangen? Ein Kriterium könnte sein: „Wenn ich schwer dement bin, d.h. nicht mehr selber essen oder mich ankleiden kann oder meine Angehörigen nicht mehr erkenne“. Hilfreich kann sein festzuhalten, weshalb eine PV geschrieben wird, z.B. der Hinweis auf ein Ereignis im persönlichen Umfeld, das man selber so nicht durchmachen möchte: „Ich habe erlebt, wie meine Freundin nach einem Hirnschlag schwer pflegedürftig in einem Heim gepflegt werden musste, so möchte ich nicht dauerhaft leben.“

Die PV kommt nur dann zur Anwendung, wenn jemand urteilsunfähig ist. Sie erlischt nicht. Sinnvoll ist aber, sie etwa alle 2 Jahre zu überprüfen und mit Datum neu zu unterschreiben. Entscheidend ist, dass die PV im Ernstfall aufgefunden wird, dass z.B. der Hausarzt über ein Exemplar verfügt und die Angehörigen wissen, wo sie aufbewahrt wird. Ein Hinweis im Portemonnaie ist ebenfalls sinnvoll. Seit kurzem ist die Hinterlegung auf der Versichertenkarte der Krankenkassen möglich; allerdings verfügen aufgrund verschiedener technischer Standards noch nicht alle Ärzte über die erforderlichen Lesegeräte. Verschiedene Organisationen bieten im Internet Vorlagen der PV zum Download an und teilweise auch Beratung und die Möglichkeit der Hinterlegung, so Caritas, Schweizerisches Rotes Kreuz, FMH, Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften SAMW und Dialog Ethik.

Fazit: Die PV kann zwar nicht vor Krankheit oder Unfall schützen. Sie kann aber dazu beitragen, im Ernstfall das eigene und das Leben vieler Beteiligter zu erleichtern.

Reto Schoch, CVP Uitikon