Ochsentour
Spittelers Salami

Simon Morgenthaler
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Das Schild längst abgehängt, verschrottet vielleicht, antiquarisch versetzt, oder irgendwo auf einem Dachboden. Der Ochsen ist kein Ochsen mehr.

Das Schild längst abgehängt, verschrottet vielleicht, antiquarisch versetzt, oder irgendwo auf einem Dachboden. Der Ochsen ist kein Ochsen mehr.

Bild: Simon Morgenthaler

Ich habe mir Appetit anspaziert. Von Waldenburg her komme ich oben bei der ‹Fuchsfarm› an. Kein Pelzmassaker, nur Schnee, etwas Nebel. Es ist kalt, saukalt möchte ich sagen, aber ‹Säue› erinnern mich zu sehr an dampfende Saucissons.

Ich steige nach Bennwil hinab, zur Kirche. Verdächtig stehe ich da und äuge. Ein ehemaliger Ochsen, jetzt Wohnhaus, die einfachen Lettern des Schriftzugs am Hinterhaus hängen noch, eine Bierwerbung entrückt über der Tür, vom Schild an der seitlichen Hauswand ist nur noch der Abdruck der Halterung sichtbar.

Was ich hier verloren habe, fragt es plötzlich in meinem Rücken. Ein Männli wie aus einer anderen Zeit. Ich schaue nur, entgegne ich. – Was es denn da zu sehen gebe. Der Ochsen sei zu. Ich sei wohl nicht von hier. – Nein. – Das höre man. Ob ich wegen dem Spitteler gekommen sei. – Wem? – Dem Spitteler, Nobelpreisträger, der sei in ‹Bämbel› heimatberechtigt. Das sei doch für einen Touristen. Als alter Mann sei dieser selbst mal hergekommen, er sei mit einem Gemeinderat ins Gespräch gekommen und habe diesen in den Ochsen eingeladen. Man wisse nicht mehr, was die geredet hätten, einen Chlöpfer hätten sie angeblich gegessen, schmunzelnd.

Ich blicke interessiert, weil ahnungslos. Spitteler ist ein grosser Mann, sage ich. – Geschichten hat er erfunden, ob ich denn sein Salami-Gedicht nicht kenne. – Nein. – Da geht es um eine Dame, die von einem Anwärter ein seltenes Wildbret als Liebesbeweis erjagt wissen will. Der zieht los, worauf ihm aber fernab sein Gaul verreckt. Er macht aus diesem prompt eine Salami, bringt sie heim und schenkt sie der Verehrten, welche die Gabe beglückt annimmt.

Was denn dies Gleichnis bedeute? – Ja, das habe er sich auch manchmal gefragt, aber das sei ihm Wurst. Es werde ihm einfach immer ganz warm dabei. Der Pfarrer habe einst gezetert, das mit der Salami sei schändlich, der Spitteler habe das Denkmal unten im Dorf nicht verdient. Diese Abneigung sei vielleicht sogar der Grund, warum man später das ‹Carl Spitteler Schiessen› erfunden habe; jetzt knallten die dem armen Spitteler noch mit Gewehren hinterher, dabei sei er doch eh längst vergessen.

Bevor ich mich versehe, ist das Männli verschwunden. Das mit der Salami bleibt wohl ein Weltenrätsel. Auf dem Denkmal am Spittelerweg schaut er runzlig von seinem erratischen Block ins Ungewisse. Unterhalb des Strassenschilds eine Tafel: Milchsammelstelle, Parkieren verboten von 7.00 bis 7.30. So viel bleibt vom ‹Olympischen Frühling›.

Simon Morgenthaler lebt und ochst in Basel. Er geht für die ‹Schweiz am Wochenende› auf eine literarisch-kulinarische Ochsentour in der Region. In einer Zeit, wo alles zu zu sein hat, sucht er mit zu grossem Appetit auf, was ohnehin zu ist – und deliriert zunehmends.