Konsumenten wählen am Herbstmarkt in Schlieren auch aussortierte Äpfel

Das Problem „food waste“ ist in aller Munde. Gemäss zahlreichen nationalen und internationalen Studien gehen etwa ein Drittel aller für den Personenkonsum produzierten Lebensmittel zwischen Feld und Teller verloren oder sie werden zu Hause weggeworfen. Das entspricht gemäss foodwaste.ch für die Schweiz pro Jahr rund 2 Millionen Tonnen Nahrungsmittel oder der Ladung von rund 140‘000 Lastwagen, die aneinandergereiht eine Kolonne von Zürich bis Madrid ergeben würden. Wie Markus Hurschler von foodwaste.ch an der Konferenz „Strategien gegen food waste“ am 13. Juni in Zollikofen erklärte, entsteht die eine Hälfte der Verluste bereits in der Nahrungsmittelproduktion wie der Landwirtschaft (verantwortlich für 13% aller Verluste, beispielsweise weil die Früchte und Gemüse nicht der idealen Form oder Grösse entsprechen), der Verarbeitung (30%, aufgrund von Verarbeitungsverlusten oder durch Überproduktion) oder im Gross- und Detailhandel (7%). Die andere Hälfte der Verluste werden in Haushalten (45%) und der Gastronomie (5%) verursacht: Pro Person landen schweiz­weit täglich 320 Gramm einwandfreie Lebensmittel im Abfall. Man stelle sich dies mal vor! Dies entspricht fast einer ganzen Mahlzeit. Dass wir als Konsumenten eine Mitschuld tragen an diesem unsorgsamen Umgang mit geniessbaren Lebensmitteln steht somit fest. Wieso es aber für notwendig gehalten wird, qualitativ einwandfreie Lebensmittel bereits aufgrund Aussehen und Grösse „auszusortieren“ und den EndkonsumentInnen gar nie zum Kauf anzubieten, wirft Fragen auf.

Ob sich KonsumentInnen tatsächlich nur auf 1. Klass-Produkte stürzen, wie oft behauptet wird, oder ob auch angebotene 2. Klass-Produkte den Weg in den Magen finden, das wollten die Grünliberalen von Schlieren und des Bezirks Dietikon testen. Am diesjährigen Herbstmarkt in Schlieren informierte die glp zum Thema Lebensmittelverschwendung und zog die Passanten in einen Selbsttest ein. Die MarktbesucherInnen durften einen Apfel aus den vom Schlieremer Grosshändler SGG Waser AG gesponserten Äpfeln aussuchen und probieren. Zur Wahl standen die grossen rotbackigen Gala aus diesjähriger Ernte, die ebenfalls grossen, gelblich-grünen Golden Delicious (diesjährige und gelagerte) sowie die gelagerten, deutlich kleineren, grünen Jonagold mit mehr oder weniger roten Backen. Die Gala-Äpfel gehörten der 1. Klasse an, die beiden anderen lediglich der 2. Klasse. Die Ladenrichtpreise pro Apfelsorte wurde ebenfalls angegeben. 2.-Klass-Äpfel trifft man in der Regel in den Verkaufsregalen der Detaillisten nicht oder nur in einzelnen Filialen an, z.B. in Form der in Säcke abgepackten „Kinderäpfel“ oder evtl. bald auch bei der ab August von Coop neu eingeführten Produktlinie „Ünique“, mit der vermehrt optisch nicht einwandfreies Gemüse sowie weiteres nicht normenkonformes Obst seinen festen Platz in den Regalen bekommen soll.

Die Grünliberalen hielten die Wahl des bevorzugten Apfels nach groben Altersklassen und Geschlecht fest. Interessant ist denn auch das Resultat: Am früheren Morgen pickte die – im Vergleich zu den späteren Tageszeiten – eher ältere Bevölkerung vorwiegend die kleineren Jonagold-Äpfel, also jene, die man im Laden nicht zu Gesicht bekommt, weil sie zu klein sind. Die Wahl für den Jonagold wurde oft mit der Wahl zugunsten eines „gesunden“, „natürlich aussehenden“, „normalen“ oder „robusten“, „süss-säuerlich schmeckenden“ Apfels begründet, oder einfach „weil er so schön klein ist“.

Die Kinder wählten hingegen eher den grossen rotbackigen Gala. Die kleinen Jonagold-„Ausschussäpfel“ wurden anteilsmässig noch mehr von den Männern als von den Frauen ausgesucht, wobei nur gut ein Fünftel der Stand-Besucher überhaupt Männer oder Buben waren. Von allen statistisch festgehaltenen ApfelpickerInnen entschieden sich insgesamt 53% für den 1.-Klass-Gala-Apfel, 7% für den hellgrünen grossen 2.-Klass-Golden Delicious und 40% für den kleinen 2.-Klass Jonagold. Das häufigste Argument für den Gala war die schöne rote Farbe und für den Jonagold die kleinere Grösse.

Dieser kleine Marktversuch zeigt deutlich, dass ein Teil der KonsumentInnen die kleineren 2.-Klass-Äpfel durchaus gerne kaufen würde – und zwar nicht nur, weil sie deutlich günstiger wären. Weshalb werden also keine 2.-Klass-Produkte in den Läden angeboten? Dies hat verschiedene Gründe: Zum einen gibt es strenge Vorgaben und Normen von Verbänden. Die Grössennormierung wiederum wird vor allem von den Grossverteilern vorgegeben. Die strenge Lieferantenbewertung führt zudem dazu, dass die Produzenten nur die schönsten und einwandfreien Produkte abpacken. Zu kleine Äpfel wagt niemand zu liefern, aus Angst vor einer Rückweisung und damit einer schlechten Lieferantenbeurteilung. Die Produzenten arbeiten in einem Leistungsauftrag, und da gilt die Qualität als wichtigste Einnahmequelle. Aber auch die KonsumentInnen haben nicht mehr die gleiche Akzeptanz für geringere Qualitäten wie früher. Ältere Leute erinnern sich vielleicht noch daran, dass es früher jeweils nur eine Apfelsorte gab. Diese wurde während des Winters im Keller gelagert, so dass der Vorrat oft bis in den Frühling oder Frühsommer reichte. Ältere Menschen waren es gewohnt, die Äpfel mit dem Messer zu essen, um die ungeniessbaren Stellen zu entfernen. Heute kaufen die Leute die verschiedenen Apfelsorten je nach Verwendungszweck – und auch eine Wähe wird aus perfekten 1.-Klass-Äpfel kreiert. „Welche Apfelsorte ich bevorzuge? Das kommt ganz auf den Verwendungszweck an“, war denn auch eine am Schlieremer Herbstmarkt häufig gehörte Antwort auf die Qual der Apfelwahl.

Die Grünliberalen setzen sich mit diversen Aktionen auf lokaler Ebene (z.B. Film- und Diskussionsabende zum Thema Lebensmittelverschwendung in Dietikon und Schlieren) und mit Vorstössen auf nationaler Ebene, schon seit längerem gegen die Lebensmittelverschwendung ein. Aber es ist noch ein langer Weg bis zum Ziel und beteiligen können sich alle.

Sonja Gehrig, Co-Präsidentin Grünliberale Bezirk Dietikon, Urdorf
Andreas Kriesi, Präsident Grünliberale Schlieren